THE ARRANGEMENT

„Taxi? I’m ready!“

The Arrangement (Das Arrangement) ~ USA 1969
Directed By: Elia Kazan

Als PR-Manager eines Tabakkonzerns verdient der bei Los Angeles lebende Ehemann und Familienvater Eddie Anderson (Kirk Douglas) ein erstklassiges Gehalt. Seit er jedoch vor einiger Zeit eine Affäre mit der wesentlich jüngeren Gwen (Faye Dunaway) hatte, ist sein Leben aus den Fugen geraten. Bei Gwen, die ihn wegen seiner Inkonsequenz, nicht zur Gänze zu ihr zu stehen, verließ, hatte Eddie die Erfüllung gefunden, die seine biedere Gattin Florence (Deborah Kerr) ihm stets unbewusst verweigert hat.
Nach einem mehr oder weniger bewusst herbeigeführten Autounfall auf dem allmorgendlichen Weg zur Arbeit muss Eddie dann Bilanz ziehen. Sein Leben befindet er in der gegenwärtigen Form nicht länger für lebenswert. Als Eddie nach New York fliegt, um seinen rasch dementer werdenden Vater (Richard Boone) zu besuchen, nutzt er die Gelegenheit, Gwen zu besuchen. Diese hat mittlerweile ein Baby – vermutlich von Eddie – und lebt in einem platonischen Verhältnis mit Charles (John Randolph Jones), der sie umsorgt. Eddie reanimiert, unter Gwens steten Vorbehalt, ihre frühere Liebe und entführt seinen Dad aus dem Krankenhaus, um ihn in seinem alten Haus auf Long Island unterzubringen und zu versorgen. Doch da Eddie mittlerweile selbst als nicht mehr als zur Gänze zurechnungsfähig gilt, sorgen Florence und Schwägerin Gloria (Carol Rossen) dafür, dass der Alte in ein Seniorenheim abgeschoben wird. Auch Eddie, dessen Verhalten zunehmend absonderlich wird, findet sich bald in psychiatrischer Pflege wieder. Jetzt ist es an Gwen, die letzten ihr verbliebenen Karten auszuspielen.

Nach diesem vorvorletzten Film Elia Kazans blieb mir der Mund erstmal ganz weit offen stehen und ich musste mich selbst meiner Wahrnehmung mehrfach versichern. Von dem straighten Erzähler, als den man Kazan nach seinen sechzehn bis dato entstandenen Filmen kennenlernte, ist in „The Arrangement“ nämlich nicht mehr viel übrig. Gestattete Kazan sich sechs Jahre zuvor bei „America America“ bereits außerordentliche Gestaltungsfreiheiten, so lässt er die klassische Narration, als einer deren größten Hüter ich ihn selbst bezeichnen würde, im Zuge dieser Adaption eines von ihm selbst geschriebenen, wiederum etliche persönliche Facetten widerspiegelnden Romans, knallhart implodieren. Der Film steigt völlig in die Rezeptions- und Seelenwelt Eddie Andersons ein. Als er sich eine Schlägerei mit Gwens neuem Lebenspartner Charles ausmalt, sehen wir plötzlich dem Sechziger-„Batman“-Serial entlehnte lautmalerische Comicblasen, zerrissene Fotos erachen zum Leben, immer wieder vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit in ein und derselben Einstellung, Eddie kommuniziert sogar mit seinem früheren, geschäftsmännischen alter ego. Dabei stellt er sich lange verleugneten Lebenslügen: Sein Vater, Kaufmann durch und durch, ist eigentlich gar nicht der liebenswerte, etwas aus den geistigen Fugen alte Herr, als der Eddie ihn sich zurechtstutzt und somit auch der Film zunächst einführt, sondern ein herrischer und misogyner Patriarch, der seinen Sohn dereinst zu einem unerwünschten Lebensweg nötigen wollte und seine Frau schlug. Das Leben mit Florence und der Adoptivtochter Ellen (Dianne Hull) taugt zwar zur Repräsentation, ist jedoch durch und durch verlogen, weil Florence Eddie weder versteht noch auch nur der geringste Rest erotischer Anziehung übrig geblieben ist. Stattdessen lebt Florence nurmehr zwischen Analytiker (Harold Gould) und Anwalt (Hume Cronyn), die ihrerseits nur darauf warten, Eddie für unmündig erklären und sein Vermögen an Florence überschreiben zu können. Dabei interessiert ihn materieller Wohlstand längst nicht mehr. Eddie will glücklich sein, und zwar auf eine Art, die die Gesellschaft ihm nicht zugesteht. Sein ganzes Leben ist ein Arrangement, das es nunmehr zu lösen gilt.
„The Arrangement“ ächzt geradezu vor persönlicher Involvierung Kazans, auch wenn dieser, konfrontiert damit, dass bereits der von ihm selbt verfasste, zugrunde liegende Roman stark autobiographische Züge trüge, selbiges stets verneinte. Und dennoch kommen sämtliche seiner eminentesten Hauptmotive kommen im Film noch einmal zum Tragen; die Figuren haben teilweise Namen von denen aus „America America“. Auch Eddies Elterngeneration besteht aus griechischen Migranten, die eigentlich Topouzoglou heißen. Eddies richtiger Vorname ist Evangelos und der seiner Mutter Thomna. Sein Vater ist Teppichhändler mit Leib und Seele und hängt mehr an Haus und Habe denn an irgendeinem Menschen.
Und erneut muss man die darstellerischen Leistungen gen Himmel preisen. Kirk Douglas, nach dem absagenden Brando (der angab, er sei aufgrund der Ermordung Martin Luther Kings so nachhaltig erschüttert, dass er momentan nicht konzentriert arbeiten könne) lediglich 2nd choice, tut dem Film entgegen anderer Auffassungen sehr gut, da er eine gewisse „Tongue-in-cheeck“-Nuance einbrachte, die man von Brando so sicher nicht hätte erwarten können. Selten hat man Douglas mit einer solchen Intensität spielen sehen, sein Porträt des ordinären amerikanischen Mannes um die 50 am Scheideweg der midlife crisis zählt zum Besten, was ich von ihm kenne. Selbiges gilt für Richard Boone, der, obschon ein Jahr jünger, als Douglas‘ Vater zu sehen ist. Was hat dieser brillante Akteur, der mit der Rolle des demenzkranken Immigranten wohl sein darstellerisches Werk krönt, sich oftmals doch verheizt.
Die Tatsache, dass „The Arrangement“ sich einer solch experimentell-elliptischen, mitunter collageartigen Form bedient, um sein Sujet subtil-satirisch zu exponieren, hat die zeitgenössische Kritik Kazan als Schwäche, Einfallslosigkeit und Hang zu oberflächlichem Chic ausgelegt und seinen Film daraufhin rat- und vor allem hilflos in der Luft zerrissen. Jene ungewohnte Ablehnung, die mit dem geschäftlichen Misserfolg des Films einherging, trieb den Regisseur noch ein Stück weiter von der Filmkunst weg und ihn ließ ihn nurmehr zwei weitere Projekte realisieren. Eine Bodenlosigkeit, die unbedingt einer hoffentlich bald stattfindenden, umfassenden Revision bedarf, denn hier reibt sich ein Filmemacher förmlich auf, indem er stur darauf verzichtet, etablierte Schemata aufzugreifen und zu bedienen. Trotz der jüngeren Gefahr des Inflationärgebrauchs entsprechender Termini auch dies: ein Meisterwerk. Punktum.

9/10

AMERICA AMERICA

„In America I will be washed clean.“

America America (Die Unbezwingbaren) ~ USA 1963
Directed By: Elia Kazan

Anatolien, kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende. Der junge Stavros (Stathis Giallelis), Sohn des kappadokischen Griechen Odysseus Topouzoglou (Salem Ludwig), beobachtet mit wachsender Sorge die imperialistischen Freiheiten, die die Türken sich gegenüber den armenischen und griechischen Minderheiten herausnehmen. Als Stavros‘ bester Freund, der Armenier Vartan (Frank Wolff) im Zuge eines Pogroms der Türken ermordet wird, ist Stavros endgültig klar: Befreiung von diesen Zuständen gibt es nur im fernen Amerika. Mit dem hart erworbenen Segen seines Vaters und dem gesamten Wertbestand der Familie, darunter ein Esel, macht sich Stavros auf den beschwerlichen Weg ins ferne Konstantinopel. Während der Reise lernt er den schlitzohrigen Türken Abdul (Lou Antonio) kennen, der sich zunächst bei Stavros anbiedert, um ihn dann auf tückische Weise um seine Habe zu erleichtern. Rachsüchtig ersticht Stavros den bösen Nepper. Völlig mittellos am Bosporus angelangt, setzt Stavros‘ Cousin Isaac (Harry Davis), ein armer Teppichhändler, den Jungen als Faktotum ein. Doch Stavros will schleunigst das Geld für die Überfahrt in die Neue Welt zusammenbringen und verdingt sich lieber als Tagelöhner – ohne Erfolg. Wegen seiner Träumereien verpasst ihm sein Freund Garabet (John Marley) den Spitznamen ‚America America‘. Nachdem er als vermeintlicher Untergrundkämpfer beinahe erschossen wird, hört Stavros endlich auf Isaacs Rat, sich bei dem reichen Teppichimporteur Aleko Simnikoglou (Paul Mann) anzubiedern, der dringend einen Schwiegersohn und Ehemann für seine älteste Tochter Thomna (Linda Marsh) sucht. Von der Mitgift plant Stavros das heißersehnte Ticket zu erwerben und sich aus dem Staube zu machen. Der liebenswerten Thomna kann er sein Vorhaben nicht verschweigen und sie unterstützt ihn dabei. Kurz vor der Passage lernt Stavros das reiche Ehepaar Kebabian kennen, das mit dem nächsten Schiff zurück in die Staaten will. Während der Überfahrt hält sich Mrs. Kebabian (Katharine Balfour) Stavros als Gigolo, doch als ihr Mann (Robert H. Harris) davon Wind bekommt, sorgt er dafür, dass Stavros die Einreise in die Staaten verweht wird. Jetzt kann ihn nur noch ein Wunder retten…

„My name is Elia Kazan. I am a Greek by blood, a Turk by birth and an American because my uncle made a journey.“ So empfängt der höchstpersönlich eingesprochene Voiceover des Regisseurs das Publikum zu seinem intimsten (und liebsten, wenngleich nicht seinem „besten“, wie er selbst im Interview konstatiert) Film, der Geschichte seines eigenen Onkels und dessen Odyssee, die Kazan als kleinem Jungen schließlich selbst die Migration nach Amerika ermöglichte. Mit „America America“ emanzipiert der große Filmemacher sich endgültig als Künstler von kosmopolitischem Rang. Mit epischer Breite, großer Melancholie und emotional wuchtig erzählt, vor Ort gedreht, auf Stars und äußeren Pomp verzichtend und doch von einem Hollywood-Studio (Warner) flankiert, nimmt dieses Werk nicht nur in Kazans Œuvre eine Ausnahmestellung ein, sondern weist zudem bereits recht früh auf die sich gemächlich ändernde Windrichtung im vom Rost befallenen System der großen Filmmogule hin.
Die kreative Freiheit, die Kazan genießen durfte, sorgt dafür, dass „America America“ sich kaum mehr als Hollywood-Produktion identifizieren lässt, sondern wie Weltkino eines Filmemachers vom Schlage Pasolini oder Buñuel daherkommt. In einer längst der Farbe anheim gefallenen Filmwelt lässt Kazan seinen Einmal-dp Haskell Wexler, von dem er später sagen wird, es sei zwar der beste Kameramann, mit dem er je hat arbeiten dürfen aber zugleich auch der einzige, den er kein zweites Mal für eine Kollaboration akzeptiert hätte, ein expressionistisch-kontrastreiches Schwarzweiß-Bild entwerfen, das einen auf unglaublich empathischem Wege direkt hineinkatapultiert in Zeit und Region. Die unverbrauchten Darsteller – Stathis Giallelis‘ Gesicht nebst Mimik erinnert nebenbei vehement an das von Oliver Reed – sorgen außerdem für eine deutlich umweglosere Identifikation und für eine völlige Akzeptanz des Geschehens als Abbildung realer Vorkommnisse als es üblicherweise bei amerikanischen Filmen, und gerade solchen aus jener Filmperiode, der Fall ist. So entwickelt sich Stavros Topouzoglous Reise von seinem kleinen Bergdorf am Fuße des Erciyes bis nach Ellis Island, wo er seinen neuen, amerikanischen Namen Joe Arness erhalten wird, gleichfalls zu einer Expedition in die menschliche Seele. Von der Abgründigkeit bis hin zur Verzweiflung, von der Misanthropie bis hin zur bedingungslosen Liebe, vom besten Freund bis zum ärgsten Feind lernt Stavros etliche Facetten humaner Befindlichkeiten und Verortungen kennen. Aus dem naiven Bauernjungen wird ein Weltbürger. Und aus Kazan spätestens mit dieser Arbeit ein Hauptgott für den Kinoolymp.

10/10