MAGNOLIA

„It’s not going to stop – till you wise up.“

Magnolia ~ USA 1999
Directed By: Paul Thomas Anderson

Mehrere Schicksale prallen in und um Los Angeles aufeinander: Die dauerkoksende Claudia (Melora Walters) versucht verzweifelt, das durch den von ihrem Vater Jimmy Gator (Philip Baker Hall) während ihrer Kindheit an ihr begangenen, sexuellen Missbrauch hervorgerufene Trauma zu überwinden. Gator, der das Thema längst völlig aus seinem Leben ausgeblendet hat, leidet derweil an einer tödlichen Krebserkrankung und moderiert die beliebte TV-Quizshow „What Do Kids Know?“, in der Erwachsene gegen Kinder antreten. Eines davon, der kleine Stanley (Jeremy Blackman), gilt wegen seines universellen Allgemeinwissens als Wunderkind, wird jedoch von seinem alleinerziehenden, gierigen Vater (Michael Bowen) völlig bevormundet und unter Druck gesetzt. Ein früherer Gewinner der Show, Donnie Smith (William H. Macy), ist gerade dabei, seinen Job als Verkäufer in einem Elektromarkt zu verlieren und ist dabei hoffnungslos in einen muskelbepackten Barkeeper (Craig Kvinsland) verliebt. Der TV-Mogul Earl Partridge (Jason Robards), dessen Unternehmen auch „What Do Kids Know?“ produziert, hat ebenfalls Krebs, liegt jedoch bereits im Sterben. Seine wesentlich jüngere Frau Linda (Julianne Moore) zerbricht an der Schuld, dass sie Earl lediglich mit Blick auf sein gewaltiges Vermögen geheiratet hat. Earls überempathischer Hospiz-Pfleger Phil (Philip Seymour Hoffman) reibt sich ebenfalls völlig am Schicksal seines Patienten auf und versucht, dessen delirösen Wunsch, vor seinem Tode nochmal seinen von ihm abgewandten Sohn Frank Mackey (Tom Cruise) zu sehen, zu erfüllen. Frank, der seinen Vater hasst, weil der ihn dereinst als Junge mit seiner todkranken Mutter sitzen ließ, sublimiert die Widernisse seiner Jugend, indem er als erfolgreicher Motivationstrainer für misogyne Männer arbeitet, die gern mehr anonymen Sex hätten.
Der alleinstehende, brave Streifencop Jim Kurring (John C. Reilly) kompensiert die Gräuel seines Alltags indes mit strikter Gottestreue und unerschütterlicher Gutgläubigkeit. Als er bei einem Einsatz die nicht minder einsame Claudia kennenlernt, ist es um ihn geschehen…

Paul Thomas Andersons dritter Film begibt sich, nachdem der göttliche „Boogie Nights“ bereits erste Spuren im Ensemblefilmfach hinterlassen hatte, endgültig auf Robert Altmans Spuren, freilich in auschließlich literarischer Hinsicht. Wie Altmans sechs Jahre älteres Meisterwerk „Short Cuts“, aus dem sich mit Julianne Moore sogar eine von Altmans Darstellerinnen zu Anderson hinübergerettet hat, entwirft „Magnolia“ das pralle Kaleidoskop einer Gruppe von Menschen, die allesamt teils durch geringste gemeinsame Nenner miteinander in Verbindung stehen oder in Interaktion treten. So ist der – in Pro- und Epilog angerissene – Komplex schicksalhafter Koninzidenz Andersons vorrangiger Antriebsmotor. Das Faszinosum der seltenen, aber grundsätzlich probaten Möglichkeit, dass eine umfassende Personenkonstellation ohne der anderen Individuen in ihrem Beziehungsgeflecht gewahr zu werden in ein und demselben Moment vor entscheidende Augenblicke in ihren jeweiligen Existenzabläufen geführt wird, begeisterte Anderson so nachhaltig, dass er daraus diesen komplexen, ebenso dramatischen wie schwarzhumorigen Film webte. Im Erzählfach und auch bezüglich der stilistischen Geschlossenheit erlangt der Autor mit „Magnolia“ wiederum große Meisterschaft. Mehrere Aimee-Mann-Songs bilden den strukturellen Faden des Geschehens, an dessen ehrfurchtgebietendem Kulminationspunkt („Wise Up“) die Protagonisten sogar geschlossen in Manns Gesang einstimmen und damit ihre jeweilige, sich ganz unterschiedlich äußernde Gefangenschaft im Lebenszyklus beklagen. Überhaupt ist „Magnolia“ ein offen pathetisches, wehklagendes Werk, in dem viel geweint wird. Keine der Hauptfiguren kommt ohne Tränen davon und bei manchen ergießen sich förmlich Sturzbäche. Doch sind diese durchweg berechtigt in einer Welt, die vor allem von Übervorteilung und Verrat geprägt ist, zumeist dem Verrat von Eltern oder ganz allgemein von Erwachsenen an Kindern, die irgendwann in den Trümmern ihrer zerfallenden Welt allein gelassen wurden und nunmehr als Erwachsene am Leben scheitern. Sie sind die Leidtragenden von „Magnolia“, doch auch die Schuldigen, die nunmehr zum Teil am Ende ihres Weges oder kurz davor stehen, bedürfen Erlösung. In diesem Punkt macht Anderson wenig Unterschied. Inwieweit der „Froschregen“ am Ende von Bedeutsamkeit ist, lässt sich nur mutmaßen; kathartische Reinigung, biblische Plage, gemeinschaftliches Erleben oder wieder bloß die Parallelität von Zufällen? Am nächsten Morgen steht die Welt jedenfalls noch und dreht sich weiter, der alte Partridge ist tot und mit ihm eine mediale Ära, die meisten der angerissenen Konflikte bleiben ungelöst oder ungewiss in ihrem Ausgang, werden sich vielleicht gar noch intensivieren und die wenigsten der zuvor gestellten Fragen werden beantwortet. Insofern ist „Magnolia“, aller von ihm bemühten Melancholie und Theatralik folgend, ganz dicht dran. Denn ist es nicht genau so, das Leben?

9/10

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