THE ZERO THEOREM

„What’s the point?“ – “ Exactly. What’s the point of anything?“

The Zero Theorem ~ UK/USA/F/RO 2013
Directed By: Terry Gilliam

England, die Zukunft: Qohen Leth (Christoph Waltz), ein einsamer, neurotischer Programmier, widmet sein gesamtes Leben seiner Produktivität als Angestellter der Firma ‚Mancom‘. In deren Auftrag soll er in einem virtuellen Kosmos „Entitäten“ ausfindig machen und einkesseln, eine Computer-Geschicklichkeitsspielen nicht unähnliche Tätigkeit. Seine bereits fortgeschrittene, psychische Störung macht derweil nicht Halt: Qohen wartet auf einen mysteriösen Telefonanruf, der ihm den Sinn seines Lebens erläutern soll; in seinen Träumen sieht er wieder und wieder einen gigantischen, alles verschlingenden und in ein unbekanntes Ziel mündenden Sternenwirbel, der ihn magisch anzieht. Als Qohen bei einer Firmenfeier das Cyberspace-Partygirl Bainsley (Mélanie Thiery) kennenlernt, fühlt er sich stark zu ihr hingezogen. Dass diese Anziehung auf Gegenseitigkeit beruht, macht Bainsley ihm bald klar, doch Qohen findet nicht unmittelbar die Kraft, sich ihrem „reellen“ Angebot, einfach mit ihr durchzubrennen und alles hinter sich zu lassen, zu stellen. Endgültig allein gelassen, rebelliert er gegen die ‚Mancom‘-Maschinerie.

„The Zero Theorem“ setzt Terry Gilliams mit „Brazil“ begonnenen und mit „12 Monkeys“ weitergeführten, dystopischen Zyklus fort. Bewusste Elemente aus beiden Vorgängern begegnen dem Rezipienten auch in Gilliams Jüngstem, finden sich jedoch in einem zeitgemäß nivellierten Szenario wieder. Orwell liegt mittlerweile wohl doch allzu weit in der Ferne, vermutlich ebenso wie ökologisch motivierter Terrorismus. Die vorliegende gilliam’sche Schreckensvision einer Grauen erregenden Zukunft ist keinesfalls mehr bürokratisiert, trist und öd, sondern im Gegenteil hoffnungslos reizüberflutet. Durch den unentwegten, aggressiven und schein-individualisierten Beschuss mit Werbung sowie die Verwendung lustiger, greller Farben und Formen in der Umweltgestaltung oberflächlich aufgehübscht, gleicht die urbane Realität in „The Zero Theorem“ (ob es überhaupt noch eine rurale gibt, verrät der Film nicht) einem reizüberflutetem Albtraum ohne Rückzugsmöglichkeit. Die Leiter unserer künftigen Geschicke – eine in emotionaler Hinsicht  weithin entmenschlichte Kaste von Kapitalisten, Managern und Verwaltern (im Film repräsentiert durch einen weißhaarigen Matt Damon als „Management“) – sind endgültig zu Sklaventreibern und Schafhirten verkommen. Ihre Aufgabe besteht einzig darin, Arbeitern und Angestellten die optimale Funktionsleistung, das höchstmögliche Leistungspensum abzuringen, ohne, dass man als Getrieberädchen überhaupt noch Zeit findet, seine Stellung oder den Sinn seiner Tätigkeit zu hinterfragen.
Qohen wird, als ein besonders bedauernswertes Exemplar jener Ausgelaugten, auf eigenen Wunsch hin vom eigentlichen Arbeitsplatz in die Isolation einer leerstehenden Kirche beordert – er zieht die dortige Arbeit am Rechner jener im lärmenden Betrieb, der der Konsolenspielabteilung bei „Toys R Us“ während eines Kindergeburtstages gleicht, aus verständlichen Gründen vor. Qohen irrlichtert hier in Erwartung eines vielleicht bloß imaginären Erlösers durch einen letzten Rest an Privatleben. Doch birgt die Abkapselung, der letzte, freiwillige Verzicht auf Zwischenmenschliches, noch zusätzliche Tücken: Der Gang vor die Tür wird noch unnötiger als ohnehin schon und Qohens permanent zugeschaltete Cyber-Analytikerin Dr. Shrink-Rom (Tilda Swinton) bekommt immer mehr zu tun. Die unterdessen aufgekeimte Freundschaft zu Managements Sohn Bob (Lucas Hedges) endet in einer unvorhersehbaren Implosion; Qohen wird „nicht länger benötigt“, begreift jedoch seine vormalige Position: Als jemand, der noch nach einem Lebenssinn suchte, bildete er den lebendigen Widerpart zum geheimnisvollen „Zero Theorem“, das folglich nichts Anderes ist als die völlige, endgültige Sinnentleertheit aller Existenz.
Wohin Qohens Weg am Ende führt, bleibt geflissentlich schleierhaft. Vielleicht ist sein Einzug in das Schwarze Loch seiner Träume und die anschließende Ankunft in seinem und Bainsleys Inselparadies bloß eine mentale Flucht wie seinerzeit jene von Sam Lowry, derweil sein Körper unter den Wachhabenden von ‚Mancom‘ zermatert wird; möglicherweise ist er nurmehr auch bloß als entkörperlichte Bit-und-Byte-Existenz im Netz unterwegs, vielleicht findet er auch wirklich sein persönliches Paradies. Die definitive Antwort lässt Gilliam diesmal, in deklarierter Mündigkeit seines Publikums, bewusst offen. Hoffen wir mit Qohen Leth und erfolgreich vollzogener Flucht vor dem Zero Theorem.
Dass im Gefolge etlicher DTV-Genre-Produktionen selbst ein Filmemacher vom Range Terry Gilliams gezwungen ist, sein Werk, welches ganz bestimmt ein Leuchtfeuer im gegenwärtigen anglophonen Kino abgibt, mit dem kleinsten ihm zur Verfügung stehenden Budget seit „Jabberwocky“ im Billigproduktionsland Rumänien samt ortsansässigen extras anzufertigen, verrät nebenbei Einiges über den Zustand des Kinos im Allgemeinen und den gegenwärtigen Wert von Mut zu echter Innovation im Bereich der 7. Kunst im Speziellen. Aber wie beruhigend andererseits, dass Gilliam den Kampf dennoch nicht aufzugeben bereit ist und uns hoffentlich noch mancherlei Visionäres kredenzt.

8/10

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3 Gedanken zu “THE ZERO THEOREM

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