DIE ENDLOSE NACHT

„Ick freu mir immer, wenn ick ma wieder nach Hause komm‘.“

Die endlose Nacht ~ BRD 1963
Directed By: Will Tremper

Der Flughafen Berlin-Tempelhof ersäuft förmlich in dicker Nebelsuppe, so dass An- und Abflüge bis auf Weiteres nicht möglich sind. Für etliche Fluggäste und Wartende wirft dies dieser Umstand ihre persönlichen Pläne durcheinander, mit teilweise verheerenden, existenziellen Folgen…

Urbane Charakter-Kaleidoskope haben als literarische Erscheinung bereits im frühen 20. Jahrhundert als augenfällige Qualitätsvorlage in den internationalen Kanon Einzug gehalten, schlag‘ nach bei John Dos Passos, James Joyce, Vicki Baum oder Alfred Döblin. Für die letzteren beiden war Berlin bereits eminente Inspirationsquelle, wie auch Will Trempers Geschichten – geschrieben oder selbst inszeniert – die (später) geteilte Stadt nach Flehen und Sehnen abzusuchen pflegten. Bei seinem zweiten Film, „Die endlose Nacht“, handelt es sich wie bei Anthony Asquiths im selben Jahr erschienenem „The V.I.P.s“ um ein Ensemblestück, das unterschiedliche Schicksale kompiliert, die teilweise entscheidend von wegen Nebels stillstehendem Flughafentransfer tangiert werden: Für den klammen Geschäftsmann Wolfgang Spitz (Harald Leipnitz) bietet diese Nacht die letzte Chance, sich vor einer Anklage wegen Urkundenfälschung zu retten; die Büroangestellte Juanita (Alexandra Stewart) lernt ihren reichen Märchenprinzen (Bruce Low) kennen und lieben, nur um ihn hernach gleich wieder zu verlieren; die affektierte Nachwuchsschauspielerin Silvia Stössi (Hannelore Elsner) steht wegen eigener Nachlässigkeit wie ein waidwundes Reh völlig mittellos am Flughafen und sucht nach einem möglichen Gönner; Ernst Kramer (Wolfgang Buschhoff) betrügt seine Gattin (Gerda Blisse), ohne auf die Idee zu kommen, dass diese es ihm wohlmöglich gleichtut; der Theater-Akteur Emil Stoltmann (Fritz Rémond) muss für ein lebenswichtiges Engagement als ‚King Lear‘ zurück nach Hannover – und kommt nicht vom Fleck; Mascha (Louise Martini) will mit dem Italiener Renzo (Narziß Sokatschaff) durchbrennen, doch ihr Mann Herbert (Werner Peters) lässt sich nicht so einfach verlassen; einsame Vertreter lernen sich beim Bier kennen, ein polnisches Jazz-Ensemble spielt gegen die Langeweile an. Man läuft sich über den Weg und verliert sich wieder aus den Augen – Robert Altman hat diese Narrationsform der sich abwechselnden und gegenseitig ergänzenden Klein- und Kleinstepisoden später zur Kunstform erhoben. Doch auch Tremper ist mit „Die endlose Nacht“ ein beachtliches Werk geglückt, er veredelt seine kontrastierten, schwarzweißen Momentaufnahmen mit breitem Scope und erzielt bereits dadurch manch ungewöhnlichen Effekt für eine deutsche Produktion dieser Jahre. Zudem kann er sich auf eine prächtige Besetzung auf Höhenflug stützen, die seine Geschichtchen kongenial zum Leinwandleben erwecken.
Für Chronisten und Kanonisten des Nachkriegsfilms ein unbedingtes Muss.

9/10

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