ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN

„Ich stehe stets zu Ihrer Verfügung.“

Engel, die ihre Flügel verbrennen ~ BRD 1970
Directed By: Zbyněk Brynych

Die frustrierte Ehefrau Hilde Susmeit (Nadja Tiller) pflegt ihre regelmäßigen Tête-a-Têtes mit wechselnden Partnern in der Wohnung des Studenten Kirr (Jochen Busse) abzuhalten – gegen entsprechendes Entgelt, versteht sich. Eines Abends jedoch wird ihr aktueller Lover nach einem Bad im hauseigenen Swimming-Pool erschlagen – von niemand Geringerem als Hildes eigenem Sohn Robert (Jan Koester), der von den Umtrieben seiner Mutter längst Wind bekommen und sie verfolgt hat. Robert flüchtet sich in die im selben Haus gelegene Wohnung der nicht minder verstörten, ebenfalls allein gelassenen Moni (Susanne Uhlen), derweil zwei Kommissare (Siegfried Rauch, Karl-Otto Alberty) der Wahrheit vor Ort immer näher kommen.

Was im Prinzip den Stoff für ein ganz ordinäres Kriminaldrama abgegeben hätte (und bei Scriptautor Herbert Reinecker vielleicht sogar auch noch hat), wird bei Zbyněk Brynych zu einem Höhepunkt des zeitgenössisch-psychotronischen deutschen Kinos. Der Regisseur lässt keine sich darbietende Skurrilität aus; diverse ungewöhnliche bis merkwürdige Einstellungen, groteskeste Dialogsequenzen, Eklektizismen aller Arten auch sonst allerorten. Da wird bloße Kolportage kurzerhand und, wie es sich sowieso ziemt, zur konfrontativen Filmkunst erhoben. Schon der sonderbare Münchener Apartment-Komplex, in dem sich mit einer kurzen Ausnahme die gesamte Szenerie ansiedelt, meldet surreale Tangenten an: Das riesige Gebäude, das seiner Bewohnerschaft offenbar völlige Autarkie von der Außenwelt ermöglicht, erinnert nicht zuletzt unwillkürlich an den tragenden Handlungsort aus Cronenbergs Parasiten-Dystopie „Shivers“, wobei man beinahe wetten möchte, dass der kanadische Meister sich hinsichtlich der Schauplatzwahl nicht unwesentlich von Brynych hat beeinflussen lassen. Denn nicht nur die Lokalität selbst weist frappante Analogien zu Cronenberg auf, auch die Mieter sind hüben wie drüben durchweg von einigem exzentrischem Gebahren. Student Kirr ist ein widerwärtig-aalglatter Fatzke hinter Zynikerfassade, Monis Mutter (Ellen Umlauf) versucht auf peinlichste Art und Weise, ihre vergangene Jugend zurückzuerobern, die alte Frau Kuhn (Hertha von Walther) ist eine Person pathologischer Neugier und Intriganz, der Reporter Stein (Wolfgang Völz) scheint jedweden Realitätsbezug eingebüßt zu haben. Die beiden Kinder Robert und Moni wirken in dieser wahnwitzigen Welt wie Verlorene, deren einzige Option darin bestet, sich angsterfüllt aneinander zu klammern. Doch reicht ihnen bald verständlicherweise auch das nicht mehr, die Aggressionen müssen raus, und wohin besser damit denn in gezielte Richtung der langfristig nachkriegs- und wirtschaftswundergeschädigten, promisken Elterngeneration, respektive zu den jeweiligen Bel-Amis ihrer überreifen, wiederum einsamen Mütter? Am Ende, die Kids sind als Täter entlarvt, verwandeln sich die Einwohner des Apartmenthauses in einen blutrünstigen Lynchmob. Da weiß man dann spätestens: die Kinder sind hier am unschuldigsten, wenngleich Blut an ihren Händen klebt. Oder, um im ja vollends intendiert blumigen Sprachduktus des Films zu bleiben: es sind zwar Engel, die beim Höhenflug ihre Flügel verbrannt haben, aber gerade sie müssen danach umso tiefer fallen. Peter Thomas hat dazu den entsprechenden Ohrwurm besorgt.

8/10

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