AGUIRRE, DER ZORN GOTTES

„Ich bin der Zorn Gottes. Wer sonst ist mit mir?“

Aguirre, der Zorn Gottes ~ BRD 1972
Directed By: Werner Herzog

Im späten Jahre 1560 bricht eine Conquistadoren-Expedition unter Gonzalo Pizarro (Alejandro Repullés) auf, die legendäre Goldstadt El Dorado im Amazonasgebiet ausfindig zu machen. Die diversen Verluste während der Reise veranlassen Pizarro, eine wesentlich verkleinerte Abordnung loszuschicken, um den weiteren Sinn der Expedition abzuklären. Angeführt wird diese von Don Ursua (Roy Guerra) und Don Aguirre (Klaus Kinski) als seinem Stellvertreter. Der hinterlistige Aguirre nimmt rasch das Heft in die Hand, erklärt den verfressenen Edelmann Don Guzman (Peter Berling) zum Administrator der spanischen Krone und lässt Ursua in einem Schauprozess aburteilen. Auf einem selbstgebauten Floß geht die Reise den Fluß hinab, geradewegs in die Hölle des Ungewissen. Aguirre jedoch intrigiert weiter und lässt sich auch von Hochwasser, mörderischen Idios, Kannibalen und Fieberkrankheit nicht aufhalten.

„Aguirre, der Zorn Gottes“ muss zwangsläufig in unmittelbarer Parallelisierung seiner Entstehungsgeschichte betrachtet werden, die bereits autark betrachtet den ganzen Wahnsinn ihres Urhebers demonstriert. So sind der Film und auch seine eigene Geschichte Dokumente des Wahnsinns. Herzog war, zumindest damals noch, selbst ein Conquistador, ein Eroberer also, und zwar einer, der vor allem damit befasst war, das, was er als seine eigenen Unzulänglichkeiten erachtete, zu bezwingen. Das Negierende, Unmögliche suchend, vielleicht sogar ein bisschen den Tod, machte sich Herzog nach Peru auf, um mit kärgsten Mitteln und unter widrigsten Umständen sein damaliges Kopfprojekt zu realisieren. Die Anekdoten und Geschichten, die aus dieser sechs Wochen andauernden, anarchischen Reise in den Irrsinn hervorgingen, sind Legion, handeln sie nun von der aufreibendn Beziehung zwischen Herzog und Kinski, von den Reaktionen der Indios auf die sie umgebende „Zivilisationsabordnung“ oder von 350 gestohlenen Totenkopfaffen. So erklärt sich auch, dass Herzog, bekanntlich cineastischer Autodidakt, kaum inszeniert. Vielmehr dokumentiert er, lässt improvisieren, fängt Momente ein wie beiläufig und schafft damit eine im Kino seltene Transzendenz zwischen der Produktion und dem, was auf der Leinwand zu sehen ist. Dass Herzog dabei oftmals historische Akkuratesse nicht walten ließ, weil entweder die erforderlichen Mittel nicht existent waren oder weil sie seinem persönlichen, eklektischen Ästhetikkonzept zuwiderlief, unterfüttert die Einzigartigkeit des Ergebnisses nur noch.
„Aguirre“ entwickelt, wie es häufig bei Herzog der Fall ist, eine ganz merkwürdige, oft ins Hypnotische abdriftende Sogwirkung. Ebenso wie die Kamera und der Mann hinter ihr wird auch der Rezipient gefangen genommen und überwältigt von der Natur oder von scheinbar kleinen Nebensächlichkeiten wie einem Flöte spielenden Indio. Mit offenem Mund hört man dazu die Klänge von Florian Fricke alias Popol Vuh und wähnt sich irgendwann selbst als Teilnehmer jener verderblichen Flussfahrt. Am Ende ist man gar geneigt zu glauben, Don Lope de Aguirre treibe noch heute auf seinem Floß im Kreise und blicke, der Egomanie verfallen, gen Atlantik.

10/10

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3 Gedanken zu “AGUIRRE, DER ZORN GOTTES

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