NOSFERATU: PHANTOM DER NACHT

„Ein Bauer gräbt nicht den Weizen aus, um nachzusehen, ob er wächst. Das tut nur ein Kind, das Bauer spielt.“

Nosferatu: Phantom der Nacht ~ BRD/F 1979
Directed By: Werner Herzog

Der Immobilienmakler Jonathan Harker (Bruno Ganz) lebt mit seiner Frau Lucy (Isabelle Adjani) in Wismar. Eines Tages bekommt er vom Prokuristen Renfield (Roland Topor) den Auftrag, umgehend nach Transsylvanien zu reisen, um dort dem Grafen Dracula (Klaus Kinski) ein halbverfallenes Gebäude in der Stadt zu verkaufen. Nach einer beschwerlichen Reise – die Anrainer warnen Harker beständig davor, weiterzuziehen und weigern sich sogar, ihn zu transportieren, lässt der Vetreter den Borgo-Pass hinter sich und gelangt auf dem Schloss des Grafen an. Bald schon muss Harker erkennen, dass der exzentrische Graf ein blutsaugender Vampir ist, ein Nosferatu, der Tod und Leid über die Menschen bringt. Nächtens und von Harker unbemerkt, macht sich Dracula über den Seeweg auf nach Wismar, derweil Jonathan überland zurückreist, in höchster Sorge um Lucy. Erschöpft bricht er unterwegs zusammen, derweil die vom Grafen gemietete Kogge ‚Contaminata‘ Wismar erreicht. An Bord lebt keine Seele mehr, nur unzählige Ratten bevölkern das Schiff. In Wismar bricht die Pest aus, derweil Dracula sich an Lucy heranmacht, die er von Harkers Bild her kennt. Als auch dieser schließlich Wismar erreicht, hat er den Verstand verloren. Lucy opfert sich, um die Stadt zu retten, doch Draculas unseliger Samen trägt bereits Früchte.

Mit „Nosferatu: Phantom der Nacht“ zollte Herzog einer seiner vornehmlichsten Inspirationsquellen, Murnaus „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ Tribut und Respekt. Jene zweite Zusammenarbeit mit Kinski verlief wohl um Einiges harmonischer, da auch die Produktionsbedingungen nicht mehr von solchen Unwägbarkeiten geprägt waren wie jene bei „Aguirre, der Zorn Gottes“. Herzog war mittlerweile anerkannter Vertreter des ‚Neuen Deutschen Films‘ und genoss als solcher Förderung und Unterstützung. So ist dieses Remake oder, so man möchte, diese neuerliche Stoker-Adaption, wesentlich stilisierter und durchkomponierter als die meisten anderen Werke des Regisseurs zur damaligen Zeit. Herzog wusste offenbar, dass sein gewohnt naturalistischer Ansatz in diesem einen Falle kontraproduktiv gewesen wäre. Dennoch ist „Nosferatu: Phantom der Nacht“ ganz eindeutig als sein Film identifizierbar. Die suggestiven Klänge von Popol Vuh durchdringen, diesmal in Form einer finsteren, sakral angehauchten Suite, im Wechsel mit Wagners „Rheingold“ die weitschweifigen, morbiden Bilder, die Stimmung wiederum verharrt in hypnotischer Sphärik und verweigert sich jedwedem Ansatz von genreüblicher Hysterie. Dazu gibt es allenthalben verschrobene, humorige Einschläge, die die eigentlich horrible Atmosphäre konterkarieren – etwa in Form jener bewusst klischeestreifenden Momente, in denen sämtliche Gäste angesichts Harkers lauthals geäußerter Pläne, zum Grafen Dracula zu reisen, buchstäblich erstarren oder später, als ein paar Pestkranke auf dem Kirchenvorhof von Wismar ihr letztes Festdiner begehen. Zeichen wiederum für Herzogs Vorliebe für ekletizistische Spielereien. Dabei hat der Regisseur diverse Einstellungen seines Vorbildes Murnau penibel nachgestellt, was ihm nicht jeder Kritiker als eben einfallsreich auslegte. Ganz interessant auch die Intertextualität im Hinblick auf Stokers Vorlage, die einerseits zwar deutlich akribischer hergestellt findet als ehedem bei Murnau, der ja unautorisiert zu Werke ging, die sich auf der anderen Seite aber nicht minder dicht beim expressionistischen Kinooriginal verortet. Die Namen der Protagonisten stimmen hier zwar wieder mit denen des Romans überein, die Charakterisierungen, Funktionen und Beziehungsgefüge jedoch weichen, mit Ausnahme der Renfield-Figur teils stark von diesem ab. Mina (Martje Grohmann) und Lucy vertauschen die Rollen, Professor Van Helsing (Walter Ladengast) – hier ein eher hilfloser, alter Zausel und strenger Rationalist – verschmilzt mit dem Irrenarzt Dr. Seward, Lucy muss sich am Ende opfern und Jonathan zieht als Erbe des Fluchs in die Welt hinaus. Ein glückliches Ende bleibt ihnen versagt, bei Murnau wie bei Herzog.

9/10

3 Gedanken zu “NOSFERATU: PHANTOM DER NACHT

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