ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG

„Und denk‘ dran: Zu niemandem ein Wort…“

Es geschah am hellichten Tag ~ BRD/CH/E 1958
Directed By: Ladislao Vajda

Just zwei Tage vor der Abreise des schweizer Oberleutnant Matthäi (Heinz Rühmann) Richtung Jordanien, wo er die hauptstädtische Polizei-Organisation reformieren soll, schlägt ein geisteskranker Kinder- und Serienmörder bereits zum dritten Mal binnen fünf Jahren zu. Der zunächst verdächtigte Hausierer Jacquier (Michel Simon) wird von Matthäis Nachfolger Henzi (Siegfried Lowitz) so lange zermürbenden Verhören unterzogen, bis er gesteht und sich daraufhin in seiner Zelle erhängt. Matthäi indes ist von Jacquiers Unschuld überzeugt, kündigt kurzerhand seinen Vertrag mit Amman und begibt sich auf eine private Suche nach dem Täter, bevor jener ein weiteres Opfer fordert. Bei seinen Ermittlungen lässt Matthäi selbst mancherlei ethische Grenze außer Acht…

„Es geschah am hellichten Tag“ basiert auf einem Originaldrehbuch von Friedrich Dürrenmatt, das der mit einigen inhaltlichen Facetten unzufriedene Autor nahezu unmittelbar in den Roman „Das Versprechen“ transponierte. Vajdas Film verfolgt das traditionelle Schema der Jagd nach einem wahnsinnigen Gewaltverbrecher nebst gutem Ausgang. Matthäi ist, passend zu Rühmanns bereits lang gepflegtem Rollen-Image, ein sanfter und besonnen agierender Kriminaler, der seine Methoden zwar zuweilen ungern praktiziert, sie aber dennoch stets unter Kontrolle behält und ob ihres Erfolgs auch rechtfertigen kann. Zudem steht er als Systemkontrahent, da die Kantonspolizei sich nach seinem Vertragsbruch weigert, ihn weiter zu beschäftigen. Matthäi muss also auf eigene Faust ermitteln und gleich dreierlei Sühnefälle bewältigen: Den plotstiftenden Tod der kleinen Gritli, deren verzweifelten Eltern Matthäi die Überführung des Mörders verspricht, Jacquiers unnötigen Suizid (auch jener ein Symbol für die Hilflosigkeit, das Versagen der Exekutive) und natürlich den Schutz seines späteren Lockvogels  Annemarie (Anita von Ow), die für ihn bald selbst zu einer Quasi-Tochter avanciert.
Derweil arbeitet der Roman wesentlich subtiler und sinistrer: hierin wird der Ermittler Matthäi selbst zum schwer bedenklichen Fall; er steht unter wachsendem persönlichen und beruflichen Druck, den Serientäter dingfest zu machen und bleibt am Ende doch erfolglos und seiner Obsession überlassen. Das Monster – im Buch bleibt es schemenhaft, im Film erhält es die im Grunde naheliegende Gestalt Gert Fröbes. Dessen psychologische Anamnese erfolgt gleich nach Matthäis Radikalzäsur: Im Zuge eines Gesprächs mit dem Polizeipsychologen Manz (Ewald Balser), dessen Grundlage ein von Gritli gemaltes Bild des „schwarzen Riesen“ ist, glaubt Matthäi plötzlich, diesen „Mann selbst seit Jahren zu kennen“. Und tatsächlich findet der Verbrecher in Fröbes Herrn Schrott seine kongeniale Entsprechung – einen Typen zwischen Angst und Explosion, zwischen liebenswerter Lustigkeit und diabolischer Brutalität. Einer der diversen Epigonen von Peter Lorres Hans Beckert also und somit wohlweislicher Tradition verpflichtet.

9/10

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