ENDSTATION ROTE LATERNE

„Diese Spießertöchter werden später die Schlimmsten!“

Endstation Rote Laterne ~ BRD 1960
Directed By: Rudolf Jugert

Ohne um die wahre Profession des bzw. der Anderen zu ahnen, begeben sich die Enthüllungsjournalistin Verena Linkmann (Christine Görner) und der Kölner Kriminaler Martin Stelling (Joachim Fuchsberger) in Amsterdam auf die Spur eines Mädchenhändlerrings, der von dort aus unschuldige Revuegirls und sogar jungfräuliche Kidnappingopfer nach Havanna in den Luxuspuff der fiesen alten Estella (Annemarie Holtz) verschifft. Dreh- und Angelpunkt vor Ort ist der Nachtclub „Casino Rio“, der von dem gewissenlosen Ex-Zahnarzt Jan Fabrizius (Klausjürgen Wussow) geleitet wird. Die Logistik und die geschäftstüchtige Fassade des Unternehmens hält derweil Henrik van Laan (Werner Peters), ein nur vermeintlich aalglatter Firmeninhaber in der Hand. Als Van Laan jedoch ohne dessen Wissen Fabrizius‘ Geliebte Uschi (Nana Osten) nach Kuba verschachert und diese dort den Freitod sucht, will Fabrizius Rache. Er macht sich an Van Laans minderjährige Tochter Irene (Eva Anthes) heran und verschifft sie, mitsamt des Papas unwissentlicher Unterschrift und gemeinsam mit der undercover arbeitenden Verena. Glücklicherweise befindet sich bald auch Inspektor Stelling in Havanna und räumt im Hause Estella auf.

Höchstform-Kolportage wie sie für einen formidablen Handwerker wie Jugert ein echtes Präsent dargestellt haben muss. Kreischende Trompeten (Willy Mattes) säumen die klatschspaltige Sensationsatmosphäre, die das „brandheiße Eisen“ Mädchenhandel freilich a priori impliziert: Meine Güte, so was gibt es, bei uns, hier, in Mitteleuropa? Ist ja fürch-ter-lich! So fürchterlich allerdings auch nicht, denn die herrliche Besetzung entschädigt mehr denn reichlich für die dräuende Sozialkritik. Blacky Fuchsberger lässt die Platzpatronen knallen und spielt als liebenswerter Polizist eine seiner Standardrollen, der junge Wussow mit geheimnisvoller Sonnenbrille erinnerte mich vehement an Herbert Lom und „Untertan“ Werner Peters ist sowieso ein womöglich noch viel zu unbesungener Gott der Choleriker. Annemarie Holtz performt super als knittrige, alte Bordellhexe, die sich ein paar virile Einheimische als Lustknaben hält und Wolfgang Büttner entblödet sich nicht, mit einiger diabolischer Verbissenheit einen sadistischen Messerwerfer und Peitschenschwinger zu geben. In einer kleinen Nebenrolle als evil goon zeigt sich Synchronlegende Herbert Weicker, der tatsächlich so aussah, wie seine Stimme klang.
Das Schönste an „Endstation Rote Laterne“ sind jedoch sein wunderbar biederer Habitus und die vorwurfsvolle Ernsthaftigkeit, mit der er allen ebenso leichtgläubigen wie bourgeoisen Eltern, die sich in ihn verirrten, ans Herz legte, ihre geschlechtsreifen Töchter doch bitteschön nicht freimütig ins bitterböse Nachtleben zu entlassen, denn dort lauert nichts weniger als das pure Böse!

8/10

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