LOVE & MERCY

„I’m worried about you, brother.“

Love & Mercy ~ USA 2014
Directed By: Bill Pohlad

1966, kurz nachdem Brian Wilson (Paul Dano), Mastermind der legendären Beach Boys, sich infolge einer schweren Panikattacke aus dem Tourgeschäft zurückgezogen hat, beginnt er mit der Arbeit an dem popmusikalischen Meilenstein „Pet Sounds“, für das er zuvor unge- und unerhörte orchestrale Arrangements im Studio aufnehmen lässt. Der aus Japan zurückgekehrende Rest der Band verleiht dem Album schließlich nurmehr das stimmliche Finish. Just zu dieser Zeit beginnt Brian auch, nach Erfahrungen mit Cannabis, in gesteigertem Maße mit LSD zu experimentieren, was aufgrund seiner psychschen Disposition verhängnisvolle Folgen für ihn hat: Bald oszilliert Brian zwischen Drogenkonsum, Depression und Psychose, verliert jedes Maß und verlässt kaum mehr das Haus geschweige denn das Bett.
1986 begegnet Brian (John Cusack) der Autoverkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks). Zu dieser Zeit steht Wilson vollkommen unter dem beherrschenden Einfluss seines Psychotherapeuten Eugene Landy (Paul Giamatti), dem er nicht nur die völlige Kontrolle über seine Medikation, sondern auch die über sein Leben, seine Finanzen, seinen kompletten Tagesablauf gar anvertraut hat. Als Melinda registriert, welche Gefahr Landy für Brian darstellt, verbietet er ihr, sie weiter zu treffen. Schließlich gelingt es Melinda mithilfe von Brians Familie, den weiteren Kontakt zwischen ihm und Landy zu unterbinden.

Eine weitere feine Pop-/Rockmusiker-Bio, in deren Fall ja otmals allein das Genre beinahe ein Erfolgsgarant ist. Die populäre Musik des letzten Jahrhunderts ist so voll von schillernden Gestalten, Aufbrechern, Pionieren, Genies, Wahnsinnigen und Selbstmördern, dass das Kontingent für entsprechende großartige Spielfilme glücklicherweise noch lange nicht erschöpft ist. Beinahe verwunderlich erscheint es da, dass über den brillanten Brian Wilson erst jetzt ein dramaturgisiertes Kinostück erscheint. Vermutlich liegt es daran, dass er noch unter den Lebenden weilt und sogar noch immer aktiv ist (wie ein ebenso eindrucksvoller wie rührender Einspieler während der end titles zeigt, in dem der gealterte, gegenwärtige Wilson live das Titelstück zum Besten gibt) – tote Stars transportieren einfach mehr Tragik und vielleicht auch etwas mehr melancholische Schwere. Dennoch genügt Wilsons Biographie um damit auch drei bis vier Filme zu füllen: seine schwere, teildrogeninduzierte Psychose, während der er seine Mündigkeit und damit faktisch seine gesamte Existenz an den sich immer mehr als Scharlatan entpuppenden Radikaltherapeuten Landy übergibt.
Die im wahrsten Wortsinne „fetten“ Jahre Brian Wilsons, also die Mitt- und Spätsiebziger und Frühachtziger spart der zwiegeteilte „Love & Mercy“ nahezu komplett aus und lässt sie lediglich als Erinnerungsbruchstücke Revue passieren. Vielmehr ist Pohlands Film interessiert an der frühen Beziehungsphase zwischen Wilson und Melinda Ledbetter, de facto seine Lebensretterin, die ihn schließlich aus den immer gieriger und despotischer agierenden Fängen Landys befreit, respektive am „Absturzpräludium“, jener Zeit also, in der sich Wilsons auf multiple Faktoren rückführbare, psychische Leidensgeschichte in Kombination mit seinem Konsum psychoaktiver Rauschmittel ausprägte. Dieser Ansatz mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, erscheint revisionistisch betrachtet jedoch durchaus sinnstiftend, da sich somit zwar kein erschöpfendes, aber ein durchaus komplettes Bild von Brian Wilsons fragiler Persona entwickelt. Ein sehr sehenswerter Film, für Musikbegeisterte wahrscheinlich gar verpflichtend.

8/10

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