SELMA

„Are you trying to fuck over your president?“

Selma ~ USA/UK 2014
Directed By: Ava DuVernay

Im Frühjahr 1965 ist es Afroamerikanern bundesweit zwar offiziell gestattet, sich als Wähler registrieren zu lassen, die faktische Vollmacht liegt jedoch bei den lokalen Registraturbeamten. Selma, Alabama ist dabei nur eine von vielen Kleinstädten im Süden, die noch die „alten Werte“ praktizieren und der schwarzen Bevölkerung jeden nur denkbaren Schikanestein in den Weg rollen, besonders, wenn es um das freie Wahlrecht geht. Für den Bürgerrechtsaktivisten Martin Luther King (David Oyelowo) ist Selma die nächste Station auf seinem langen Equal-Rights-March durch die Südstaaten. Selbst erste Insistierungen im Weißen Haus, durch einen entsprechenden Gesetzeserlass farbigen Mitbürgern auch auf lokaler Ebene allerorten barrierefreie Wählerregistrierung zu gewährleisten, scheitern zunächst an dem Unwillen von Präsident Johnson (Tom Wilkinson), sich den Forderungen eines schwarzen Aktivisten zu beugen. Ein erster geplanter Protestmarsch von Selma nach Montgomery, zum Amtssitz des Gouverneurs Wallace (Tim Roth), scheitert, von den Medien landesweit dokumentiert, an einem Polizeiaufgebot, das die Teilnehmer gnadenlos zusammenknüppelt und mit Tränengas traktiert. Ein weiterer, von King persönlich angeführter Versuch, an dem bereits diverse weiße Bürgerrechtler partizipien, wird auch von ihm selbst vor Ort abgebrochen, um ein weiteres Blutbad zu verhindern. In der folgenden Nacht wird ein weißer Priester (Jeremy Strong) von Ku-Klux-Klan-Anhängern zu Tode geprügelt. Erst mit James Reebs Ermordung bekommt King die überfällige, nationale Aufmerksamkeit und der finale Marsch am 21. März, bei dem Menschen aller Hautfarben und Konfessionen mitlaufen, kann, nach Johnsons öffentlicher Ankündigung eines baldigen Gesetzeserlasses zur komplikationslosen Wählerregistratur auf allen Ebenen, endlich ohne Hindernisse bewältigt werden.

Amerikanische Filme, die den grassierenden, regionalen Rassismus, seine Geschichte und seine Auswirkungen über die Jahrhunderte in den Fokus nehmen, kann es nicht genug geben. Grundsätzlich ist jeder Ansatz, diesen unsäglichen, verachtenswerten Missstand, der – wie noch etliche andere – die wackligen Beine aufzeigt, auf denen die ach so große Weltnation umherstolziert, begrüßenswert, wichtig, unerlässlich. Denn jeder dieser Filme trägt dazu bei, allein durch seine bloße Existenz diese für einen sich demokratisch wähnenden Staat blamable Soialkrankheit ins öffentliche Gedächtnis zu rufen und lauthals zu diffamieren. Unter Filminteressierten haben die entsprechenden Arbeiten es indes nicht immer leicht. Den Kreativen im Hintergrund wird falsches Gutmenschentum, kommerzielle Ausbeutung menschlichen Leids, Stereotypisierung, Klischeebildung unterstellt. Rassismus mitsamt all seinen hässlichen Fratzen zum Sujet eines Unterhaltungsprodukts zu machen, das, so wird häufig argumentiert, sei in künstlerischer Hinsicht verwerflich und diente schlimmstenfalls zu umwegloser Gewissensglättung des Publikums. Ich finde diese hochnäsige Bewertungsebene fast ebenso schlimm und übelkeitserregend, wie ich real existenten Rassismus finde. Egal wie ästhetisch ausgeprägt, intellektuell tragfähig oder qualitätsorientiert: ein Film, der Rassismus leidenschaftlich anprangert und damit Gefühslregungen und Nachdenklichkeit beim Zuschauer evoziert, kann gar nicht anders als das Herz am rechten Fleck zu haben und sollte prinzipiell immer willkommen geheißen werden, ob von schwarzen, weißen oder grünen Filmemachern, ob von Mann oder Frau, jung oder alt stammend.
„Selma“ wurde von einer afroamerikanischen Regisseurin inszeniert. Als Biopic über Martin Luther King Jr. ist er nur ansatzweise zu gebrauchen, da er lediglich einen Rahmen von etwa vier Monaten erzählter Zeit abdeckt. Als historisches Lokal- und Zeitporträt indes ist DuVernays Film von höchster Tragweite. Die tatsächlichen Ereignisse werden minutiös abgearbeitet, die wichtigsten Beteiligten eingehend und in all ihrer Unbebenheit porträtiert. King selbst, eines von J. Edgar Hoovers (Dylan Baker) „liebsten Kindern“, wird permanent vom FBI überwacht und man intrigiert gegen ihn persönlich, um seine öffentliche Position durch Risse im Privatleben zu diskreditieren. Johnson hatte sich als vormaliger Kennedy-Ersatz erst kurz zuvor mit einigem Erfolg ins höchste Staatsamt wählen zu lassen, just den beginnenden Vietnamkrieg im Nacken und verwendete insgeheim auch mal die Vokabel „Nigger“. Malcolm X (Nigel Thatch), der nunmehr einen gemäßigteren Kurs eingeschlagen hatte, wurde nur kurz nach einer Rede in Selma erschossen. Wie so oft brannte die Luft, besonders im Süden. „Selma“ macht diese Spannung greifbar. Der Film endet mit dem nach zwei aus unterschiedlichen Gründen erstickten, jeweils abgebrochenen Versuchen und schließlich doch noch erfolgreich durchgeführtem Marsch nach Montgomery, durchsetzt mit dokumentarischen Aufnahmen des realen Ereignisses. Es sind rührende Bilder darunter, eines davon zeigt einen betagten, weißen Herrn, der glücklich lächelnd am Straßenrand sitzt und ein schwarzes Kind auf seinem Schoß Platz nehmen lässt und es umarmt. Manchmal bedarf es wenig, um ein Herz zu durchbohren.

9/10

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