STRAIGHT OUTTA COMPTON

„Speak a little truth and people lose their minds.“

Straight Outta Compton ~ USA 2015
Directed By: F. Gary Gray

Jung, frustriert und kreativ: In Compton, Vorort des Molochs Los Angeles, bekriegen sich um die Mitte der Achtziger vornehmlich die besetzungsstarken Gangs „Bloods“ und „Crips“ und wetteifern um die Vormachtsstellung über ganze Straßenzüge. Die Polizei greift angesichts ihrer aussichtslosen Lage zu rassistischen und faschistischen Unterdrückungsmethoden und stellt oftmals völlig Unbeteiligte, um ihr verlorenes Terrain zu kompensieren. Vor diesem Hintergrund tut sich eine hiesige Gruppe von Hip-Hoppern zusammen, darunter Ice Cube (O’Shea Jackson Jr.), Dr. Dre (Corey Hawkins) und Eazy-E (Jason Mitchell), und schickt sich an, den Gangsta-Rap aus dem Ghetto in die landesweiten Radiostationen und auf die Konzertbühne zu bringen. Ein ausgebuffter Manager findet sich in der Person Jerry Hellers (Paul Giamatti) und mit dem Album „Straight Outta Compton“ veröffentlicht die sich „N.W.A.“ (Niggaz Wit Attitudes) ein unsterbliches Meisterwerk. Der große Erfolg stellt sich ein, doch für Cube und Dre bleiben jeweils nur Krümel vom Kuchen. Beide kehren N.W.A. den Rücken und werden mit Soloprojekten erfolgreich, derweil Eazy sich in Schulden verstrickt und irgendwann erkennen muss, dass Heller auch ihn übervorteilt hat. Das große „Dissen“ beginnt, die Musiker machen sich in enzelnen Songs über ihre früheren Freunde und Partner lustig, man kontert und so fort. Zur 1995 geplanten Reunion kommt es nicht mehr – bei Eazy wird AIDS diagnostiziert und kaum drei Monate später stirbt er. Damit ist auch N.W.A. endgültig Geschichte.

Große, für das Kino fiktionalisierte Musiker-Biographien können sich durch unterschiedlichste Faktoren auszeichnen – durch tiefes Eintauchen in Lokal- und Zeitkolorit, durch eine große Liebe respektive ein spezifisches Verständnis der Macher zu und von der porträtierten Musik oder der Künstler, durch persönliche Beziehungen gar, durch außerordentliche Identifikation zwischen Darsteller und Original und so fort. „Straight Outta Compton“ begeistert, weil er den Bezug zwischen Gangsta-Rap als revolutionärem Musikstil und den sozialen Bedingungen, die ihn hervorbrachte, knüpft. Männer wie Dr. Dre, heute vielfacher Multimillionär, kamen dereinst aus dem Nichts ethnischer Mittellosigkeit und erarbeiteten sich in einer von Machismo und atavistischen Umgangsformen geprägten Szene zunächst öffentliche credibility, um ihr Talent dann irgendwann rechtmäßig vergolden zu lassen. Eine interessante Kausalität in diesem Zusaammenhang ist, dass die offene Wut, die die Kraft jener Art von Musik vorrangig ausmacht, erst durch Aggression geschürt werden musste – ohne die selbstgerechten Übergriffe der Cops, deren Opfer die Mitglieder von N.W.A. immer wieder wurden, wären Stücke wie „Fuck Tha Police“ entweder gar nicht erst entstanden oder hätten zumindest nicht jenen ungebrochenen Klassikerstatus erreicht, den sie weiterhin bekleiden. Zu kontroverser Musik gehören auch kontroverse Auftritte: die Doors hatten ihren Gig in New Haven, N.W.A. spielten oben genannten Song trotz eingehender prophylaktischer Warnungen in Detroit und erhielten damit kostenfreie Publicity. Ihr späterer Streit mitsamt dem gegenseitigen Heruntergemache auf den Solo-Alben spielt sich beinahe nahtlos vor dem Hintergrund des Falles Rodney King und der ihm folgenden riots in South Central L.A. ab – auch hierin vollzieht Grays Film eine recht geschickte Anbindung an gesellschaftliche Authentizität. Dass später ausgerechnet die Infektionskrankheit AIDS eine Leitfigur der streng heterosexuellen, mit Sexismen und Schwulenfeindlichkeit kokettierenden Hip-Hop-Szene hinwegrafft, wählt der kluge „Straight Outta Compton“ nicht umsonst als Schlusspunkt seiner großzügigen, jedoch wie im Fluge vergehenden Erzählzeit: Eazy-Es unrühmlicher Tod bedeutet nicht nur für seine engen Freunde, sondern gleichermaßen für eine ganze Subkultur das Erwachen aus einer pubertären Kleine-Jungs-Phantasie. Das Schicksal schlägt nicht nur in seiner „berechenbarsten“ Form als Maschinenpistolen aus entschleunigten low riders zu, es kann dich auch buchstäblich und ganz unerkannt ficken. Damit rechnete bis dato wohl niemand.

9/10

THE GREAT RACE

„He who fights and runs away lives to fight another day.“

The Great Race (Das große Rennen rund um die Welt) ~ USA 1965
Directed By: Blake Edwards

Um die vorletzte Jahrhundertwende: Als der strahlende Sportsmann und Filou Leslie (Tony Curtis) einem Automobilkonzern anbietet, mit einem eigens für ihn konstruierten Modell den Landweg von New York nach Paris zu bewältigen, lässt sich auch sein erklärter Gegner Professor Fate (Jack Lemmon) nicht lumpen: Der ebenso listige wie boshafte Erfinder baut sein eigenes Auto, mit dem er Leslie zu schlagen gedenkt. Ein paar weitere Teilnehmer werden von Fate und seinem Adlatus Max (Peter Falk) schon kurz nach dem Start sabotiert, so dass nurmehr die beiden Kontrahenten und die ehrgeizige Reporterin Maggie Dubois (Natalie Wood) im Rennen sind. Ein paar gemeinsame Abenteuer auf dem Weg sorgen für wechselnde Allianzen und die obligatorische Liebesgeschichte.

Im Gedenken an Jules Vernes „Around The World in 80 Days“ und Michael Andersons herrliche Kino-Adaption desselben kreierte Blake Edwards seine persönliche Variante der kunterbunten Weltreise, ein paar „notwendige“ Modifikationen inbegriffen. Bereits die in der Titelsequenz genannte Widmung, die sich an Laurel und Hardy richtet, verrät, dass „The Great Race“ sich auch als Hommage an die goldenen Jahre der Slapstick-Komödie begreift; das Rennen wird zudem stets mit demselben Verkehrsmittel ausgetragen – nämlich den Spezial-Wagen der sich bereits vor dem eigentlichen Rennen ausführlich vorstellenden (und etablierenden) Widersacher Leslie und Professor Fate. Diese beiden nicht von ungefähr mit den Namen von Cartoonfiguren ausgestatteten Gegner um Sieg und Ehre gemahnen an die etlichen „Jagdpärchen“, die man aus Kurz- und Trickfilmen kennt: Der „große“ Leslie ist ein Tausendsassa mit allen möglichen Talenten und ohne jedwede Angst, seine Gegner Fate ein zerknirschter Fiesling ohne Gewissen, dessen ewige Versuche, Leslie den Garaus zu machen, stets in einen eigenen Fallstrick münden. Ergänzt werden die ohnehin archetypisch angelegten Antagonisten zusätzlich durch ein jeweiliges Faktotum, in Curtis‘ Fall Keenan Wynn und für Lemmon der erwähnte Peter Falk. Natalie Wood muss als das vervollständigende Emanzipationswunder herhalten, im klassischen Figurenrepertoire wie üblich die erfolgs- und gleichberechtigungsorientierte Journalistin, deren feministische Bemühungen sich durch frivole Auftritte in Strapsen und einer Menge Torten im Gesicht quittiert finden.
Ein weiterer Clou liegt darin, die sich bereits wenige Jahre zuvor für Wilders „Some Like It Hot“  balgenden Curtis und Lemmon erneut zu kombinieren und aus ihrer bewährten Paarungsdynamik großen Nutzen zu ziehen.
Die einzelnen Anekdoten wiederum sind von wechselnder Unterhaltungsqualität und erreichen nicht immer die Spitzigkeit, die sie wohl gern transportierten; so wirkt die Wildwest-Episode mitsamt Saloonschlägerei recht abgegriffen und auch die spätere Putsch-Story in einem an die damalige k.u.k.-Monarchie angelegten Kleinstaat, die mit einer hübsch ausgeflippten Doppelrolle für Lemon aufwartet, wirkt in ihrer Gedehntheit nicht immer konsistent. Dafür erfreut ein Eisbär in Alaska und andere kleine Feinheiten, die sich besonders in Detailversessenheit und visueller Sorgfalt manifestieren.
Alles in allem ein ziemlich irrsinniges Werk, das in dieser exaltierten Form auch nur zu jener Zeit entstehen konnte und somit heuer undenkbar wäre – exemplarisches Prä-New-Hollywood, in der die zunehmend die Orientierung verlierenden Studios auf der Suche nach Überraschungserfolgen bereitwillig jede noch so verrückte Idee mit barer Münze unterstützten.

8/10