AMERICAN SNIPER

„You got some kind of saviour complex?“

American Sniper ~ USA 2014
Directed By: Clint Eastwood

1999 tritt der Texaner Chris Kyle (Bradley Cooper) den Navy SEALs bei, wo er sich in den folgenden Jahren als Scharfschütze zur „Legende“ herausputzt. Insgesamt vier Einsätze treiben ihn in den Irak. Seine Abschussquote als Sniper avanciert im Laufe der Jahre zur höchsten der gesamten US-Militärgeschichte. Kyle überlebt die tödlichsten Situationen und kämpft erfolgreich gegen seine posttraumatischen Stressepisoden an. Im Februar 2013 wird er dann von einem deutlich jüngeren, psychotischen Marine-Veteran auf einem Schießstand in Texas erschossen.

Seine jüngste Regiearbeit führt den greisen Clint Eastwood zurück auf ein ihm vertrautes Terrain: Das des US-Militärs. Diesmal nimmt er sich der noch brandaktuellen Geschichte um einen amerikanischen Kriegshelden an – der des warmherzigen, liebenden Ehemannes und Vaters zweier Kinder Chris Kyle, dessen jüngerer Bruder (Ben Reed) seine Militärkarriere weitaus weniger unbeschadet übersteht und dessen bester Freund (Jake McDorman) von einem gegnerischen Scharfschützen im Nahen Osten getroffen wird und darauf an den mittelfristigen Folgen stirbt. Ein Thema, das Eastwood als bekennenden Konservativen und Republikaner nicht von ungefähr gereizt haben wird und dem er mit „American Sniper“ mäßig differenzierten Respekt zollt. Im Hinblick auf die formale Gestaltung seines Films lässt Eastwood einmal mehr keinen Zweifel daran, dass er zu den allergrößten noch aktiven amerikanischen Filmemachern gezählt werden muss. Er erfüllt gewohnt nonchalant die Kriterien des auteurism, indem er, natürlich mit bewährtem Team, seinem ebenen, klassischen Erzählstil treu bleibt, keinerlei unnötige Experimente wagt und sich halsbrecherischer Neuerungen, die ein Künstler in seiner Position ohnehin nicht mehr nötig hat, enthält.
Dennoch ist „American Sniper“ erwartungsgemäß kein unproblematischer Film. Chris Kyle, ein militärisch legitimierter Massenmörder, wird zum Helden deklariert. Zwar einem mit Ecken und Kanten, dennoch aber zu einem Helden. Kyle ist kein Bildungsbürger oder gar übermäßig politisch interessiert, sondern ein Naturbursche rustikaltexanischer Herkunft, der mit acht Jahren sein erstes Gewehr geschenkt bekommt, mit Vorliebe auf die Jagd geht und dessen Berufswunsch es ist, Rodeocowboy zu werden. Ein „Arbeitsunfall“ beendet diesen Traum abrupt und leitet Kyles Zweitkarriere bei der Navy ein. Dort werden seine Qualitäten als Scharfschütze rasch registriert und nach seiner Ausbildung auch ausgiebig genutzt. Nach dem September 2001 erfüllt sich Kyles Feindbild ebenso wie das vieler anderer Amerikaner, und er zieht mit einigem patriotischen Stolz in den Irak, wo er in den nächsten Jahren mit Unterbrechungen große Teile seiner Zeit verbringt. Die genaue Zahl seiner tödlichen Treffer ist bis dato nicht bekannt, man spricht offiziell von 160, möglicherweise waren es auch wesentlich mehr. Kyle hat selbst nicht mitgezählt. Natürlich hat er ausschließlich einheimische Attentäter, Terroristen und Aufrührer erschossen und die ihm auferlegten Aufgaben somit bravourös erfüllt. Für Kyle selbst jedoch wäre nie in Frage gekommen, sich als Mörder zu betrachten. Er war Soldat, als solcher angehalten zu seinem Tun und betrachtete sich darüber hinaus als Retter. Daran lässt wiederum auch der Film keine Kritik gelten. Er porträtiert Kyle nicht als passionierten Killer, nicht als Menschen mit seelischen Problemen oder unlösbaren Schuldkomplexen. Natürlich wird auch er von traumatischen Ereignissen verfolgt, diese rekurrieren jedoch nicht unmittelbar auf seine Arbeit als Heckenschütze. Diese, so Kyle, habe er stets in bestem Gewissen ausgeführt und bedauere, dass er nicht noch mehr Menschen habe beschützen können. Dass er zu einem gewissen Zeitpunkt „kriegssüchtig“ wird (ähnlich wie weiland Jeremy Renner in Bigelows „The Hurt Locker“)  und sich phasenweise im Feld heimischer und sicherer fühlt als daheim bei Frau und Familie, ist schlimm, aber überbrückbar. Die latente Ehekrise mit seiner besorgten Gattin Taya (Sienna Miller) löst sich nach Kyles endgültiger Rückkehr vom Militär dann auch in Wohlgefallen auf. Er ist seinen beiden Kindern ein liebender Vater und unterstützt physisch und psychisch derangierte Veteranen bei Wiedereingliederungstherapien. Am Ende erschießt ihn ein 25-jähriger, schizophrener Kriegsheimkehrer. Tausende amerikanischer Bürger betrauern ihren Helden. Nuancierende Gedanken, Reflexionen über Schuld und Sühne oder ob es gar so etwas geben mag wie ausgleichende Gerechtigkeit, überlässt der Film dem Zuschauer, geschweige denn dessen Bereitschaft, entsprechende Meditationen überhaupt anzustrengen.
Ideologische Ambivalenz hin oder her, mit solch unmodischen Zugeständnissen kommt heuer nurmehr ein Clint Eastwood durch.

7/10

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