AFTER

„We just missed each other tightly.“

After ~ USA 2012
Directed By: Ryan Smith

Freddy (Steven Strait) und Ana (Karolina Wydra) lernen sich unmittelbar vor einem schweren Verkehrsunfall im Linienbus kennen. Am nächsten Morgen bemerkt Ana, dass die Welt um sie herum grau geworden und scheinbar entvölkert ist. Nur Freddy, der unweit von ihr wohnt, ist außer ihr noch da, erlebt jedoch dasselbe. In der Stadt stellen sie fest, dass sie immer wieder passive Zeugen von Ereignissen aus ihrer eigenen Vergangenheit und von den übrigen Menschen nicht wahrgenommen werden. Des Rätsels Lösung: Freddy und Ana sind gefangen in einem Zwischenreich, derweil ihre Körper im Krankenhaus in komatösem Zustand dahinvegetieren. Damit nicht genug, lauert der Tod auf sie in Form einer immer näher kommenden, schwarzen Wolkenwand, in deren Inneren ein böses Monster in Ketten haust…

Uah, noch so ein Gürksken, schematisch aufgebaut aus gruseligem Backstein und befestigt mit phantastischem Mörtel. Dabei kennt man auch dies, die Faszination vom Jenseitigen, doch bereits aus etlichem Alternativmaterial und vor allem deutlich spannender, einnehmender, besser. Spontan fielen mir die beiden „Reeker“-Filme von Dave Payne ein, die sich wenigstens etwas trauten und Deftiges zur späten Stunde kredenzten. „After“ begnügt sich derweil damit, sanften Schulmädchenhorror für die Generation „Twilight“ zu liefern, sich in diesem Zuge möglichst viel Romantik und Naivität zu befleißigen und so richtig geil emo zu sein. Ein Schuss Urmythologie Marke Orpheus gehört freilich mit dazu und auch ein nicht allzu grauenhaftes Höllenmonster, von dem man angedenk des flauen Rests gern sehr viel mehr gesehen hätte. Aus der ungeliebten Abteilung „sehen, zur Kenntnis nehmen, vergessen“. Einen mich geflissentlich juckenden Kalauer bezüglich des Titels und dessen orakelhafter Weisung, wo der Film hingehöre, erspare ich euch und mir an dieser Stelle.

3/10

COHERENCE

„Let’s have a drink.“

Coherence ~ USA/UK 2013
Directed By: James Ward Byrkit

Vier Pärchen zwischen Mitte 30 und 50 treffen sich zu einem gemeinsamen Heimdiner und einem Glas Wein. Just an diesem Abend soll in geringer Entfernung ein Komet die Erde passieren, der nur alle hundert Jahre vorbei kommt. Die Auswirkungen des Himmelskörpers zeigen sich bald in verstörender Weise: Die Freunde bemerken nach und nach, dass ein Tor nicht zu einer, sondern gleich zu multiplen alternierenden Realitäten geöffnet wurde, die, wenngleich leicht zeitversetzt, die Begegnung mit diversen Versionen ihrer eigenen jeweiligen Ichs in direkter lokaler  Nachbarschaft ermöglichen. Tatsächlich durchmischt sich bald unweigerlich die Konstellation der Anwesenden mit ganz unterschiedlichen Vetretern aus den Alternativrealitäten. Oder ist an der ganzen Aufregung doch bloß ein kollektiver Rausch infolge einer scherzhaft verabreichten Droge Schuld… ?

Nicht der erste Film, der sich vornimmt, die psychotischen Auswirkungen von paraphysikalischen Ereignissen wie Zeitreisen, Zeitschleifen oder eben geöffneten Türen zu Parallel- oder Spiegelrealitäten auf erzählerisch möglichst clevere Weise zu umreißen. Ottokar Kinofritz nennt sowas dann in Ermangelung etwas analytischeren Vokabulars gern „mindfuck movie“, ein von mir eigentlich wenig geschätzter Terminus, der mir jedoch unweigerlich während der ganzen Betrachtung von „Coherence“ durch den Schädel jagte. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, hier mit aller Macht funktionalisiert, instrumentalisiert, zur Marionette besonders schlauer Aktionsverknoter deklariert (oder degradiert?) zu werden. Bevor ich mir ein Foto des dann glücklicherweise  doch nicht unsympathisch ausschauenden Autors und Filmemachers James Ward Bykrit angeschaut habe, stellte ich ihn mir wie einen dickbebrillten Physikstudenten mit fettigen Haaren vor, der sich ob seiner eigenen Genialität unaufhörlich die Hände reibt. Nun, um etwas bodenständiger zu werden: Wirklich gefallen hat mir „Coherence“ nicht und der Hauptgrund dafür ist so banal wie „unprofessionell“: sein Figureninventar. Als der Ensemblefilm, der er abseits von seinem diskursiven Grundriss nicht zuletzt auch ist, steht und fällt Bykrits Werk jedoch nunmal mit der erfolgreichen Veräußerung seines Personals, und genau jene mochte bei mir nicht zünden. Die vier befreundeten Paare und nicht zuletzt ihre jeweiligen persönliche Probleme und Beziehungsschwankungen empfand ich als völlig bedeutungslos und egal, um nicht zu sagen uninteressant. Damit nicht genug, sind genau dies Typen, mit denen mich aber auch gar nichts nichts verbindet; gepflegte, kantenlose Menschen meiner Altersstufe und um sie herum, die sich – ob bewusst oder nicht – seit langem komplett dem Establishment ausgeliefert haben und, ein halbleeres Glas Weißwein in der Hand, über homöopathisch gerierte Psychopharmaka schwadronieren, und das in unaufhörlich-penetranten, nichtssagenden Close-ups und vor wichtig wackelndem Objektiv. Kotz. Doch nicht genug damit, dass mir hier bereits der empathische Teppich unter den Füßen weggezogen wurde, erschloss sich mir die ganze Aufregung um das so hochgejubelte, metaphysikalische Ereignis nicht. Was rennen die Leute mit ihren Leuchtstäbchen nur immmer wieder Dunkeln durch die Gegend, nachdem sie doch längst herausgefunden haben, was Sache ist? Können die nicht einfach an Ort und Stelle sitzen bleiben, ihren verschissenen Chablis schlürfen und warten, bis der Komet weg ist und der nächste Morgen graut – immerhin sind „die Anderen“ doch in exakt derselben Situation!? Nein, hier wird eine brauchbare Idee ideenlos aufgeblasen und vermarktet. Dann doch lieber eine zünftige „Monster-Parallelwelt“ wie neulich in „The ABCs Of Death“. Da ist dann wenigstens was los im Staate Quantenphysik.

4/10

TUSK

„I don’t wanna die in Canada!“

Tusk ~ USA 2014
Directed By: Kevin Smith

Um ein von ihm und seinem Kumpel Teddy (Haley Joel Osment) „The Kill-Bill-Kid“ (Douglas Banks) getauften Amateur-Schwertkämpfer, der sich in einem Internet-Video unfällig selbst das Bein absäbelt, zu interviewen, reist der Podcaster Wally Bryton (Justin Long) nach Kanada. Das Kill-Bill-Kid hat jedoch unterdessen Seppuku begangen und nun steht Wally vor Ort ohne Story da. Auf einer Kneipentoilette entdeckt er dann die Notiz eines Mannes namens Howard Howe (Michael Parks), der offenbar nach einem Mitbewohner und willfährigem Zuhörer für seine alten Seemannsgeschichten sucht. Wally entschließt sich, Howe zu besuchen und läuft geradewegs mitten hinein in die Falle eines total durchgewrungenen Psychopathen, der Menschen in Wallrösser verwandelt…

Ob „Tusk“ ein smith’scher Kommentar zu Tom Six‘ ja unlängst auf Trilogiegröße herangewachsene „Human Centipede“ – Saga ist, vermag ich in Unkenntnis entsprechender Fakten nicht zu sagen; zumindest der entsprechende Schluss jedoch liegt nahe. Es ist ja auch eine wunderbar abseitige Filmidee, einen irrsinnigen Misanthropen einhergehen und ihre Opfer in irgendwelche widernatürlichen Lebensformen verwandeln zu lassen, wie die genannten Vorbilder bereits in denkbar geschmacksunsicherster Weise demonstrierten. Was Kevin Smith und besonders seine streitbare Person anbelangt, so freue ich mich am Ende eigentlich doch immer wieder, wenn etwas Neues von ihm kommt – sei es Film oder Comic. Bildete bereits sein letzter Klopper „Red State“  um sektiererisches Unwesen eine extreme Zäsur im Vergleich zu seinen früheren, dialoglastigen Beziehungskomödien, verfolgt er jene Fährte mit „Tusk“ konsequent weiter. Natürlich liegt der Schluss nahe, dass der offen mit seinem inflationären Marihuanakonsum kokettierende Smith die zündende Idee für sein jüngstes Opus einem entsprechenden Rauschzustand verdankt; was jedoch wirklich überraschend anmutet, ist die Tatsache, dass er dieses unwirtliche Ding auch noch auf die Beine gestellt und finanziert bekommen hat. Ich nehme an, dass auch bei der Entstehung einiges an Bewusstseinserweiterndem die Runde gemacht hat, denn weder der wiederum hauptbesetzte Michael Parks noch der als mit französischem Akzent parlierende Johnny Depp (von dem ich überhaupt nicht wusste, dass er hierin auftritt und dessen ich mich nach zweimaligem Hinsehen erstmal per eilends anberaumter Verifizierung überzeugen musste) als komplett spinnerter Ermittler sind sich für jede noch so lächerliche Albernheit zu schade. Die grenzgenialische Verandaszene, in der die beiden sich gegenseitig versuchen, an Faxenmachereien zu überbieten, erinnerte mich stark an Blake Edwards‘ und Peter Sellers‘ stärktse Clouseau-Kapriolen und gehört sicherlich zum Absurdesten, dessen ich in jüngerer Zeit ansichtig werden durfte. Über den mittlerweile zu einem properen Midtwen herangewachsenen Osment wundert man sich indes anfänglich nur kurz, ansonsten war es vielleicht bloß eine weitere Flachsidee Smiths, dem Jungen, der einst tote Menschen sah, ein neuerliches Comeback-Forum zu bieten.
„Tusk“ liefert dosierten, sowie, daraus braucht man kein Geheimnis zu machen, knallhart kalkulierten, dabei angenehm unrunden Kinowahn in Tütchen, der provokativ dazu angetan ist, vor allem Smith-Jünger der ersten Stunde lustvoll vor den Kopf zu stoßen und von ihnen mit einem einfallslosen „durchgeknallt“ attribuieren zu lassen. Ich habe mich derweil hervorragend amüsiert und „Tusk“ als tapferes „Leck-mich-am-Arsch“-Kino wahrgenommen, das augenzwinkernd belegt, was ein Mann mit Smiths Ruf sich erlauben und durchsetzen, respektive, wie weit er gehen kann, wenn es um die Realisation seiner kreativen Horizonte geht.

8/10

MOON 44

„I like to go fast.“

Moon 44 ~ BRD 1990
Directed By: Roland Emmerich

Im Jahre 2038 werden bereits Teile des Alls von gigantischen irdischen Konzernen ausgebeutet, die von dort dringend benötigte Rohstoffe fördern. Einer dieser Multis ist die „Galactic Mining Corporation“, die ihre außerirdischen Stationen, „Monde“ genannt,  in jüngster Zeit allerdings von der verbrecherischen Konkurrenz der „Pyrite“ bestohlen finden. Diese schickt immer wieder von Roboterpiloten besetzte Kampfjets zu dem Monden und macht die Stationen der hiesigen Arbeiter unter großen Verlusten dem Erdboden gleich, derweil die gigantischen Fördermaschinen einfach entführt werden. Dem soll nun der Undercover-Cop Felix Stone (Michael Paré) auf Mond 44 Vorschub leisten: Als Häftling getarnt wird Stone in eine Gruppe Pilotenanwärter eingeschleust und findet heraus, welche Schweinereien sich dort hinter den Kulissen abspielen.

Man mag Roland Emmerich Vieles vorwerfen und ihm auch bescheinigen, den ganz großen Wurf bis heute nicht hingelegt zu haben. Was man ihm jedoch nicht aberkennen kann, ist seine Fähigkeit, effektiv und innovativ zu Werke zu gehen. „Moon 44“ berichtet davon wie vielleicht kein zweiter Film Emmerichs; überdeutlich beeinflusst von den „used future aesthetics“, die jüngere Genre-Höhepunkte wie „Alien“, „Outland“, „The Terminator“ oder „Aliens“ vorgelegt haben, kreierte Emmerich ausgerechnet im Rahmen des bundesdeutschen Kinos einen prächtig aussehenden SciFi-Film, dessen Produktionsdesign angesichts seiner verhältnismäßig knappen Mittel nicht nur überzeugend, sondern nahezu perfekt anmutet. Die eher unbequeme Illusion eines in nebulöser Dunkelheit liegenden Kleinplaneten irgendwo im All, dessen Erdstation unter permanent hohen Innentemperaturen ächzt und in der man sich todessehnsüchtiger Krimineller befleißigt, um eine wirkungsvolle Verteidigungskette errichten zu können, haut hin. Nicht, dass die Story um jenen Futurkapitalismus, der sich auf das All ausweitet, weil die Erde ihm einfach nicht mehr hinreichend Platz bietet, bahnbrechend wäre; das kennt man ja bereits hinlänglich und unter anderem aus einigen der obigen Beispiele. Zudem erweisen sich die diversen Storywendungen um Michael Paré als coolen Obermotz, die hinlänglich bekannte Gefängnis- und Buddy-Film-Klischees schematisch abarbeitet, als nur wenig fruchtbare emotionale Grundierung. Was „Moon 44“ jedoch in filmhistorischer Hinsicht einzigartig macht, ist, dass hier entgegen manchen Widerständen ernsthaft versucht wurde, international tragfähiges, sprich kommerziell vielversprechendes und zumindest partiell ernstzunehmendes Genrekino in Deutschland herzustellen und das zu einer Zeit, als so etwas womöglich noch undenkbarer war als heute. Allein dafür bin ich geneigt, Emmerich zumindest für die damalige Periode der Planung und Umsetzung jenes hehren Ziels als „Kurzzeit-Visionär“ zu betiteln. Außerdem habe ich infolge dessen sogar Lust bekommen, ein paar seiner Filme einer (neuerlichen) Revision zu unterziehen, was ich mir noch bis vor Kurzem auf keinen Fall auch nur annähernd plausibel erschienen wäre.

7/10

MOVING TARGET

„Forgive me, father.“

Moving Target ~ CA/USA 1996
Directed By: Damian Lee

Kopfgeldjäger Sonny McClean (Michael Dudikoff) kommt aus den Nöten nicht heraus: Seine schwangere Freundin Casey (Michelle Johnson) erwartet, dass er sein gefährliches Gewerbe drangibt und sie endlich ehelicht; zudem sind ihm der Russenmafia-Pate Tuzla (Len Doncheff) und sein tollwütiger Filius Lazlo (Peter Boetzki) auf den Fersen. Sonny soll Lazlos Neffen Jonish (Patrick Gallagher) umgelegt haben. Tatsächlich hatte Sonny einen lukrativen Privatauftrag von Jonishs angeblichen Eltern angenommen, ihren Sohn rückzuüberführen, fand sich jedoch böse gelinkt. Allmählich kristalliert sich für Sonny und seine beiden Polizistenkumpels Jake (Ardon Bess) und Racine (Billy Dee Williams) die Wahrheit heraus: Der eifersüchtige Lazlo hat Jonish getötet und lässt Sonny vor seinem Vater als Sündenbock dastehen. Nun gilt es für Sonny, die Wahrheit ans Licht zu bringen und seine Unschuld zu beweisen.

Ein umständlich erzähltes, geradezu aufreizend lahmarschiges Spät-Dudikoff-Vehikel haben wir hier, dessen Regisseur viel schlampiger kaum hätte arbeiten können. Es beginnt bereits mit blamabelsten Fehlerquellen: „Moving Target“ spielt, wie er gern und mehrfach unterstreicht, in und um die Zeit des weihnachtlich-verschneiten Dezembers; einige Gebäude-Außenaufnahmen zeigen jedoch saftigstes Sommergrün. Das knappe Budget wird sein Übriges beigetragen haben; beinahe alles in Damian Lees kleiner Gurke ist drittklassig, von den allermeisten Nebendarstellern über die auf TV-Serienniveau befindliche Montage der bisslosen Actionsequenzen bis hin zu der Behauptung, „Moving Target“ spiele in New York, wo er doch, ohnehin ein gern exerzierter, fauler Filmemachertrick, gut ersichtlich im deutlich kostengünstigeren, vorstädtischen Toronto gedreht wurde. Erfreulich fand ich hingegen das Wiedersehen mit Billy Dee Williams, dessen Szenen dem Film deutlich mehr Glanz verleihen als er verdient, zudem rettet Dudikoffs Präsenz das Ganze noch ganz knapp auf grenzakzeptables Niveau; ihn wird vordringlich bestimmt die Option gelockt haben, vom Superninja und -armisten weg und hin zum altersangemesseneren, bodenständigen, nichtsdestotrotz traditionsbeflissenen Typen des hart schuftenden Bail-Bond-Hunters geführt zu werden, einem eher alltäglich kolorierten, hart arbeitenden Helden, der Verletzlichkeit demonstrieren sowie offene Romantik an den Tag legt und bei seinem Job auf mitunter fiese Tricks und Kniffe angewiesen ist. Die großen Vorbilder von Steve McQueen bis hin zu Robert De Niro lugen erwartungsgemäß um jede Ecke, laufen jedoch garantiert nie auch nur eine Nuance weit Gefahr, von ihrem ungleich ehrwürdigerem Sockel gestoßen zu werden.

4/10

THE MAN FROM HONG KONG

„Improve your colour palette!“

The Man From Hong Kong (Der Mann von Hongkong) ~ AUS/HK 1975
Directed By: Brian Trenchard-Smith


Um den des Drogenhandels verdächtigen Chinesen Win Chan (Sammo Hung) zum Reden zu bringen, wird der knallharte Hong Konger Inspektor Fang Sing Leng (Wang Yu) nach Sidney eingeflogen. Fang prügelt Chan den Namen „Wilton“ aus dem Kiefer, womit der Verhaftete sein Todesurteil unterschreibt: Auf seinem Weg zum Gericht wird Win Chan von einem Attentäter erschossen. Fang findet heraus, um wen es sich bei Jack Wilton (George Lazenby) handelt: Einen Syndikatsboss mit zweifelhaftem Leumund, der sein Vermögen durch allerlei kriminelle Aktivitäten angehäuft hat. Während seine australischen Partner (Roger Ward, Hugh Keays-Byrne) Fangs Alleingänge mit einiger Sorge beobachten, kämpft der Chinese sich gnadenlos durch bis zum Oberboss.

In diesem raren Exempel einer Hong-Kong-/Australischen Coproduktion wurde versucht, den damals auf dem internationalen Markt heiß gehandelten Martial-Arts-Star Wang Yu zu einem fernöstlichen James Bond zu stilisieren. Inspektor Fang Sing Leng gehört einer Spezialeinheit der Polizei an, ist ein versierter Meister unterschiedlicher Kampfstile und verbeißt sich in sein ausgesuchtes Ziel wie ein tollwütiger Straßenköter. Die weltmännische Eleganz seines britischen Vorbilds mag Wang Yu etwas abgehen, dafür ist er ein kaum minder viriler Beischläfer, dem die Damen ohne große Worte bereitwillig ins Bettgemach folgen und wesentlich unempfindlicher, was körperliche Blessuren angeht. Der eigentliche Clou des Films bestand natürlich darin, Einmal-Bond George Lazenby als Superbösewicht und somit Wang Yus Antagonisten zu besetzen. Für die Rolle des brutalen und – natürlich – rassistischen Heroinschiebers Jack Wilton trainierte sich Lazenby sogar ein paar Kung-Fu-Moves an, die er an drei, vier Stellen des Spektakels vorführen darf. Dass er im direkten Duell auch nur die mindeste Chance gegen seinen Widersacher hätte, glaubt man allerdings zu keiner Sekunde und so endet er, wie ein Sauhund wie er es verdient: Mit einer explodierenden Handgranate zwischen den Zähnen.
„The Man From Hong Kong“ besitzt noch viele weitere Reize und reizvolle Elemente; allem voran sicherlich die eigentlich zwingende, filmische Parallelisierung der beiden pazifischen Kronkolonien Hong Kong und Australien. Es gibt beachtlich kompetent gefertigte Verfolgungsjagden zu Fuß und per Kraftfahrzeug, pittoreske Drachenflug-Sequenzen über den jeweiligen Landesmetropolen und mit Ward, Keays-Byrne und dem bassett-gesichtigen Frank Thring gleich drei spätere „Mad-Max“-Darsteller, wobei besonders der wildwüchsige Wolfsjunge Hugh Keays-Byrne, der sich bereits in Sandy Harbutts verpflichtenden Rockerepos „Stone“ als unverzichtbar erwies, als Lotterbulle Morrie Grosse für Einiges an Spezialgelagertem verantwortlich zeichnet. Selbst ein Schuss Romantik, der im Prinzip lediglich als dramaturgische Steilvorlage für eine zusätzliche Rachemotivation Wang Yus fungiert, fehlt nicht. Synchronenthusiasten werden ferner die buchstäblich unüberhörbare Nonchalance von Arne Elsholtz‘ Berliner Qualitätsarbeit zu lobpreisen wissen, wobei sich neben den vielen anderen Stimmhelden besonders Harald Juhnke auf George Lazenby über die Jahre zu einem wahren Spartenklassiker gemausert hat. Die diversen Holzhammergags der ewigen Marke ‚Chinesen und Reis‘ könnte man in dieser laxen Form heuer auch nicht mehr bringen.

8/10

TAI-PAN

„I should’ve killed you when I had the chance…“

Tai-Pan ~ USA 1986
Directed By: Daryl Duke

Um 1842 im südchinesischem Raum. Der Brite Dirk Struan (Bryan Brown) hat sich den Titel des „Tai-Pan“ erobert, des wichtigsten westlichen Großhändlers im gesamten Territorium. Infolge seines nominellen Monopols stößt er immer wieder auf erbitterte Gegner, allen voran seinen vormaligen Partner und jetzigen Konkurrenten Tyler Brock (John Stanton), der ihn bis aufs Blut hasst und ihn mit allen Mitteln zu bekämpfen versucht. Nachdem der Opiumschmuggel untersagt wird, benötigt Struan neue Handelsgrundlagen, wobei er sich auf Tee spezialisiert. Infolge der Annektierung Hong Kongs durch die Engländer lässt sich Struan auf der Insel nieder und errichtet von dort aus sein neues Imperium.

Als Bestandteil von James Clavells „asiatischer Saga“, einer Abfolge mehrerer erfolgreicher Romane, von denen man in den Achtzigern auch in jedem zweiten bundesdeutschen Wohnzimmer mindestens ein Exemplar ausmachen konnte, wurde „Tai-Pan“ von De Laurentiis‘ Produktionsgesellschaft für das Kino ausgewertet. Das Resultat bietet vor allem besten Camp mit Bryan Brown als eine Art westlichem Superhelden mit schurkischem Flair, der gnadenlos mythifiziert wird als einer jener historischen Macher, die dazu angetan waren, die Weltgeschicke zu bestimmen. „Tai-Pan“ kultiviert Dirk Struan zum Öffner zwischen West und Ost, einem Mentalitätshybriden, der vor allem durch seine Fähigkeit, sich in beiden Welten zurechtzufinden, letzten Endes reüssieren kann. Struan hat einen englischen Sohn (Tim Guinee) und einen chinesischen (Russell Wong), lebt mit der hiesigen Sklavin May-May (Joan Chen) zusammen, die er jedoch vor der Öffentlichkeit versteckt halten muss, um sein Renommee nicht zu gefährden. Mit stolz geschwellter Brust, gewinnend lächelnd und mit Zigarre im Mundwinkel schreitet Bryan Brown als steter Herr der Lage durch dieses Mini-Epos, dem man die Ressentiments des kanadischen Regisseurs Daryl Duke faktisch permanent anmerkt: Ebenso wie die von ihm inszenierten „The Thorn Birds“ (und, nebenbei, auch die Clavell-Adaptionen „Shōgun“ und „Noble House“) wäre auch „Tai-Pan“ viel eher zur TV-Miniserie geboren gewesen. Diverse Zeitsprünge und spürbare inhaltliche Versäumnisse lassen den Film unvollkommen und löchrig erscheinen, ganz abgesehen von seiner ohnehin recht käsigen Gesamtgestalt, der die Leistungen von dp Jack Cardiff und Kompositeur Maurice Jarre – ohnehin Namen, die für sich sprechen – doch arg diametral gegenüberstehen. Ich muss allerdings einräumen, dass gerade jenes Unfertige, Unpassende genau das ist, was mir an dem Film gefällt; er ist auf geradezu empörende Weise durchdrungen von Gegensätzen – Epik und Naivität, Opulenz und Ranzigkeit, Schönheit und Stupidität. Zum Flop geboren, sprechen die Box-Office-Zahlen eine deutliche Sprache: Bei einem für die Mittachtziger nicht unbeträchtlichen Budget von 25 Millionen Dollar spielte der Film in seinem Produktionsland gerade etwas über 4 Millionen ein. Warum die DLG in den folgenden Jahren immer weniger präsent war, lässt sich in Anbetracht dessen unschwer zusammenreimen.

7/10