THE VISITORS

„I always thought he’s half a fag…“

The Visitors (Die Besucher) ~ USA 1972
Directed By: Elia Kazan

Der Vietnam-Veteran Bill (James Woods) hat sich mit Lebensgefährtin Martha (Patricia Joyce) und dem gemeinsamen Baby im neuenglisch gelegenen Landhaus von Marthas Dad Harry (Patrick McVey) niedergelassen. Der Alte hat sich ins angrenzende Chalet zurückgezogen und schreibt dort Westernromane. Eines kalten Wintertages kommen Bills alte Einheitsgenossen Mike (Steve Railsback), damals Platoon Sergeant, und Tony (Chico Martínez) zu Besuch. Martha bemerkt sofort die Spannung zwischen den Männern und erfährt bald auch den Grund dafür: In Vietnam hatte Mike ein junges Mädchen vordergründig verdächtigt, zum Vietcong zu gehören, sie daraufhin zusammen mit einigen anderen Männern vergewaltigt und dann erschossen. Bill, der diese Episode miterleben musste, zeigte daraufhin sämtliche Beteiligten vorm Militärgericht an, was zu teils gedehnten Gefängnisstrafen führte. Mit einer Racheaktion ist nun also zu rechnen. Und tatsächlich benimmt bersonders Mike sich seltsam und wird die Atmosphäre für Bill mit jeder weiteren Minute des Aufenthalts der Männer unbequemer…

Nach einer weiteren Filmpause von drei Jahren nahm sich Elia Kazan eines Scripts seines Sohnes Chris an, das wiederum Daniel Langs auf dem authentischen ‚Incident On Hill 192‘ basierende ‚New Yorker‘-Story „Casualties Of War“ fußte, respektive deren fiktive Folgen dramaturgisierte. Genau wie „o.k.“ von Michael Verhoeven und einige Jahre später „Casualties Of War“ von Brian De Palma bewegte die Kazans jener authentische Fall um einige amerikanische G.I.s, die während einer Routine-Erkundung im November 66 in blanke Barbarei verfielen und eine völlig unschuldige, junge Vietnamesin zunächst entführten, dann massenvergewaltigten und nach einem Fluchtversuch schließlich ermordeten. Ein unbeteiligter Private brachte den Vorfall später zur Anzeige und sorgte damit für lange Gefängnisstrafen für die Schuldigen.
Kazan machte aus der Prämisse, was geschehen möge, wenn der Initiator der damaligen Verbrechen den Ankläger nach seiner Strafe mit diesem „Verrat“ an seinen Leuten konfrontierte, ein bedrückendes, reduziertes Fünf-Personen-Kammerspiel, das infolge seiner starken örtlichen und zeitlichen Komprimierung auch auf der Bühne funktioniert hätte. Weit entfernt von der komlexen Form von „The Arrangement“, zudem mit damals wiederum unbekannten Darstellern besetzt, brauchte der Regisseur lediglich auf ein Minimalbudget zurückgreifen und lieferte damit sozusagen seinen persönlichen, kleinen Beitrag zu New Hollywood. Von den Kriegsheimkehrern zeichnet Kazan ein sehr schwarzes Bild. Stark traumatisiert und indoktriniert, zu Killern und Maschinen herangezogen, gelingt es nur wenigen, sich zurück an der Heimatfront wieder zurechtzufinden. Dabei ist nicht allein die Generation Vietnam betroffen. Auch Marthas Vater Harry, ein Pazifikkriegsveteran, der einst auf Guadalcanal kämpfte, zeigt diese Symptome, nur eben in manifestierterer, unterbewussterer Form. Harry kann die schrecklichen Erlebnisse von vor fast dreißig Jahren nicht vergessen; er trinkt, ist verbittert, einsam und ergeht sich in Paraphrasen über die kommunistische Weltverschwörung, während er seinen illegitimen „Schwiegersohn“als verweichlichte Schwuchtel denunziert. Ihm kommt der Besuch von Mike und Tony gerade recht. Sie etablieren sich umgehend dadurch, dass sie den verhassten Nachbarshund erschießen, mit Harry trinken und ihre Kriegsneurosen in oberflächliche Prahlerei kleiden. Für Bill derweil werden die Besucher zu Spießruten auf seinem folgenden Lauf: was könnten Mike und Tony mit ihrem Besuch auch anderes erreichen wollen als Vergeltung. Mikes subtiles Vorgehen, das die hilflose Martha involviert, treibt Bill schließlich in die Offensive. Mike schlägt ihn bis zur Besinnungslosigkeit zusammen, vergewaltigt Martha und zieht dann mit Tony frohgemut davon, den eigenen, kleinen Privatkrieg gewinnend, eine weitere Zerstörungsschneise hinterlassend. Ob Bill und Martha, die am Ende, brutal gefickt und in die Schranken der Ohnmacht gewiesen wie die gesamte Nation nach Vietnam, sich jemals zur Gänze von diesem verhängnisvollen Zwölf-Stunden-Besuch werden erholen können, bleibt offen. So oder so wird es ein langer, harter Prozess.

8/10

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