THE VOICES

„Hey, Fish.“ – „Hey Jerry, how you doin‘, man?“

The Voices ~ USA/D 2014
Directed By: Marjane Satrapi

Der auf den ersten Eindruck sympathische Mittdreißiger Jerry Hickfang (Ryan Reynolds) leidet an einer starken, genetisch ererbten Psychose. Seine Realitätsrezeption ist derart stark beeinträchtigt, dass sie sich auf bestimmte Selektiveindrücke beschränkt und zudem stark verzerrt. So nimmt der einsame Jerry im akuten Krankheitszustand seine Welt ausschließlich in Bonbonfarben und voller Freundlichkeiten wahr, kann sich mit seinen Haustieren unterhalten und wähnt überall Sauberkeit und Harmonie. Sobald er jedoch wieder regelmäßig seine Neuroleptika einnimmt, verdüstert sich alles sukzessive. Hund Bosco und Kater Mr. Whiskers hören auf, mit ihm zu sprechen, der desolate Zustand seiner Wohnung wird wieder sichtbar, das Alleinsein allgegenwärtig und der von ihm selbst im frühen Kindesalter (Gulliver McGrath) verübte Mord an seiner kranken Mutter (Valerie Koch) kehrt in Jerrys Erinnerung zurück – kurzum, schwere Depressionen brechen sich Bahn. Kein Wunder, dass Jerry nur allzu gern auf die Medikation verzichtet, womit ihm leider auch sein Moralempfinden entgleitet. Urplötzlich hat er drei Morde an Arbeitskolleginnen begangen – und der teuflische Mr. Whiskers will mehr…

„The Voices“ subsummiert recht exemplarisch Tragik und Krux des gegenwärtigen Kinos – in den allermeisten Fällen lassen sich Topoi und Inhalte nurmehr revisionieren und nehmen somit selbst den scheinbar innovativsten Werken elementare Teile ihrer Zugkraft. Nach- und heranwachsende Publikumsgenerationen brauchen sich davon freilich kaum weiter tangieren zu lassen; der etwas erfahrene Betrachter jedoch muss zwangsläufig darben angesichts der Vollmundigkeit, mit der bestimmte Filme angepriesen werden und sich dann im Nachhinein doch bloß als – wenngleich ordentlich gestaltete und gefertigte – Variationen längst ausgeschöpfter Themenkomplexe erweisen.
Marjane Satrapis „The Voices“ ist genau solch ein Fall: Es geht, heruntergebrochen auf den nackten Kern des Ganzen, um einen schizophrenen Mann, der seine Tabletten nicht nimmt und daraufhin zum fröhlichen Serienkiller avanciert. Dieses Genremotiv ist in den letzten Jahrzehnten so emsig beackert worden, dass man sich eigentlich kaum wundern muss, keiner mentalen Kreativexplosion beiwohnen zu können. So macht Satrapi im Prinzip das Meiste richtig: sie legt die Geschichte um Jerry Hickfang als ultraschwarze Komödie an, ohne jedoch die notwendige Sensibilität für ihr Sujet vermissen zu lassen. „The Voices“ ist stets dann am interessantesten, wenn er die Dissonanz zwischen Krankheit und Bekämpfung in den Fokus nimmt und einen sanften Eindruck davon vermittelt, warum viele Schizophrenie-Patienten ganz bewusst auf ihre Medikation verzichten, obwohl ihre Wahrnehmung sich dadurch schwerstens zu verändern droht und sie dadurch in gewissen Fällen zur Gefahr für sich selbst und ihre Umwelt werden können. Natürlich verbirgt sich nicht gleich hinter jedem Psychotiker ein Köpfe abschneidender Frauenmörder, aber „The Voices“ will ja auch gar keine psychologisch akkurate Studie sein, sondern eine Horrorkomödie. Nichtsdestotrotz leidet der Film in seiner Gesamtheit unter der Zentrierung seines medial bereits multipel, um nicht zu sagen, erschöpfend observierten Themas, das bekanntermaßen einige der größten und schönsten Klassiker des Kinos beflügelt hat. Ein Druck, der für die schmalen Schultern von „The Voices“ einfach zu enorm ist, um ihn aufrecht über die Zielgerade spazieren zu lassen.

6/10

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