LINKEROEVER

Zitat entfällt.

Linkeroever (Nightmare On Left Bank) ~ BE 2008
Directed By: Pieter Van Hees

Nachdem sie mitten im Schuhgeschäft kollabiert ist, erhält die junge Antwerpener Läuferin Marie (Eline Kuppens) die Diagnose, unter einem aggressiven Virus zu leiden und sich dringend auskurieren zu müssen – ausgerechnet kurz vor den anstehenden Meisterschaften. Da kommt ihr der schmucke Bogenschütze Bobby (Matthias Schoenaerts), in den sie sich heftig verliebt, gerade recht: Bobby bietet ihr an, sich in seiner Wohnung am linken Ufer der Schelde zu erholen, für Marie, deren dem Ökolgiewahn verfallene Mutter (Sien Eggers) ihr gehörig auf den Keks geht, eine willkommene Option. Dann jedoch mehren sich beunruhigende Gegebenheiten: Marie leidet unter bizarren Träumen, ein unerlaubter Waldlauf endet mit einem Sturz, der ein verwundetes, sich immer schlimmer entzündendes Knie nach sich zieht und Recherchen betreffs Bobbys verschwundener Vormieterin Hella (Ruth Becquart) werfen noch mehr Fragen auf. Schließlich ist da der geheimnisvolle, verriegelte „Keller 51“, in dessen Innerem sich ein kreisrundes Loch mit hochviskoser, schwarzer Flüssigkeit befindet…

Ein sehr schön gestalteter Horrorfilm aus Belgien, der sich zwar wiederum bei etlichen altbekannten Genremotiven bedient und diese neu arrangiert, dabei jedoch von liebevoller bis fachkundiger Hand gestaltet und erzählt wird. Anstatt sich in bei seinem kleinen Budget vermutlich ohnehin eher störender Effekthascherei zu ergehen, bleibt das Allermeiste gepflegt diffus und der Zuschauerkonstruktion überlassen. Grundsätzliche Ahnherren finden sich einmal mehr in Person Roman Polanskis, nominell dessen Meisterwerken „Rosemary’s Baby“ und „Le Locataire“ sowie Hardys „The Wicker Man“, wobei der phantastische Einschlag in „Linkeroever“ sich um Einiges stärker und akuter manifestiert als bei zumindest den zwei Letztgenannten. Wir erfahren nämlich im Laufe der Geschichte, dass Marie in die Fänge eines paganistischen, bereits seit vorchristlicher Zeit umtriebigen Kults geraten ist, der seit jeher am linken Schelde-Ufer sein uraltes Unwesen treibt und mit einer geheimnisvollen Entität im Erdinneren in Verbindung steht. Jene fordert alles sieben Jahre ein Opfer pünktlich zu Allerheiligen, das die Ernte der Folgejahre gewährleisten soll und durch Seelenwanderung reinkarniert wird. Der als „Zulieferer“ fungierende Bobby scheint dabei, wie Marie und der sie unterstützende Dirk (Tom Dewispelaere) herausfinden, selbst nicht zu altern. Dabei erhöht Van Hees den Unbehaglichkeitsfaktor kaum merklich und sukzessive bis hin zur perplexen Gewissheit, sind Glauben und Wirken der paganistischen Bruderschaft doch nicht wie gemeinhin üblich von destruktivem Satanismus oder apokalyptischen Weissagungen dominiert, sondern von der Überzeugung, dass das Leben einem unaufhörlichen Zyklus obliegt. Dass man bei der Geheimhaltung der allenthalben durchgeführten Praktiken recht rigoros zu Werke gehen muss, liegt ferner in der Natur der Sache, schließlich kann und darf die aufgeklärte Gesellschaft derlei unzivilisiertes Treiben nicht gutheißen.

8/10

THE BROKEN

„Dextrocardia with situs inversus. It’s not uncommon, but it’s pretty rare. One in every thousand.“

The Broken ~ UK/F 2008
Directed By: Sean Ellis

Während einer kleinen Geburtstagsfeier bei dem als US-Diplomat in der Londoner Botschaft arbeitenden John McVey (Richard Jenkins) fällt urplötzlich ein Spiegel von der Wand und zerbricht. Was zunächst keine besondere Aufmerkamkeit erregt, stellt sich bald als Schlüsselereignis für eine Kette höchst seltsamer Vorkommnisse heraus: McVeys Tochter Gina (Lena Headey), die als Radiologin tätig ist, glaubt, auf der Straße sich selbst zu begegnen und hat kurz darauf einen schweren Autounfall nebst amnesischer Episoden. Doch geht es auch den übrigen Gästen des Abends nicht anders: Ginas Freund Stefan (Melvil Poupaud), ihr jüngerer Bruder Daniel (Asier Newman), dessen Freundin Kate (Michelle Duncan) und McVey selbst – sie alle haben bald merkwürdige Begegnungen mit alternativen Versionen ihrer Selbsts, die nicht nur augenscheinlich seelenlos, sondern darüberhinaus auch höchst aggressiv auftreten.

Der Topos des heimlichen Ausgewechseltwerdens, der Substitution durch äußerlich identische Doppelgänger mit invasorischer Agenda ist eine klassische Spielart in der Phantastik. Besonders die berühmten, paranoiden SciFi-Filme der fünfziger Jahre, allen voran „It Came From Outer Space“ und „Invasion Of The Body Snatchers“, variierten die Angst vor der Unterwanderung durch ein geheimnisvolles (in diesen Fällen extraterrestrisches) Kollektiv, das unsere Gesellschaft mit äußerlich identischen Hochstaplern unterwandert und Freund von Feind lediglich durch Verhaltensmerkmale unterscheidbar macht, in zunehmend aggressiver Weise. Waren die Aliens bei Jack Arnold lediglich halbwegs friedliche Durchreisende, die ihr Schiff für die Weiterfahrt reparieren und Doppelgänger (einiger „lediglich“ gekidnappter Aspiranten) stellen mussten, um unerkannt auf der Erde agieren zu können, handelte es sich bei denen von Siegel bereits um unumwundene Eroberer aus dem All, die ihre Opfer duplizieren und selbige im gleichen Zuge „verschwinden“ ließen, um ihrem Reich ganze Planeten einverleiben zu können.
Woher die Duplikate in „The Broken“ stammen, wird nicht gänzlich schlüssig erläutert; offenbar sind sie nichts Geringeres als unsere eigenen Spiegelbilder, die sich aus mysteriöser Ursache heraus zur Rebellion gegen ihr jeweiliges, reziprokes Ich von der anderen Seite entschlossen haben, der „Spiegeldimension“ durch eigenmächtiges Zerbrechen des Mediums entkommen und ihre Gegenstücke beseitigen, um deren Stelle einzunehmen. Auch hierbei handelt es sich, dafür gibt der Film immer wieder Hinweise, offenbar um eine fast unmerklich im Anrollen befindliche Invasion, der immer mehr Menschen zum Opfer fallen. Unsere Gegenstücke kennzeichnen sich dabei – ganz wie ihre Genre-Urahnen – durch ein kaltes, emotionsentledigtes Wesen, dessen erste und wichtigste Amtshandlung darin besteht, sich ihres Ebenbildes auf gewaltsame Art zu entledigen, um sich frei unter uns bewegen zu können. Ein wirkliches Novum bildet dabei lediglich die eingenommene Erzählperspektive. Wie sich erst spät herausstellt, befinden wir uns nämlich die ganze Zeit an der Seite von Gina McVeys Doppelgängerin, die ihr Original längst getötet hat und lediglich infolge des Unfalls nicht um ihre wahre Identität als Spiegelwesen weiß. Am Ende ergibt sie sich dann ihrer ohnehin unumgänglichen Determination als Teil jenes außerdimensionalen Kollektivs. Ihr noch nicht ausgetauschter Bruder erkennt dies und flüchtet verzweifelt in das wahrscheinlich hoffnungslose Ungewisse – eine kleine Reminiszenz an das Finale von Philip Kaufmans berauschendem „Body Snatchers“-Remake. Interessanterweise gab es es just im selben Jahr wie „The Broken“ einen weiteren, allerdings wohl deutlich populäreren Horrorfilm mit dem Spiegel und seinen pandimensionalen Geheimnissen als symbolstarkem Handlungsträger: Alexandre Ajas „Mirrors“.

6/10

CLASSE TOUS RISQUES

Zitat entfällt.

Classe Tous Risques (Der Panther wird gehetzt) ~ F/I 1960
Directed By: Claude Sautet

Der Schwerverbrecher Abel Davos (Lino Ventura) ist in Frankreich zum Tode verurteilt worden. Daher flieht er mit seiner Familie ins europäische Ausland unter ständiger Verfolgung von Interpol und anderen Behörden – ein Leben ohne Ruhepause. Nach Jahren der Flucht wagt Davos zusammen mit seiner Frau Thérèse (Simone France) sowie seinen beiden Jungen Pierrot (Robert Desnoux) und Daniel (Thierry Lavoye) schließlich die Rückkehr nach Frankreich, wo er sich Unterstützung von seinen früheren Freunden erhofft. Schon bei der nächtlichen Ankunft an der Côte d’Azur wird Thérèse von zufällig auftauchenden Polizisten erschossen und Davos muss sich mit den beiden Kindern allein durchschlagen. Zwar gelingt mithilfe des Nachwuchsgauners Stark (Jean-Paul Belmondo) die Weiterreise nach Paris, vor Ort jedoch zeigen sich Davos‘ frühere Freunde Vintran (Michel Ardan) und Fargier (Claude Cerval) aus Angst vor der Polizei wenig kooperativ. Die Schlinge um Davos‘ Hals zieht sich immer enger…

Der clevere Gangster auf der Flucht, das war ein stetes Hauptmotiv des traditionellen, französischen Genrefilms, wie er in all seiner Pracht, Eleganz und Herzensbrecherei das internationale Kino der fünfziger und sechziger Jahre veredelte. Allein Ventura spielte jene Rolle mehrfach, in Sautets „Classe Tous Risques“ als verzweifelter Familienvater allerdings von einer besonderen emotionalen Schwere niedergedrückt. Wie gewohnt steht und fällt auch hier das Überleben des Gesuchten mit den Vetrauensbanden und komplizierten Ehrenkodexen, die ihn mit Milieu und Genossen verbindet. Spätestens im Angesicht höchster Brisanz zeigt sich nämlich, was Kameradschaft und Vertrauensvorschuss wirklich wert sind. Was Abel Davos anbelangt, so sind seine ehemaligen Partner keine ausgesprochenen Denunzianten. Ihre Wankelmut unterliegt vor allem der Herrschsucht respektive der gesundheitlichen Instabilität ihrer Ehefrauen, die mit der Rückkehr des polizeilich intensivst gesuchten Davos‘ unwillkürlich den Verzug allerhöchster Gefahr assoziieren. Vintrans Gattin (France Asselin) verriete Davos am liebsten gleich an die Behörden, um ihre Ruhe ja nicht zu gefährden; Fargiers Frau (Michèle Méritz) leidet an einer Herzschwäche, die ihren Mann veranlasst, ihr erst gar nichts über Davos zu erzählen, um sie zu schonen. So spitzt sich die Lage zu: Davos, der bald mittellos dasteht, sieht sich gezwungen, den berüchtigten Juwelenschieber Gibelin (Marcel Dalio) auszuplündern, der sich wiederum auf die Suche nach Davos macht. Der Einzige, dem der müde Gangster am Ende noch vollends vertrauen kann, ist ausgerechnet der Jungspund Stark, der als wackligstes Element eher zufällig in die Affäre hineingerutscht ist. Und ganz im ewigen Gefüge klassischer Kinomoral mit ihrer poetic justice darf der Zuschauer niemals mit der Erlösung für Davos rechnen, der am Ende sogar den Verräter Vintran laufen lässt, einfach, weil er „genug hat“. Sein persönliches Kerbholz findet sich nichtsdestotrotz längst in allzu frequentiertem Gebrauch.

9/10