SHEENA

„See! See! Even in chains, we can defeat them! Turn your minds back, oh my people. Remember yourselves- a thousand, a thousand moons ago! Bring your bows! Chief Harumba – Attack!“

Sheena ~ USA/UK 1984
Directed By: John Guillermin

Nachdem ihre Eltern (Michael Shannon, Nancy Paul), von Beruf Forscher, im zentralafrikanischen Staat Tigora in einer Höhle des heiligen Berges Gudjara verschüttet werden, wird die kleine Janet (Kathryn Grant) als „Sheena“ von einer Zambouli-Schamanin (Elizabeth of Toro) großgezogen. Von ihr erlernt Sheena mancherlei magische Fertigkeiten, darunter die, mit Tieren kommunizieren zu können.
Jahre später plant Otwani (Trevor Thomas), der Bruder des Königs Jabalani (Clifton Jones), einen Putsch gegen den Monarchen, der auch dessen Ermordung beinhaltet. Otwani, nebenbei ein internationaler Fußballstar, hat es dabei vor allem auf die Bodenschätze der Zambouli abgesehen, die für seinen Bruder stets tabu waren. Um den Umsturz medienwirksam aufzuziehen, lädt Otwani seinen alten Freund, den Sportjournalisten Vic Casey (Ted Wass) nach Tigora ein. Dummerweise filmen Casey und sein Kumpel Fletcher (Donovan Scott) jedoch belastendes Material, so dass Otwani auch sie beseitigen muss. Die beiden Freunde stoßen auf die geheimnisvolle Sheena und nehmen mit ihr zusammen den Kampf gegen Otwani und seine Söldnertruppe auf.

Diese auf einem alten Comicstrip von Will Eisner basierende Tarzanade beweist einmal mehr, dass Frauen in der Titelrolle ein fast noch lohnenswerteres Subjekt für derlei Heldenepen sind als ihre männlichen Kollegen. Der Grund dafür ist ein entwaffnend simpler: Mit wohlgeformten Rundungen unterm Lendenschurz potenziert sich – zumindest für die männliche Zuschauerschaft – der dem Subgenre implizite Sexfaktor und damit einhergehend auch das dazugehörige Camp-Element. Tatsächlich bildet „Sheena“ Campkino in Reinkultur ab; der Film besitzt wie wohl nur wenige andere rundum alles, was diese besondere Film-„Gattung“ so erquicklich gestaltet und auszeichnet: Mit John Guillermin trat ein erfahrener, profilierter Regisseur an, der mit großzügig budgetierten Stoffen haushalten konnte, die production values (Design von Peter Murton)  sind durchweg stimmig und geben den Augen Zucker, die Fotografie von Pasqualino De Santis, ehedem häufig für Visconti und Zeffirelli unterwegs, verwöhnt den Zuschauer darüber hinaus mit wahrhaft erlesenen Bildern. Story und Dialoge glänzen mit entwaffnender Naivität und  überwiegend liebenswertem Tongue-in-cheek-Humor, der allerdings ebensooft über die Stränge schlägt und sich hemmungsloser Albernheit ergeben muss. Tanya Roberts spielt dermaßen inbrünstig, als wolle sie in ihrer ersten, großen Titelrolle sich selbst und der Welt beweisen, welch gigantische Qualitäten ihr zu Eigen sind. Ein wenig tragisch ist das schon, denn man lechzt dann doch bloß nach jeder Szene, in der sie wieder einmal ihren entblätterten Luxusleib präsentiert. Ich glaube, Tanya Roberts mit ihren graublauen Augen war in den Achtzigern sowieso meine erste große Star-Liebe und wohl auch die erste nackte Erwachsene, bei der ich plötzlich nicht mehr laut verschämt „Iiih!“ rief. Ich liebte sie damals (und eigentlich auch heute noch) im letzten Moore-Bond „A View To A Kill“ (zugleich der erste der Reihe, den ich im Kino sah), in Coscarellis „Beastmaster“ und eben vor allem in „Sheena“. Nach diesem, der in Anbetracht seiner nicht eben kostengünstigen Produktion pompös floppte und danach mit Pauken und Trompeten im Erdboden versank, wurde es mit Ausnahme ihrer Gespielinnenrolle im wahrscheinlich bereits zuvor avisierten Bond-Film bedauerlich still um sie. Das finde ich persönlich nachhaltig bedauernswert.

7/10

FANTASTIC FOUR

„Promise me you’ll look after each other.“

Fantastic Four ~ USA/D/UK/CA 2015
Directed By: Josh Trank

Seit Kindesbeinen (Owen Judge) ist Reed Richards (Miles Teller) ein Wunderkind. Es gelingt ihm, mithilfe simpelster technischern Mittel und der seines deutlich rustikaler gestrickten, besten Freundes Ben Grimm (Jamie Bell), ein Dimensionsportal zu bauen. Während die „Jugend forscht“-Jury Reeds Ambitionen mit hilfloser Ignoranz straft, wird der stets nach Nachwuchstalenten suchende Wissenschaftler Franklin Storm (Reg E. Cathey) auf ihn aufmerksam. Dessen Adoptivtochter Sue (Kate Mara) und sein „schwieriges“ Mündel Victor Von Doom (Toby Kebbell) zeigen ganz ähnliche Ambitionen wie Reed. Gemeinsam und mit der nicht eben uneigennützigen Unterstützung des Regierungsangestellten Dr. Allen (Tim Blake Nelson) gelingt schließlich der Durchbruch: Das Tor zu einer unentdeckten Dimension. Verbotenerweise wagen Reed, Ben, Victor und Storms leiblicher Sohn Johnny (Michael B. Jordan) den Übergang ins Unbekannte. Die Parallelwelt wird durchzogen von einer mysteriösen, grünen Energiequelle, die die vier jungen Männer und auch die im Labor befindliche Sue erfasst. Während der bereits totgeglaubte Victor zurückbleibt, entwickeln die Übrigen unglaubliche Fähigkeiten. Reeds Körper wird elastisch und beliebig dehnbar, Sue kann unsichtbar werden und Kraftfelder erzeugen, Johnny sich in eine lebende, fliegende Fackel verwandeln. Ben trifft es am Härtesten – er wird zu einem unverwundbaren und superstarken Steinmonster, kann sich im Gegensatz zu seinen Freunden jedoch nicht zurückverwandeln. Reed flieht aus dem mittlerweile unter militärische Quarantäne gestellten Labor und taucht unter, der frustrierte Ben arbeitet als Supersoldat für die Armee, Sue und Johnny lernen ihre Kräfte unter Aufsicht zu perfektionieren.
Nach einem Jahr spürt man Reed wieder auf und bittet ihn, weiter für Storm zu forschen. Wieder gelingt der Bau einer Brücke zwischen den Dimensionen, auf der anderen Seite wartet jedoch schon der mitnichten tote, dafür schwer entstellte, endgültig wahnsinnig gewordene Victor auf seine Rache, welche die Zerstörung der gesamten Erde vorsieht…

Dass Josh Tranks „Fantastic Four“, der bereits dritte Versuch einer Adaption des meritenreichen Comics um Marvels „First Family“, sich zu einem höchst problematischen Projekt entwickelt hat, ist mittlerweile sicherlich bekannter als der Film selbst. Damit setzt sich aber gewissermaßen auch eine mehr oder weniger unfreiwillig gepflegte Tradition fort, die ihren nurmehr als unglücklich zu bezeichnenden Ausgang bereits 1983 nahm, als der deutsche Produzent Bernd Eichinger auf Marvel-Mastermind Stan Lee traf, und ihm die drei Jahre später aktiv werdenden Verfilmungsrechte für die Reihe abschwatzte. Das von der „Neuen Constantin“ geplante Minibudget erwies sich bald als bei weitem nicht ausreichend für eine auch nur halbwegs adäquate Adaption. Da die Filmrechte für Eichinger im Falle ihrer Nichtnutzung nach sechs Jahren auslaufen sollten, heuerte der findige Produzent flugs den Ökonomiekönig Roger Corman an, der 1993 eilends den ersten, echten „Fantastic Four“-Film auf die Beine stellte. Nachdem bereits frühe Trailer zu sehen gewesen waren, gab Eichinger dann bekannt, dass der von Oley Sassone inszenierte Film niemals auf einer Kinoleinwand zu sehen sein werde und zog ihn komplett zurück, so dass er bis heute nicht offiziell aufgeführt werden konnte. Erst 2005, als die anlaufende Welle von Superheldencomic-Verfilmungen im Blockbusterformat sich als lukratives Geschäft erwiesen hatte, kam es seitens Eichinger zu einem ersten, „angemessen budgetierten“ Reboot, das zwei Jahre später sogar ein Sequel nach sich zog. Beide Filme erwiesen sich als grundsätzlich ansehbar, vermochten jedoch nicht, die gewaltigen Erwartungshaltungen der Fans umfassend zu bedienen, geschweige denn noch unbedarfte Publikumsschichten für sich zu begeistern.
Nun, da Marvel im Kino ein nahezu bombensicheres Trademark darstellt, befand man es offenbar an der Zeit für einen weiteren Neuansatz, der zum Einen die in der Vergangenheit gemachten Fehler ignorieren und das Franchise zum Anderen attraktiv für eine nachwachsende Zuschauergeneration machen sollte. Wie ließ sich selbiges anstellen? Zunächst wurde das naive Astronautik-Element entfernt; das Heldenquartett erhält seine Kräfte nunmehr nicht wie eh und je durch den Kontakt mit „kosmischer Strahlung“. Ferner wurden die Protagonisten deutlich verjüngt: Während der Reed Richards der Comics bereits ein promoviertes und ebenso arriviertes Wissenschaftsgenie mit grauen Schläfen personifiziert, ist er hier just dem Teenager-Alter entwachsen und um entsprechende Lebenserfahrungen ärmer. Selbiges gilt für die anderen Mitspieler. Aus Sue Storm ist ein ursprünglich aus Osteuropa stammendes Adoptivikind geworden, das Richards in punkto Brillanz, Exzentrik und Verschrobenheit in Nichts nachsteht (im Comic bildete sie stets einen sehr konsequenten Gegenpart zu dem bisweilen allzu analytisch arbeitenden Funktionsverstand ihres späteren Gatten) und Johnny musste kurzerhand die Hautfarbe wechseln, möglicherweise, weil die nahezu durchweg weiße Superheldenkaste mit ihren zwischen fünfzig und achtzig Jahren zurückliegenden Trivialkulturwurzeln nicht mehr umweglos mit gegenwärtigen Gesellschaftsmaßstäben harmoniert. Darum ist heuer auch unbedingt eine Ororo Munroe/Storm (Halle Berry bzw. Alexandra Shipp) ebenso unumgänglich für die X-Men wie ein Sam Wilson/Falcon (Anthony Mackie) für die Avengers und darum gibt es anno 2015 auch afroasische Gottheiten (Idris Elba). Ergo benötigt auch die First Family ihr entsprechendes Quotenviertel. Doch sei’s drum, man ist ja glücklicherweise offen für den ethnischen Strukturwandel, so er denn sinnstiftend ausfällt. Im Falle „Fantastic Four“ 15 kann man sich jedoch des vehementen Eindrucks nicht erwehren, dass all die Neuerungen Zeugnis reiner, gewinnmaximierender Willkür sind. Darum ist der Film auch trotz vielversprechender Ansätze – so beweist etwa Tranks „Chronicle“, dass der Regisseur durchaus imstand ist, ein diesem hier nicht unähnliches Sujet ansprechend in den Griff zu bekommen -, schlichterdigs nicht gut. Er weist stattdessen in genau jene Richtung, die die Superheldenwelle zunehmend kritischer beäugende Fraktion von Kinoliebhabern bereits seit längerem moniert und auf der sie die Basis ihres wachenden Missfallens errichtet. Dieser jüngste „Fantastic Four“ muss sich, nicht allein rein filmisch betrachtet, den Vorwurf gefallen lassen, auf ganzer Linie schematisch, überraschungs- und spannungsfrei, uninspiriert, unattraktiv, von lähmender Routiniertheit gar zu sein und darüberhinaus auch noch albern; er füllt lediglich notgedrungen und rein gesetzmäßig eine Lücke, die unser Superheldenteam als eines der eben populärsten von allen schlicht füllen muss, die Fantastic Four dürfen zwischen all ihren Milliarden und Abermilliarden von Dollars einspielenden Kolleginnen und Kollegen nicht dem Vergessen anheim fallen. Dass man die origin des Quartetts  (und nichts anderes ist Tranks Film, nichts anderes als eine viel zu kurz geratene, jeder Balance entbehrende origin) mit aller Gewalt zu modifizieren und zu aktualisieren zu trachtete und damit teilweise die ehedem mit Herzblut entwickelten Figuren verriet, ist dabei sicherlich der gröbste Wermutstropfen. Da hilft es auch nicht weiter, dass Johnny Storm einmal sein berühmtes „Flame on!“ lanciert oder der zum „Ding“ mutierte Ben sich nach urplötzlich überwundener Depression freut: „It’s clobberin‘ time!“ Diese „Fantastic Four“ sind beileibe keineswegs fantastic. Sie enttäuschen vielmehr bitterlich. Und dass durch die Rechtesituation wie bei den X-Men kein Anschluss an das MCU möglich ist, stimmt nicht eben fröhlicher. Aber gerade das ist ja die Crux des Ganzen.
Um ein bereits fest geplantes Sequel wird es nunmehr wieder still, was mir persönlich, der ich mich grundsätzlich über jeden Superhelden-Film freue, immerhin gemischte Gefühle verschafft. Vielleicht hält man die Richards, Storms und Grimms künftig einfach besser ganz heraus aus dem Kino. Sie fühlen sich dort ganz offensichtlich nicht besonders gut aufgehoben.

4/10

CYPHER

„Just some reading to pass the time.“

Cypher ~ USA/CA 2002
Directed By: Vincenzo Natali

Morgan Sullivan (Jeremy Northam) ist vermutlich der langweiligste Mensch der Welt. Von Beruf Schwiegersohn verdankt er das Kleinvermögen, das ihm ein entsetzlich gleichförmiges Häuschen auf einer uniformierten Vorstadtparzelle beschert, ausschließlich der Familie seiner ihn entsetzlich bevormundenden Frau (Kristina Nicoll). Eine Stelle bei dem Marketing-Analysten „Digicorp“ soll etwas Farbe in seinen monotonen Alltag bringen. Sein Aufgabenfeld besagt, unter einer Scheinidentität wiederum furchtbar öde Firmenkongresse auszuspionieren. Dabei trifft er eines Tages die schöne Rita (Lucy Liu), die mehr über ihn zu wissen scheint als er selbst. Mit ihrer Hilfe findet Sullivan heraus, dass man an ihm und seinen Kollegen während der Tagungen unbemerkt Gehirnwäschen vornimmt. Er beginnt, für den Digicorp-Konkurrenten „Sunways“ als Doppelagent zu arbeiten. Bald taucht der Name von „Sebastian Rooks“ auf, einer mysteriösen Hacker-Legende, für die auch Rita tätig ist. Für Rooks, der für ihn die letzte Möglichkeit personifiziert, aus dem Spionage-Karussell auszubrechen, ergattert Sullivan unter Einsatz seines Lebens eine streng geheime Datei unbekannten Inhalts. Nun gilt es, Rooks von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, was außer Rita bislang niemand überlebt hat…

Ganze fünf Jahre nach seinem Aufsehen erregenden Langfilmdebüt „Cube“ konnte der Kanadier Vincenzo Natali sein zweites Kinostück realisieren; immerhin mit monetärer Rückendeckung von den Gebrüdern Weinstein, was ihm ein um das rund Zwanzigfache angehobenes Budget sowie die Möglichkeit, einige bekanntere Darsteller zu verpflichten, bescherte. Aus den ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen schuf Natali dann auch einen denkwürdigen Film, indem er den filmischen Archetypen des schnittigen Superspions in ein vollkommen kafkaeskes Szenario beförderte. Anders als James Bond, Jason Bourne oder Ethan Hunt agiert der amnesische Sebastian Rooks nicht auf der globalen Spielwiese konkurrierender Geheimdienste oder international vernetzter Terroristen, sondern auf dem überaus langweiligen Feld der Produkt- und Marketing-Analysen. Seine Aufträge führen ihn nicht etwa nach Übersee und zu exotischen Schauplätzen mit unaussprechlichen Namen, sondern in miese Provinznester in Idaho oder Wichita. Vor diesem Hintergrund sucht Morgan Sullivan verzweifelt nach maskuliner Exklusivität: Er beginnt, edle Zigaretten zu rauchen, trinkt teuren Scotch und interessiert sich plötzlich für Golf. Welche Bedeutung die seltsamen Nackenschmerzen und die ihn ständig heimsuchenden Flashbacks haben, soll sich in diesem Zusammenhang erst später auflösen.
Der Plot von „Cypher“ schickt uns zusammen mit dem unbedarften Protagonisten Sullivan zunächst durch ein im Hinblick auf die finale Auflösung eher verwirrendes Vexierspiel – zwei konkurrierende Industrie-Spionage-Firmen und deren leitende Köpfe (Nigel Bennett, Timothy Webber) werden nacheinander vorgestellt sind jedoch, wie sich bald herausstellen wird, von eher sekundärer Bedeutung. Ihre etwas dystopisch anmutenden Mitarbeiter-Traktierungen, nebenbei ein Fest für Verschwörungstheoretiker und Paranoiiker gleichermaßen, nehmen ebenfalls eine für den Plot nebensächliche Position ein. Hier ist ausnahmsweise nicht der Weg das Ziel, sondern tatsächlich das Endresultat, die letzte, erfolgreich durchgeführte Aktion – aus aufrichtiger Liebe zudem.
Mit „Cypher“, geradezu ein Ausbund an stilistischer und formaler Geschlossenheit, erlesen fotografiert und von ebenso genießerisch-schwelgender wie unbehaglich-kühler Ästhetik, ist Natali seine wie ich finde bislang schönste, trefflichste Arbeit gelungen. Möge er daran nochmal anschließen können.

8/10

CUBE

„We’ve been going in circles.“

Cube ~ CA 1997
Directed By: Vincenzo Natali

Mehrere Menschen wachen unversehens in einem eigenartigen Komplex auf, der, die Form eines gigantischen Kubus einnehmend, sich wiederum aus zehntausenden kleiner, etwa vier Kubikmeter großer und jeweils an sechs zentralen Stellen miteinander verbundener Würfelräume zusammensetzt. Farblich unterschiedlich ausgeleuchtet beinhalten manche jener Räume furchtbarte Todesfallen, während andere wiederum harmlos sind. Während einer von ihnen (Julian Richings) nicht weit kommt, begegnen sich die anderen bald auf ihrer Suche nach dem Ausgang: Der Cop Quentin (Maurice Dean Wint), die Ärztin Holloway (Nicky Guadagni), der Architekt Worth, die Mathematikstudentin Leaven (Nicole de Boer), der autistische Kazan (Andrew Miller) und der kriminelle Ausbruchsspezialist Rennes (Wayne Robson) bilden eine Zweckgemeinschaft, die sich jedoch schon bald durch Paranoia, Wahnvorstellungen und gegenseitiges Misstrauen von innen heraus zu zersetzen beginnt. Besonders der hochaggressive Quentin hält dem psychischen Druck bald nicht mehr stand und entwickelt sich für die Übrigen zu einem tödlichen Unsicherheitsfaktor…

Vincenzo Natalis seinerzeit recht frenetisch abgefeierter und verehrter Indie hätte den Regisseur eigentlich zu weit Höherem tragen mögen, dennoch befasst er sich auch knappe zwanzig Jahre später, von einigen Ausflügen in finanziell risikoärmere Fernseh-Breitengrade abgesehen, noch immer und ausschließlich mit kleiner, nach wie vor stets sehenswerter, phantastischer Genrekost. „Cube“ galt damals als etwas Besonderes, weil er, extrem verdichtet, seine Idee aus einer zunächst vergleichsweise simpel anmutenden Prämisse bezog und aus einem relativen Minimum an settings und Produktionsaufwand ein Maximum an Wirkung destillierte. Hinzu kamen einige wenige, dafür jedoch immens pointiert gesetzte und umso derbere Make-Up-Effekte, die in der Prä-„Saw“-Ära und auch vor all den anderen seit der Jahrtausendwende die Toleranzgrenzen immer weiter pushenden Genrefilmen noch keine Selbstverständlichkeit darstellten. Im Prinzip also engsten und kargsten Spielplatz nutzend, lebt „Cube“ insbesondere von der von ihm selbst deklarierten Raumkonstruktion und der analogen Imaginationsbereitschaft des Zuschauers: Die clevere Mathematikerin Leaven, die mittels des Gebrauchs dreidimensionaler Koordinaten, Primzahlen und Permutationen, algebraischem Blabla also, das der naturwissenschaftlich unterdurchschnittlich gebildete Rezipient für bare Münze zu nehmen gezwungen ist, die Eigenschaften und die Zusammensetzung des Kubus entschlüsselt (später wird man herausfinden, dass die kleinen Würfel permanent rotieren und dauernd ihren Platz wechseln), findet heraus, dass das Gebilde aus mehr als siebzehntausend jener kleinen Würfelräume besteht. Dennoch bahnt man sich seinen Weg bis ganz nach außen, derweil der höchst unberechenbare Quentin immer verrückter wird und die Gruppendynamik überreizt.
Irgendwann gerät „Cube“ dann in gewisse Erklärungsnöte, wenn er uns während einer dramaturgischen Atempause im Zuge eines Dialogs zwischen Worth und Holloway mit Mühe und Not beibringen will, dass hinter alldem doch tatsächlich gar kein Sinn steckt. Man wäre hier lediglich gefangen, weil der Kubus „einfach da ist“; er müsse (s)einen Existenzzweck erfüllen, eröffnet der gegenüber den Anderen etwas illuminiertere Worth. Keine Regierungsschweinereien oder geheime Belastungstests, keine Außerirdischen, keine militärische Verschwörung oder abartige Gesellschaftsspiele superreicher Sadisten, keine Area 51 also.
Und warum dann das alles? Die ja doch extremen Nöte und Entbehrungen der Beteiligten mit der reinen Existenz des Kubus zu „erklären“, erscheint dann doch recht unbefriedigend.
Am Ende entkommt, moralisch zwangsläufig, nur Einer: derjenige nämlich, der seine Unschuld bewahren konnte, ja, musste, weil er als geistig Behinderter die Gutmütigkeit selbst personifiziert und somit als Einziger niemals selbst zu physischer oder psychischer Gewaltausübung gegriffen hat. Und mit seinem brillanten Zahlverständnis dennoch ein entscheidender Faktor war, um den Ausgang zu finden. Wo Kazan dann eigentlich landet, nachdem ihn eine große Weiße umfängt und gänzlich einfasst, spielt zu diesem Zeitpunkt längst keine Rolle mehr. Vielleicht betritt er das (oder ein religiöses) Paradies, weil „Cube“ eine minimalistisch gefasste Paraphrase für die Selbstzerstörung des Menschengeschlechts sein und dem einzigen moralisch Unbefleckten seine göttliche Belohnung zukommen lassen möchte; möglicherweise landet er auch im Labor einiger greiser Wissenschaftler, die ihn ja ruhig laufen lassen könnten, weil ihm ohnehin niemand Glauben schenkte. Vielleicht fällt er auch einfach wo runter. Den Zuschauer sollte derlei zwanghaftes Hypothetisieren dann nicht weiter befassen, der kann sich etwas völlig Anderem zuwenden.

8/10

TEQUILA SUNRISE

„Friendship is the only choice in life you can make that’s yours.“

Tequila Sunrise ~ USA 1988
Directed By: Robert Towne

Mehr oder minder durch Zufall begegnen sich die alten Freunde Dale „Mac“ McKussic (Mel Gibson) und Nick Frescia (Kurt Russell) wieder. An diametralen Gesetzesenden stehend, muss ihre frühere Beziehung der zwangsläufigen Konfrontation weichen: Mac ist als Koksdealer landesweit bekannt und Frescia gilt als einer der besten Cops von L.A.. Obschon Mac Frescia schwört, mittlerweile eine blütenweiße Weste und sich gänzlich aus dem Kokaingeschäft zurückgezogen zu haben, ist dieser überzeugt, dass sein ehemaliger Kumpel noch immer Dreck am Stecken hat. Als sich beide Männer in dieselbe Frau, die Restaurantbesitzerin Jo Ann Vallenari (Michelle Pfeiffer), verlieben, erhält die ohnehin schwierige Situation noch eine weitere komplizierte Dimension. Doch Frescia verliert, ganz Profi, das Wesentliche seiner Ermittlungen nicht aus dem Auge; es gilt nämlich, den mexikanischen Großdealer Carlos (Raul Julia) festzunageln, der soeben dabei ist, mit seinem früheren Geschäftspartner Mac wieder Kontakt aufzunehmen. Jo Ann gerät abermals zwischen die Fronten…

„Tequila Sunrise“, eine verhältnismäßig späte Regiearbeit des exzentrischen New-Hollywood-Autoren Robert Towne, spiegelt nochmal ganz vorzüglich den Oberflächen-Hedonismus der achtzier Jahre wider: Drei an gutem Aussehen und äußerer Eleganz kaum zu überbietende Protagonisten, eine hitzige Dreiecksgeschichte mitsamt geradezu exemplarisch inszenierten Liebesszenen, das vorweihnachtliche, in Dämmerlicht schwelgende Kalifornien. Besonders die Rollen und das Beziehungsfeld zwischen Mac und Frescia erweist sich in diesem Zuge als von klassischer Prägung beseelt. Einst beste Kumpel beim Herumhängen, Surfen und Kiffen am Strand von Manhattan Beach, hatte Mac das Pech, mit Marihuana erwischt zu werden und damit gesellschaftliche Ächtung nebst drakonischen Strafmaßnahmen und eine typische Knast- und Dealerkarriere vor sich, derweil Frescia nicht erwischt und stattdessen zum unbestechlichen Gesetzeshüter wurde. Ihre charakterliches Ebenmaß manifestiert sich bereits durch ihre rein optische Austauschbarkeit; im Prinzip wirkt eher der sich in schicken Zwirn kleidende und die Haare streng zurückgegelt tragende Frescia wie ein typischer Kokainhändler, derweil der vorsichtige, zwischenzeitlich zum fürsorglichen Vater eines kleinen Sohnes (Gabriel Damon) avancierte Mac einen eher soliden Eindruck hinterlässt. Beide Männer sind bis zu einem gewissen Grad „austauschbar“, dass jeder seinen persönlichen Weg eingeschlagen hat, ist lediglich einer Schicksalslaune geschuldet. Dennoch entscheidet sich die zwischen sie geratende Jo Ann letztlich für den weniger selbstsicheren Mac, da er trotz seines kriminellen Backgrounds die rücksichtslose Ellbogenmentalität Frescias entbehrt und wesentlich menschlichere Qualitäten aufweist. Echte Dynamik kommt erst durch die jeweiligen „Kollegen“ der zwei Antagonisten ins Spiel (die zugleich das schauspielerisch wirklich interessante Rollenkontigent der Story verkörpern dürfen). Auf Frescias Seite ist es der noch mehr von Ehrgeiz zerfressene DEA-Beamte Maguire (J.T. Walsh), auf Macs der sehr sympathische, aber eben auch gefährliche Carlos (Raul Julia). Sowohl Mac als auch Frescia sind letzten Endes, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen gezwungen, ihre jeweiligen „Seitenverstärker“ zu töten. Dass der vormals als eher schmierig bis unsympathisch gezeichnete Nick Frescia am Ende als moralischer Held in der Tradition eines Rick Blaine dastehen darf, entpuppt sich als außerordentlich sympathischer Abschluss dieses schönen, rückblickend vollkommen unterbewerteten Films.
In einer Gastrolle: Budd Boetticher als alter Richter.

8/10

ENDSTATION ROTE LATERNE

„Diese Spießertöchter werden später die Schlimmsten!“

Endstation Rote Laterne ~ BRD 1960
Directed By: Rudolf Jugert

Ohne um die wahre Profession des bzw. der Anderen zu ahnen, begeben sich die Enthüllungsjournalistin Verena Linkmann (Christine Görner) und der Kölner Kriminaler Martin Stelling (Joachim Fuchsberger) in Amsterdam auf die Spur eines Mädchenhändlerrings, der von dort aus unschuldige Revuegirls und sogar jungfräuliche Kidnappingopfer nach Havanna in den Luxuspuff der fiesen alten Estella (Annemarie Holtz) verschifft. Dreh- und Angelpunkt vor Ort ist der Nachtclub „Casino Rio“, der von dem gewissenlosen Ex-Zahnarzt Jan Fabrizius (Klausjürgen Wussow) geleitet wird. Die Logistik und die geschäftstüchtige Fassade des Unternehmens hält derweil Henrik van Laan (Werner Peters), ein nur vermeintlich aalglatter Firmeninhaber in der Hand. Als Van Laan jedoch ohne dessen Wissen Fabrizius‘ Geliebte Uschi (Nana Osten) nach Kuba verschachert und diese dort den Freitod sucht, will Fabrizius Rache. Er macht sich an Van Laans minderjährige Tochter Irene (Eva Anthes) heran und verschifft sie, mitsamt des Papas unwissentlicher Unterschrift und gemeinsam mit der undercover arbeitenden Verena. Glücklicherweise befindet sich bald auch Inspektor Stelling in Havanna und räumt im Hause Estella auf.

Höchstform-Kolportage wie sie für einen formidablen Handwerker wie Jugert ein echtes Präsent dargestellt haben muss. Kreischende Trompeten (Willy Mattes) säumen die klatschspaltige Sensationsatmosphäre, die das „brandheiße Eisen“ Mädchenhandel freilich a priori impliziert: Meine Güte, so was gibt es, bei uns, hier, in Mitteleuropa? Ist ja fürch-ter-lich! So fürchterlich allerdings auch nicht, denn die herrliche Besetzung entschädigt mehr denn reichlich für die dräuende Sozialkritik. Blacky Fuchsberger lässt die Platzpatronen knallen und spielt als liebenswerter Polizist eine seiner Standardrollen, der junge Wussow mit geheimnisvoller Sonnenbrille erinnerte mich vehement an Herbert Lom und „Untertan“ Werner Peters ist sowieso ein womöglich noch viel zu unbesungener Gott der Choleriker. Annemarie Holtz performt super als knittrige, alte Bordellhexe, die sich ein paar virile Einheimische als Lustknaben hält und Wolfgang Büttner entblödet sich nicht, mit einiger diabolischer Verbissenheit einen sadistischen Messerwerfer und Peitschenschwinger zu geben. In einer kleinen Nebenrolle als evil goon zeigt sich Synchronlegende Herbert Weicker, der tatsächlich so aussah, wie seine Stimme klang.
Das Schönste an „Endstation Rote Laterne“ sind jedoch sein wunderbar biederer Habitus und die vorwurfsvolle Ernsthaftigkeit, mit der er allen ebenso leichtgläubigen wie bourgeoisen Eltern, die sich in ihn verirrten, ans Herz legte, ihre geschlechtsreifen Töchter doch bitteschön nicht freimütig ins bitterböse Nachtleben zu entlassen, denn dort lauert nichts weniger als das pure Böse!

8/10

LOVE & MERCY

„I’m worried about you, brother.“

Love & Mercy ~ USA 2014
Directed By: Bill Pohlad

1966, kurz nachdem Brian Wilson (Paul Dano), Mastermind der legendären Beach Boys, sich infolge einer schweren Panikattacke aus dem Tourgeschäft zurückgezogen hat, beginnt er mit der Arbeit an dem popmusikalischen Meilenstein „Pet Sounds“, für das er zuvor unge- und unerhörte orchestrale Arrangements im Studio aufnehmen lässt. Der aus Japan zurückgekehrende Rest der Band verleiht dem Album schließlich nurmehr das stimmliche Finish. Just zu dieser Zeit beginnt Brian auch, nach Erfahrungen mit Cannabis, in gesteigertem Maße mit LSD zu experimentieren, was aufgrund seiner psychschen Disposition verhängnisvolle Folgen für ihn hat: Bald oszilliert Brian zwischen Drogenkonsum, Depression und Psychose, verliert jedes Maß und verlässt kaum mehr das Haus geschweige denn das Bett.
1986 begegnet Brian (John Cusack) der Autoverkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks). Zu dieser Zeit steht Wilson vollkommen unter dem beherrschenden Einfluss seines Psychotherapeuten Eugene Landy (Paul Giamatti), dem er nicht nur die völlige Kontrolle über seine Medikation, sondern auch die über sein Leben, seine Finanzen, seinen kompletten Tagesablauf gar anvertraut hat. Als Melinda registriert, welche Gefahr Landy für Brian darstellt, verbietet er ihr, sie weiter zu treffen. Schließlich gelingt es Melinda mithilfe von Brians Familie, den weiteren Kontakt zwischen ihm und Landy zu unterbinden.

Eine weitere feine Pop-/Rockmusiker-Bio, in deren Fall ja otmals allein das Genre beinahe ein Erfolgsgarant ist. Die populäre Musik des letzten Jahrhunderts ist so voll von schillernden Gestalten, Aufbrechern, Pionieren, Genies, Wahnsinnigen und Selbstmördern, dass das Kontingent für entsprechende großartige Spielfilme glücklicherweise noch lange nicht erschöpft ist. Beinahe verwunderlich erscheint es da, dass über den brillanten Brian Wilson erst jetzt ein dramaturgisiertes Kinostück erscheint. Vermutlich liegt es daran, dass er noch unter den Lebenden weilt und sogar noch immer aktiv ist (wie ein ebenso eindrucksvoller wie rührender Einspieler während der end titles zeigt, in dem der gealterte, gegenwärtige Wilson live das Titelstück zum Besten gibt) – tote Stars transportieren einfach mehr Tragik und vielleicht auch etwas mehr melancholische Schwere. Dennoch genügt Wilsons Biographie um damit auch drei bis vier Filme zu füllen: seine schwere, teildrogeninduzierte Psychose, während der er seine Mündigkeit und damit faktisch seine gesamte Existenz an den sich immer mehr als Scharlatan entpuppenden Radikaltherapeuten Landy übergibt.
Die im wahrsten Wortsinne „fetten“ Jahre Brian Wilsons, also die Mitt- und Spätsiebziger und Frühachtziger spart der zwiegeteilte „Love & Mercy“ nahezu komplett aus und lässt sie lediglich als Erinnerungsbruchstücke Revue passieren. Vielmehr ist Pohlands Film interessiert an der frühen Beziehungsphase zwischen Wilson und Melinda Ledbetter, de facto seine Lebensretterin, die ihn schließlich aus den immer gieriger und despotischer agierenden Fängen Landys befreit, respektive am „Absturzpräludium“, jener Zeit also, in der sich Wilsons auf multiple Faktoren rückführbare, psychische Leidensgeschichte in Kombination mit seinem Konsum psychoaktiver Rauschmittel ausprägte. Dieser Ansatz mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, erscheint revisionistisch betrachtet jedoch durchaus sinnstiftend, da sich somit zwar kein erschöpfendes, aber ein durchaus komplettes Bild von Brian Wilsons fragiler Persona entwickelt. Ein sehr sehenswerter Film, für Musikbegeisterte wahrscheinlich gar verpflichtend.

8/10