BLUE RUIN

„No speeches. You point the gun, you shoot.“

Blue Ruin ~ USA/F 2013
Directed By: Jeremy Saulnier

Seit einst seine Eltern ermordet wurden, lebt Dwight Evans (Macon Blair) in Obdachlosigkeit und Verwahrlosung. Er ernährt sich von dem, was er findet und haust in einem beinahe schrottreifen Pontiac am Strand von Delaware. Da erfährt er, dass Wade Cleland, der Mörder seiner Eltern, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird. Dwight macht seinen Wagen flott und fährt nach Virginia, wo auch seine Schwester Sam (Amy Hargreaves) mit ihren beiden kleinen Töchtern wohnt, um sich persönlich an Cleland zu rächen. Sein Plan funktioniert, nur dessen Umsetzung hapert. Dwight muss den Pontiac, der auf Sams Namen registriert ist, am Tatort zurücklassen. Damit werden Clelands nicht minder gewaltbereite Geschwister auf Dwight, seine Schwester und seine Nichten aufmerksam. Sam muss ihr Haus verlassen und für Dwight beginnt ein unfreiwilliger, verzweifelter Feldzug gegen den Rest der Cleland-Familie.

„Wer auf Rache aus ist, der grabe zwei Gräber“, philosophierte Konfuzius einst und empfahl damit dem potenziell unbedachten Rächer, sich im Aktionsfalle gleich selbst mit aufzugeben. Dwight Evans‘ Vorgehen fällt dermaßen impulsiv aus, dass er einen verhängnisvollen Fehler begeht: Mit dem zwangsweise zurückgelassenen Wagen macht er nicht nur seine Person identifizierbar, sondern auch den Rest seiner Familie. Zudem wird ein von ihm zunächst „begnadigter“ Junge (David W. Thompson) ihm später zum Verhängnis werden. Dwight ist kein offensiver Gewalttäter, allein der gewaltsame Tod seiner Eltern, jener bereits der Racheakt eines betrogenen Ehemannes, hat den dereinst möglicherweise vielversprechenden jungen Mann so sehr aus der Bahn geworfen, dass damit gleichfalls sein weiteres Leben zum Schutthaufen auftürmte. Mit der Freilassung Wade Clelands erhält Dwights ziellose Existenz zumindest kurzfristig wieder einen Sinn, die von Dwight reaktivierte Gewaltspirale beginnt sich infolge dessen jedoch umso schneller zu drehen, je aktionistischer er vorgeht. Mit seinem ehemals besten Schulfreund Ben Gaffney (Devin Ratray), mittlerweile ein verschrobener Waffen- und Survival-Experte, involviert Dwight zudem eine weitere, unbeteiligte Person in den sich hochschaukelnden Schlagabtausch zwischen ihm und den Clelands; auch Ben muss zum Mörder werden, um Dwight das Leben zu retten. Immerhin ist Dwight fair genug, Bens weiterer Beteiligung an dem ihn prinzipiell nicht betreffenden Kriegspfad einen zwangsweisen Riegel vorzuschieben. Dennoch kennt das Finale nur Verlierer.
Mit Jeremy Saulnier, dessen zweite Kinoregie „Blue Ruin“ markiert, hatte ich bislang nicht das Vergnügen. Seine Inszenierung nimmt sich, abgesehen von den explosiven Gewaltspitzen, gepflegt, entspannt, gelassen – beinahe meditativ aus. Mit diesem Film werde ich mir Saulniers Namen als vielversprechend einprägen; „Blue Ruin“ vereint in sich nämlich die vordringlichsten Attribute guten, amerikanischen Indie-Crime-Dramas mit ruralem Einschlag, wie man es jüngst etwa aus Sehenswertem wie „Winter’s Bone“, Rod Luries „Straw Dogs“-Remake, „Out Of The Furnace“  oder vielleicht dem etwas einfältiger gewobenen „Homefront“ kennt und das wiederum auf klassisches Post-Noir-Kino Marke „Bad Day At Black Rock“ verweist. All diese Filme, so auch der vorliegende, dringen vor in intraamerikanische, ländliche Parawelten; Mikrokosmen, die seit etlichen Generationen, möglicherweise bereits seit den Pionierzeiten, ihre eigenen Rechts- und Ehrbegriffe kennen, die sich zivilisatorischen Dogmen seit eh und je entziehen und in denen bald atavistische, darwinistische Überlebensregeln ihre Geltung behalten haben. Sofern hier überhaupt Staatsgewalten einbezogen werden, bleiben diese von sekundärer Bedeutung – hiesige Probleme pflegt man selbst zu lösen. Wenn ein unbedarfter Charakter wie Dwight Evans in solche Geschichten hineingezogen wird, dann haftet dem Ganzen nochmal eine besondere Tragik an – immerhin wird er vom fragilen Leidtragenden zum nicht minder fragilen, dazu noch redundanten „Helden“.

8/10

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