SPLENDOR IN THE GRASS

„My pride? I don’t want my pride!“

Splendor In The Grass (Fieber im Blut) ~ USA 1961
Directed By: Elia Kazan

Kansas, 1927: Die beiden Teenager Wilma (Natalie Wood) und Bud (Warren Beatty) sind das, was man vorsichtig als ‚romantically entangled‘ bezeichnen darf: Sie treffen sich zum Tanzen oder gehen ins Kino und fahren ab und zu zum Knutschen auf die hiesige lover’s lane. Mehr jedoch ist nicht drin, was besonders Bud zu schaffen macht. So sind sowohl er als auch Wilma Opfer: Bud ist Filius der reichsten Familie am Ort, der Stampers. Sein Vater Ace (Pat Hingle) hat bereits Buds gesamte Karriere vorgezeichnet: der Junge soll erstmal in Yale studieren und danach das Familienimperium verwalten. Außerdem setzt Ace alles daran, seinen Sohn von Wilma wegzutreiben – diese stammt nämlich bloß aus einer mittelständischen Krämerfamilie und wäre somit keine standesgemäße Ehefrau für Bud. Wilma derweil muss permanente Predigten ihrer Mutter über sich ergehen lassen, sich ihrem Freund körperlich bloß nicht über Gebühr zu nähern, dies gehöre sich nicht für ein anständiges Mädchen und ihr guter Ruf stünde auf dem Spiel. Ihre vom jeweiligen Elternhaus gelenkte Entwicklung nebst aufgebautem Druck macht dem Paar schwer zu schaffen – Bud bricht zusammen und schläft dann mit einer freigeistigen Klassenkameradin (Jan Norris) Wilmas, was diese wiederum nicht verkraftet und sie in eine tiefe Depression treibt, die in einem Suizidversuch und darauffolgender Katatonie endet. Während Bud nach Yale geht und sein Studium vernachlässigt, wird Wilma zweieinhalb Jahre in der Psychiatrie gesundgepflegt. Als die beiden sich danach erstmals wiedersehen, müssen sie erkennen, das zwar noch immer Gefühle füreinander da sind, das Leben sie jedoch längst auseinandergetrieben hat.

Hohe Dramaschule liefert Kazan mit seinem dritten Farbfilm, wiederum eine Studie um Außenseitertum und rural geprägtes Traditionsempfinden.
Die während der unmittelbaren Prä-Depressionsära angesiedelte Welt von“Splendor In The Grass“  ist angefüllt mit bedauernswerten Menschen; mit solchen, die falsche Entscheidungen treffen, mit bösen, unausgesprochenen Generationskonflikten, mit pathologisch unterdrückter Libido, mit juveniler Passivität, heimlichen Standesdünkel und bourgeoiser Verklemmtheit. Die Fehler der Erwachsenen kosten nicht nur ihre Kinder deren seelische Gesundheit und beinahe gar das Leben, sondern fallen am Ende, am Punkt der bitteren Selbsterkenntnis, auch auf sie zurück. Wirkt zu Beginn alles noch wie der übliche Kleinstadtschmus um ein liebenswert-naives Pärchen, das sich wider allen Hindernissen schon kriegen und ins wohlverdiente happy end abrauschen wird, nehmen Scriptautor William Inge und Kazan irgendwann die desillusionierende Abzweigung Richtung Realität. Diese hält nämlich keine Erfüllung für Wilma und Bud bereit, sondern die höchst destabilisierende Erkenntnis, gegen die „Alten“ und ihre von Sturheit und Unflexibilität geprägten Lebensweisheiten ab einem gewissen Punkt nicht mehr ankommen zu können. Damit zerstört die Elterngeneration jedoch nicht bloß eine unschuldige Liebelei, sondern ein möglicherweise lebenslanges, gemeinsames Glück. Die schlussendliche Ernte fällt umso ernüchternder aus: Ace Stamper verliert infolge des Börsencrashs sein gesamtes Vermögen und endet als einer der vielen Selbstmörder in New York, Bus erfüllt sich den langgehegten Wunsch, Farmer zu werden und gründet mit einem in Yale kennengelernten Mädchen (Zohra Lampert) einen grundsoliden Familienhaushalt ohne aufrichtige Leidenschaft. Buds Schwester Ginny (Barbara Loden), eine unangepasste, rebellische Establishmentgegnerin, bezahlt ihre aufsässige Nonkonformität mit dem Leben, die Mutter (Joanna Roos) verarmt.
Nachdem Wilma rehabilitiert ist, plant sie, einen in der Anstalt kennengelernten jungen Mann (Sean Garrison) mit ganz ähnlichen Problemen wie den ihren zu heiraten, auch dies eine eher zweckmäßige Vernunftentscheidung. Ihre uneinsichtige Mutter (Audrey Christie) indes hat bei Wilma jede aufrichtige Liebe verspielt und wird damit leben müssen, dass ihre Tochter sie nicht aufrichtig, aber doch intuitiv für den Rest ihres Lebens zutiefst hassen wird. Soweit, so schrecklich. Kazan plädiert für die Jugend, für Selbstbestimmung und, wenn nötig, ruhig auch mal trial and error: Die Fehler, die die Alten einst gemacht haben oder denen sie selbst dereinst anheim gefallen sind, dürfen sie weder auf ihre Kinder projizieren noch versuchen, an ihnen alles falsch Gelaufene zu richten. Stattdessen soll die Jugend den Mut aufbringen, eigene Entscheidungen zu treffen.
Ein hübsch zeitgemäßer Appell und deutlich effektiver vorgetragen als es ehedem manch einem lieb gewesen sein dürfte.

8/10

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s