LOOKING FOR MR. GOODBAR

„We’re all hurt someplace and we’re all looking for a painkiller.“

Looking For Mr. Goodbar (Auf der Suche nach Mr. Goodbar) ~ USA 1977
Directed By: Richard Brooks

Das letzte Jahr im Leben von Theresa Dunn (Diane Keaton). Soeben das Studium beendend, begibt sich Theresa mit viel Enthusiasmus, Empathie und Erfolg an ihre neue Stelle als Lehrerin einer Taubstummenklasse. Die berufliche Erfüllung steht der privaten jedoch diametral gegenüber. Wegen einer besonders harschen Form der Kinderlähmung, unter der sie einst litt, will Thersa mit allen Mitteln vermeiden, sich fest zu binden, geschweige denn selbst jemals Kinder zu bekommen – ist die Krankheit doch erblich und bedeutete jede Schwangerschaft ein immenses Risiko für sie und ihr Baby. Zudem hat sie ihr verheirateter College-Professor (Alan Feinstein) kurzerhand sitzen lassen – ein weiteres, enttäuschendes Erlebnis. So sehnt sich die aus erzpuritanischen Hause stammende Theresa unmerklich nach Liebe und Geborgenheit, kompensiert diesen Wunsch jedoch mit wahllosem Sex. Sie streift durch das Chicagoer Nachtleben und lernt besonders im „Mr. Goodbar“ ähnlich gestimmte Männer kennen. Von dem Kleinkriminellen Tony (Richard Gere) „lernt“ Theresa den Umgang mit Kokain und Quaaludes und entwickelt nach und nach ein ihren Berufsalltag affizierendes Doppelleben. Der Sozialarbeiter James (William Atherton) verliebt sich ernstlich in sie, Theresa jedoch blockt James‘ aufrichtig gemeinte Zuneigung vehement ab. Als sie am Silvesterabend den frustrierten Homosexuellen Gary (Tom Berenger) kennenlernt und mit zu sich nach Hause nimmt, kommt es zur Katastrophe.

Richard Brooks‘ Spätwerk zugehörig ist dies sein vorvorletztes Werk. Der bereits seit den Frühfünfzigern als Regisseur aktive Filmemacher war um die 65, als er die von einem realen Vorfall inspirierte Literaturadaption inszenierte. Man könnte „Looking For Mr. Goodbar“ einen eindeutigen, durchaus reaktionär eingefärbten Intentionalismus anheim stellen – doch wäre dies andererseits  allzu vereinfachend. Aufbau und Komposition von Roman und Film stellen eine Protagonistin in ihr Zentrum, die in multipler Hinsicht eine Opferposition einnimmt. Sie ist gleichermaßen Opfer ihres ignoranten, konservativ-bigotten und von Lebenslügen verseuchten Elternhauses, insbesondere ihres biederen Vaters, ein Opfer feministischer Selbstillusion, Opfer der Zeit und schließlich auch eines der Großstadt. Dass sie da zwangsläufig zum Opfer eines wahnsinnigen Gewaltverbrechers werden muss, ist die sukzessive Konsequenz aus alldem. Vorbehaltlos trinkt Theresa Alkohol, raucht Joints, nimmt Uppers und Downers und hat, vor allem, wilden und ungeschützten Sex mit beinahe nächtlich wechselnden Geschlechtspartnern. Als sie endlich bereit ist, mit dem sie aufrichtig liebenden James zu schlafen und dieser ein Kondom hervorzaubert, bricht Theresa in wildes Gelächter aus: Augenblick und Beziehung sind damit irreparabel zerstört. Ihre vom Vater geliebte und unterstützte Schwester Katherine (Tuesday Weld) lebt zwar insgeheim eine ähnlich amoralische Existenz – mitsamt etlichen Scheidungen und mehreren Abtreibungen – verfolgt ihren Lebenswandel jedoch nicht aus einer unterbewussten Motivlage wie Thersa heraus: Katherine begeht ihre Fehler aus Naivität und Dummheit und nicht, weil sie sich oder der Welt etwas beweisen will.
„Looking For Mr. Goodbar“ hat mich phasenweise stark an den erst vorgestern geschauten „The Arrangement“ erinnert: Wie Kazan taucht auch Brooks so tief wie audiovisuell möglich in die Wahrnehmungswelt seiner Hauptfigur ein und macht ihre Vorstellungen und Phantasien für das Publikum sichtbar. Gleich mehrfach gaukelt Brooks uns verquere Ängste Theresas vor und lässt uns jedesmal auch kurz an deren Realitätsgehalt glauben. Bis zu dem in völligem Widerspruch zum restlichen Film stehenden, umso erschütternderen Ende, während dessen Diane Keaton von einem von Poppers bedröhnten Tom Berenger im Stroboskoplicht förmlich hingeschlachtet wird, setzt sich „Looking For Mr. Goodbar“ ganz bewusst zwischen die Stühle und verweigert sich strikter Kategorisierung. Mal arbeitet er mit dramatischen Mitteln, mal mit komödiantischen; mal wird er romantisch und mal anrüchig.
Diane Keaton liefert eine beängstigend authentische Darstellung als intelligente, liebenswerte  Frau zwischen psychischer Fragilität und verzweifelter Selbstbestimmungsambition, die am Ende dann doch naiver ist, als es ihr lieb sein kann. Theresas nächtliche „Drifter“-Gewohnheiten und ihre zunehmende Adaption an das trist-emotionsentleerte, urbane Kieztreiben nehmen gewissermaßen wesentliche Elemente von Friedkins „Cruising“ vorweg. Nicht allein aufgrunddessen muss er als eines der progressivsten Werke seines Entstehungsjahres gelten, das ja auch „Star Wars“ ausspuckte, das Epitaph New Hollywoods.

8/10

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