FITZCARRALDO

„Sie sind ein komischer Kauz. Aber irgendwie mag ich Sie doch.“

Fitzcarraldo ~ BRD/PE 1982
Directed By: Werner Herzog

Peru zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nachdem der Abenteurer und Musikliebhaber Brian Sweeney Fitzgerald (Klaus Kinski), dem die Inländer den Spitznamen ‚Fitzcarraldo‘ verpasst haben, mit seiner Freundin, der Puffmutter Molly (Claudia Cardinale) in Manaus einer Verdi-Inszenierung beiwohnt, reift in ihm der Traum heran, auch im weitaus abgelegeneren Iquitos ein Opernhaus zu bauen und dort seinen Lieblingssänger Caruso auftreten zu lassen. Für dieses Projekt benötigt er jedoch eine Menge Kapital, das er sich zunächst mit einer Eisfabrik erwirtschaften will. Als er einsieht, dass diese Idee fruchtlos bleiben wird und nur im Kautschukhandel Geld zu machen ist, schließt sich schon der nächste Einfall an: Mit Mollys Unterstützung erwirbt Fitzcarraldo ein Stück Urwald nebst Bewirtschaftungskonzession flussaufwärts, wo er den Fluß Ucayali, wegen gefährlicher Stromschnellen vom Amazonas aus unbeschiffbar, für den Kautschuktransport erschließen will. Den Ucayali will er vom Pachitea aus erreichen, indem er an jenem Punkt, wo die beiden Flüsse sich fast berühren, sein Dampfschiff über eine Anhöhe zieht und auf der anderen Seite ins Parallelgewässer hinablässt. Wie durch ein Wunder gelingt der Plan mit der unerwarteten Hilfe hunderter von Indios, doch diese haben ihre ganz eigenen Pläne mit Fitzcarraldos Schiff…

Ein weiteres und wohl zugleich das letzte große Insignium für Werner Herzogs dereinst manische Besessenheit, ein einmal begonnenes Projekt aller Widerstände zum Trotz zu Ende zu bringen. Wie bei „Aguirre, der Zorn Gottes“, Herzogs erster, mittlerweile zehn Jahre zurückliegender Reise ins Herz der südamerikanischen Finsternis, begegneten dem Filmemacher hier mittlerweile eigens zur Kinoreife avancierende Probleme. Die ursprüngliche Besetzung bestand aus Jason Robards in der Titelrolle, Mick Jagger als seinem Partner und Mario Adorf als Kapitän. Als Robards dann erkrankte, vorgeblich an der Amöbenruhr, war bereits die Hälfte des Films abgedreht. Auch nach seiner Genesung weigerte sich der Schauspieler jedoch, nach Peru zurückzukehren. Die Verzögerungen torpedierten „Fitzcarraldo“ auf das Empfindlichste. Jagger musste mit den Stones auf Tour, Adorf glaubte nach längerer Funkstille, dass sich das Thema für ihn erledigt habe und spielte stattdessen für Fassbinder. Besonders Adorf äußerte sich dann im Nachhinein höchst unfreundlich über Herzog und seine Arbeitsweise. Er sei größenwahnsinnig und habe sich in Peru selbst als Kolonialherr aufgespielt, indem er für die Schiffstransport-Szenen etliche Bäume fällen und die ahnungslosen Indios unter himmelschreienden Bedingungen für sich schuften ließ. In seiner  unnachgiebigen Verbissenheit wandte sich Herzog, nachdem er den Gedanken verworfen hatte, selbst die Hauptrolle zu spielen, wieder einmal an Kinski, womit das „Aguirre“-Déjà-vu nochmals eine weitere Qualität gewann. Jaggers Part wurde ersatzlos gestrichen und für Adorf kam der unbekannte Darsteller Paul Hittscher. Vor Ort sprossen rasch wieder die erwartungsgemäßen Tobsuchtsanfälle und endlosen Schreikrämpfe Kinskis, bis die als Statisten auftretenden Indios Herzog, so will es die Legende, Herzog anboten, Kinski für ihn zu ermorden.
Soweit nur die bekanntesten Anekdoten. Räumt man diese beiseite, findet sich darunter ein Film, den ich mit einigem Fug und Recht als Herzogs Meisterwerk bezeichnen möchte, als jene Arbeit, mit der er der Essenz des Kinos so nahe kam wie mit keiner anderen. „Fitzcarraldo“ besteht mühelos neben den großen Hollywood-Epen und internationalen Monumentalfilme der vorangehenden Jahrzehnte. Sämtlicher arbeitsbedingter Animositäten zum Trotz erreicht Herzog hier eine makellose Ästhetik, Spannung und erzählerische Stringenz, die, obschon eine unmittelbare Beziehung zwischen Urheber und Werk zu jeder Sekunde spürbar ist, einen ungeheuren Reifegrad erreicht. Dies ist nicht allein die zelluloidgewordene Obsession eines Kino-Egomanen oder der Rettungsversuch des darbenden, Neuen Deutschen Films, die ist international hundertprozentig tragfähiges Erzählkino in Vollendung. Kinski ist ein Gedicht. Auf einem solchen Identifikationsniveau, so menschlich-nahbar, sympathisch und liebenswert, ja, heldenhaft, kann man ihn sonst nirgends sehen. Seine Chemie mit der wunderbaren Claudia Cardinale wirkt unglaublich authentisch. Das hat auch Herzog gespürt, der ihm ganz am Schluss, als er, seinen großen Operntraum zertrümmert und doch triumphierend ob der Erreichung eines „Teilzieles“ mitsamt Siegerzigarre auf dem Deck „seiner“ ‚Molly-Aida‘ thronend, eine traumhafte Abblende verehrt, auf die jeder Schauspieler stolz sein muss. Die diversen, originellen Nebencharaktere, ob der Kautschukbaron Don Aqulino (José Lewgoy), der Schiffskoch Huerequeque (Huerequeque Enrique Bohórquez) oder der im Dschungel wartende Stationsvorsteher (Grande Otelo), sorgen für grandiosen Witz und viel Herzenswärme. Nicht nur mein Lieblings-Herzog, sondern auch ein Lieblingsfilm, in dem ich mich regelmäßig wiederfinde.

10*/10

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2 Gedanken zu “FITZCARRALDO

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