TEQUILA SUNRISE

„Friendship is the only choice in life you can make that’s yours.“

Tequila Sunrise ~ USA 1988
Directed By: Robert Towne

Mehr oder minder durch Zufall begegnen sich die alten Freunde Dale „Mac“ McKussic (Mel Gibson) und Nick Frescia (Kurt Russell) wieder. An diametralen Gesetzesenden stehend, muss ihre frühere Beziehung der zwangsläufigen Konfrontation weichen: Mac ist als Koksdealer landesweit bekannt und Frescia gilt als einer der besten Cops von L.A.. Obschon Mac Frescia schwört, mittlerweile eine blütenweiße Weste und sich gänzlich aus dem Kokaingeschäft zurückgezogen zu haben, ist dieser überzeugt, dass sein ehemaliger Kumpel noch immer Dreck am Stecken hat. Als sich beide Männer in dieselbe Frau, die Restaurantbesitzerin Jo Ann Vallenari (Michelle Pfeiffer), verlieben, erhält die ohnehin schwierige Situation noch eine weitere komplizierte Dimension. Doch Frescia verliert, ganz Profi, das Wesentliche seiner Ermittlungen nicht aus dem Auge; es gilt nämlich, den mexikanischen Großdealer Carlos (Raul Julia) festzunageln, der soeben dabei ist, mit seinem früheren Geschäftspartner Mac wieder Kontakt aufzunehmen. Jo Ann gerät abermals zwischen die Fronten…

„Tequila Sunrise“, eine verhältnismäßig späte Regiearbeit des exzentrischen New-Hollywood-Autoren Robert Towne, spiegelt nochmal ganz vorzüglich den Oberflächen-Hedonismus der achtzier Jahre wider: Drei an gutem Aussehen und äußerer Eleganz kaum zu überbietende Protagonisten, eine hitzige Dreiecksgeschichte mitsamt geradezu exemplarisch inszenierten Liebesszenen, das vorweihnachtliche, in Dämmerlicht schwelgende Kalifornien. Besonders die Rollen und das Beziehungsfeld zwischen Mac und Frescia erweist sich in diesem Zuge als von klassischer Prägung beseelt. Einst beste Kumpel beim Herumhängen, Surfen und Kiffen am Strand von Manhattan Beach, hatte Mac das Pech, mit Marihuana erwischt zu werden und damit gesellschaftliche Ächtung nebst drakonischen Strafmaßnahmen und eine typische Knast- und Dealerkarriere vor sich, derweil Frescia nicht erwischt und stattdessen zum unbestechlichen Gesetzeshüter wurde. Ihre charakterliches Ebenmaß manifestiert sich bereits durch ihre rein optische Austauschbarkeit; im Prinzip wirkt eher der sich in schicken Zwirn kleidende und die Haare streng zurückgegelt tragende Frescia wie ein typischer Kokainhändler, derweil der vorsichtige, zwischenzeitlich zum fürsorglichen Vater eines kleinen Sohnes (Gabriel Damon) avancierte Mac einen eher soliden Eindruck hinterlässt. Beide Männer sind bis zu einem gewissen Grad „austauschbar“, dass jeder seinen persönlichen Weg eingeschlagen hat, ist lediglich einer Schicksalslaune geschuldet. Dennoch entscheidet sich die zwischen sie geratende Jo Ann letztlich für den weniger selbstsicheren Mac, da er trotz seines kriminellen Backgrounds die rücksichtslose Ellbogenmentalität Frescias entbehrt und wesentlich menschlichere Qualitäten aufweist. Echte Dynamik kommt erst durch die jeweiligen „Kollegen“ der zwei Antagonisten ins Spiel (die zugleich das schauspielerisch wirklich interessante Rollenkontigent der Story verkörpern dürfen). Auf Frescias Seite ist es der noch mehr von Ehrgeiz zerfressene DEA-Beamte Maguire (J.T. Walsh), auf Macs der sehr sympathische, aber eben auch gefährliche Carlos (Raul Julia). Sowohl Mac als auch Frescia sind letzten Endes, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen gezwungen, ihre jeweiligen „Seitenverstärker“ zu töten. Dass der vormals als eher schmierig bis unsympathisch gezeichnete Nick Frescia am Ende als moralischer Held in der Tradition eines Rick Blaine dastehen darf, entpuppt sich als außerordentlich sympathischer Abschluss dieses schönen, rückblickend vollkommen unterbewerteten Films.
In einer Gastrolle: Budd Boetticher als alter Richter.

8/10

ENDSTATION ROTE LATERNE

„Diese Spießertöchter werden später die Schlimmsten!“

Endstation Rote Laterne ~ BRD 1960
Directed By: Rudolf Jugert

Ohne um die wahre Profession des bzw. der Anderen zu ahnen, begeben sich die Enthüllungsjournalistin Verena Linkmann (Christine Görner) und der Kölner Kriminaler Martin Stelling (Joachim Fuchsberger) in Amsterdam auf die Spur eines Mädchenhändlerrings, der von dort aus unschuldige Revuegirls und sogar jungfräuliche Kidnappingopfer nach Havanna in den Luxuspuff der fiesen alten Estella (Annemarie Holtz) verschifft. Dreh- und Angelpunkt vor Ort ist der Nachtclub „Casino Rio“, der von dem gewissenlosen Ex-Zahnarzt Jan Fabrizius (Klausjürgen Wussow) geleitet wird. Die Logistik und die geschäftstüchtige Fassade des Unternehmens hält derweil Henrik van Laan (Werner Peters), ein nur vermeintlich aalglatter Firmeninhaber in der Hand. Als Van Laan jedoch ohne dessen Wissen Fabrizius‘ Geliebte Uschi (Nana Osten) nach Kuba verschachert und diese dort den Freitod sucht, will Fabrizius Rache. Er macht sich an Van Laans minderjährige Tochter Irene (Eva Anthes) heran und verschifft sie, mitsamt des Papas unwissentlicher Unterschrift und gemeinsam mit der undercover arbeitenden Verena. Glücklicherweise befindet sich bald auch Inspektor Stelling in Havanna und räumt im Hause Estella auf.

Höchstform-Kolportage wie sie für einen formidablen Handwerker wie Jugert ein echtes Präsent dargestellt haben muss. Kreischende Trompeten (Willy Mattes) säumen die klatschspaltige Sensationsatmosphäre, die das „brandheiße Eisen“ Mädchenhandel freilich a priori impliziert: Meine Güte, so was gibt es, bei uns, hier, in Mitteleuropa? Ist ja fürch-ter-lich! So fürchterlich allerdings auch nicht, denn die herrliche Besetzung entschädigt mehr denn reichlich für die dräuende Sozialkritik. Blacky Fuchsberger lässt die Platzpatronen knallen und spielt als liebenswerter Polizist eine seiner Standardrollen, der junge Wussow mit geheimnisvoller Sonnenbrille erinnerte mich vehement an Herbert Lom und „Untertan“ Werner Peters ist sowieso ein womöglich noch viel zu unbesungener Gott der Choleriker. Annemarie Holtz performt super als knittrige, alte Bordellhexe, die sich ein paar virile Einheimische als Lustknaben hält und Wolfgang Büttner entblödet sich nicht, mit einiger diabolischer Verbissenheit einen sadistischen Messerwerfer und Peitschenschwinger zu geben. In einer kleinen Nebenrolle als evil goon zeigt sich Synchronlegende Herbert Weicker, der tatsächlich so aussah, wie seine Stimme klang.
Das Schönste an „Endstation Rote Laterne“ sind jedoch sein wunderbar biederer Habitus und die vorwurfsvolle Ernsthaftigkeit, mit der er allen ebenso leichtgläubigen wie bourgeoisen Eltern, die sich in ihn verirrten, ans Herz legte, ihre geschlechtsreifen Töchter doch bitteschön nicht freimütig ins bitterböse Nachtleben zu entlassen, denn dort lauert nichts weniger als das pure Böse!

8/10

LOVE & MERCY

„I’m worried about you, brother.“

Love & Mercy ~ USA 2014
Directed By: Bill Pohlad

1966, kurz nachdem Brian Wilson (Paul Dano), Mastermind der legendären Beach Boys, sich infolge einer schweren Panikattacke aus dem Tourgeschäft zurückgezogen hat, beginnt er mit der Arbeit an dem popmusikalischen Meilenstein „Pet Sounds“, für das er zuvor unge- und unerhörte orchestrale Arrangements im Studio aufnehmen lässt. Der aus Japan zurückgekehrende Rest der Band verleiht dem Album schließlich nurmehr das stimmliche Finish. Just zu dieser Zeit beginnt Brian auch, nach Erfahrungen mit Cannabis, in gesteigertem Maße mit LSD zu experimentieren, was aufgrund seiner psychschen Disposition verhängnisvolle Folgen für ihn hat: Bald oszilliert Brian zwischen Drogenkonsum, Depression und Psychose, verliert jedes Maß und verlässt kaum mehr das Haus geschweige denn das Bett.
1986 begegnet Brian (John Cusack) der Autoverkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks). Zu dieser Zeit steht Wilson vollkommen unter dem beherrschenden Einfluss seines Psychotherapeuten Eugene Landy (Paul Giamatti), dem er nicht nur die völlige Kontrolle über seine Medikation, sondern auch die über sein Leben, seine Finanzen, seinen kompletten Tagesablauf gar anvertraut hat. Als Melinda registriert, welche Gefahr Landy für Brian darstellt, verbietet er ihr, sie weiter zu treffen. Schließlich gelingt es Melinda mithilfe von Brians Familie, den weiteren Kontakt zwischen ihm und Landy zu unterbinden.

Eine weitere feine Pop-/Rockmusiker-Bio, in deren Fall ja otmals allein das Genre beinahe ein Erfolgsgarant ist. Die populäre Musik des letzten Jahrhunderts ist so voll von schillernden Gestalten, Aufbrechern, Pionieren, Genies, Wahnsinnigen und Selbstmördern, dass das Kontingent für entsprechende großartige Spielfilme glücklicherweise noch lange nicht erschöpft ist. Beinahe verwunderlich erscheint es da, dass über den brillanten Brian Wilson erst jetzt ein dramaturgisiertes Kinostück erscheint. Vermutlich liegt es daran, dass er noch unter den Lebenden weilt und sogar noch immer aktiv ist (wie ein ebenso eindrucksvoller wie rührender Einspieler während der end titles zeigt, in dem der gealterte, gegenwärtige Wilson live das Titelstück zum Besten gibt) – tote Stars transportieren einfach mehr Tragik und vielleicht auch etwas mehr melancholische Schwere. Dennoch genügt Wilsons Biographie um damit auch drei bis vier Filme zu füllen: seine schwere, teildrogeninduzierte Psychose, während der er seine Mündigkeit und damit faktisch seine gesamte Existenz an den sich immer mehr als Scharlatan entpuppenden Radikaltherapeuten Landy übergibt.
Die im wahrsten Wortsinne „fetten“ Jahre Brian Wilsons, also die Mitt- und Spätsiebziger und Frühachtziger spart der zwiegeteilte „Love & Mercy“ nahezu komplett aus und lässt sie lediglich als Erinnerungsbruchstücke Revue passieren. Vielmehr ist Pohlands Film interessiert an der frühen Beziehungsphase zwischen Wilson und Melinda Ledbetter, de facto seine Lebensretterin, die ihn schließlich aus den immer gieriger und despotischer agierenden Fängen Landys befreit, respektive am „Absturzpräludium“, jener Zeit also, in der sich Wilsons auf multiple Faktoren rückführbare, psychische Leidensgeschichte in Kombination mit seinem Konsum psychoaktiver Rauschmittel ausprägte. Dieser Ansatz mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, erscheint revisionistisch betrachtet jedoch durchaus sinnstiftend, da sich somit zwar kein erschöpfendes, aber ein durchaus komplettes Bild von Brian Wilsons fragiler Persona entwickelt. Ein sehr sehenswerter Film, für Musikbegeisterte wahrscheinlich gar verpflichtend.

8/10

NEBELMÖRDER

„Die waren alle bloß neidisch auf Erwin.“

Nebelmörder ~ BRD 1964
Directed By: Eugen York

Der bedrohliche Schatten eines Serienmörders schwebt über dem beschaulichen Kleinstädtchen Hainsberg in Hessen. Bereits nach dem Tode des ersten Opfers, einer jungen Frau, schlägt Kommissar Hauser (Hansjörg Felmy) vom Morddezernat seine Zelte in Hainsberg auf und sucht fieberhaft nach dem Täter. Doch können auch er und seine eifrigen Leute ein zweites Verbrechen nicht verhindern. Dabei läuft in Hainsberg noch so Manches schief: Einige Pennäler rund um den altklugen Heinz Auer (Ralph Persson) feiern insgeheim verruchte Scheunenpartys, wobei der schüchterne Erwin Lindemann (Lutz Hochstrate) mehr und mehr ausgegrenzt wird. Als Erwin Kommissar Hauser einen Verdacht bezüglich Hauser anträgt, nehmen dieser und seine Kumpel Erwin böse in die Mangel. Möglicherweise weiß auch Erwins Kumpel, der zurückgebliebene Schundromanleser Franz Ritzel (Jürgen Janza), mehr als er sagt…

Skandalöses in Hainsberg: Ein vermeintlich wohlkontrollierter sozialer Mikrokosmos gerät völlig aus den Fugen, als ein offenbar gestörter Gewaltverbrecher beginnt, seine Obsessionen auszuleben. Besonders in nebligen Nächten schlägt der Täter mit Vorliebe zu und neblige Nächte gibt es einige in und um Hainsberg. Allerdings werden diese nicht nur für willkürliche Mordtaten genutzt, die Jugendlichen treffen sich außerdem privat, um Jazzmusik zu hören, Alkohol zu trinken und ungeschützte koitale Kontakte zu betreiben. Dabei kommt es, wie es kommen muss – ausgerechnet Franziska (Elke Arendt), die Tochter des aufrechten Gymnasialrektors Hillebrand (Wolfgang Büttner), „erwählen“ der Klapperstorch respektive der zwielichtige Heinz Auer, um, höchst unfreiwilligst versteht sich, für die Ankündigung von Nachwuchs zu sorgen. Natürlich soll Franziska zu einem Arzt, der sich „des Problems annimmt“.
Damit nicht genug verprügelt man den als Denunzianten verschrieenen Lindemann und flößt ihm massenhaft Hochprozentiges ein, was dessen schmaler Körperbau nicht verpackt: ein weiterer Toter, diesmal aufgrund reiner juveniler Willkür. Der leicht schwachsinnige Gartenarbeiter Ritzel versteckt derweil indizierte Groschenheftchen rund um sex & crime („Schüsse aus Puerto Rico“ und ähnlich Zersetzendes) in einem Geheimfach, was ihn für Hauser zwischenzeitlich zum Hauptverdächtigen macht. Immer wieder in den Bildkader gerückte Kakerlaken dienen als metaphorisches Vexierspiel und liefern Hauser schließlich doch noch den entscheidenden Hinweis. Allerhand los also im „Nebelmörder“, einem ausnahmsweise nicht von den vorherrschenden Moguln Wendlandt oder Brauner produzierten Reißer mit liebenswert-verfilzt populistischer Glasur, für dessen gegenwärtige Verfügbarkeit man nurmehr dem Zufall danken kann. Schön.

8/10