CUBE

„We’ve been going in circles.“

Cube ~ CA 1997
Directed By: Vincenzo Natali

Mehrere Menschen wachen unversehens in einem eigenartigen Komplex auf, der, die Form eines gigantischen Kubus einnehmend, sich wiederum aus zehntausenden kleiner, etwa vier Kubikmeter großer und jeweils an sechs zentralen Stellen miteinander verbundener Würfelräume zusammensetzt. Farblich unterschiedlich ausgeleuchtet beinhalten manche jener Räume furchtbarte Todesfallen, während andere wiederum harmlos sind. Während einer von ihnen (Julian Richings) nicht weit kommt, begegnen sich die anderen bald auf ihrer Suche nach dem Ausgang: Der Cop Quentin (Maurice Dean Wint), die Ärztin Holloway (Nicky Guadagni), der Architekt Worth, die Mathematikstudentin Leaven (Nicole de Boer), der autistische Kazan (Andrew Miller) und der kriminelle Ausbruchsspezialist Rennes (Wayne Robson) bilden eine Zweckgemeinschaft, die sich jedoch schon bald durch Paranoia, Wahnvorstellungen und gegenseitiges Misstrauen von innen heraus zu zersetzen beginnt. Besonders der hochaggressive Quentin hält dem psychischen Druck bald nicht mehr stand und entwickelt sich für die Übrigen zu einem tödlichen Unsicherheitsfaktor…

Vincenzo Natalis seinerzeit recht frenetisch abgefeierter und verehrter Indie hätte den Regisseur eigentlich zu weit Höherem tragen mögen, dennoch befasst er sich auch knappe zwanzig Jahre später, von einigen Ausflügen in finanziell risikoärmere Fernseh-Breitengrade abgesehen, noch immer und ausschließlich mit kleiner, nach wie vor stets sehenswerter, phantastischer Genrekost. „Cube“ galt damals als etwas Besonderes, weil er, extrem verdichtet, seine Idee aus einer zunächst vergleichsweise simpel anmutenden Prämisse bezog und aus einem relativen Minimum an settings und Produktionsaufwand ein Maximum an Wirkung destillierte. Hinzu kamen einige wenige, dafür jedoch immens pointiert gesetzte und umso derbere Make-Up-Effekte, die in der Prä-„Saw“-Ära und auch vor all den anderen seit der Jahrtausendwende die Toleranzgrenzen immer weiter pushenden Genrefilmen noch keine Selbstverständlichkeit darstellten. Im Prinzip also engsten und kargsten Spielplatz nutzend, lebt „Cube“ insbesondere von der von ihm selbst deklarierten Raumkonstruktion und der analogen Imaginationsbereitschaft des Zuschauers: Die clevere Mathematikerin Leaven, die mittels des Gebrauchs dreidimensionaler Koordinaten, Primzahlen und Permutationen, algebraischem Blabla also, das der naturwissenschaftlich unterdurchschnittlich gebildete Rezipient für bare Münze zu nehmen gezwungen ist, die Eigenschaften und die Zusammensetzung des Kubus entschlüsselt (später wird man herausfinden, dass die kleinen Würfel permanent rotieren und dauernd ihren Platz wechseln), findet heraus, dass das Gebilde aus mehr als siebzehntausend jener kleinen Würfelräume besteht. Dennoch bahnt man sich seinen Weg bis ganz nach außen, derweil der höchst unberechenbare Quentin immer verrückter wird und die Gruppendynamik überreizt.
Irgendwann gerät „Cube“ dann in gewisse Erklärungsnöte, wenn er uns während einer dramaturgischen Atempause im Zuge eines Dialogs zwischen Worth und Holloway mit Mühe und Not beibringen will, dass hinter alldem doch tatsächlich gar kein Sinn steckt. Man wäre hier lediglich gefangen, weil der Kubus „einfach da ist“; er müsse (s)einen Existenzzweck erfüllen, eröffnet der gegenüber den Anderen etwas illuminiertere Worth. Keine Regierungsschweinereien oder geheime Belastungstests, keine Außerirdischen, keine militärische Verschwörung oder abartige Gesellschaftsspiele superreicher Sadisten, keine Area 51 also.
Und warum dann das alles? Die ja doch extremen Nöte und Entbehrungen der Beteiligten mit der reinen Existenz des Kubus zu „erklären“, erscheint dann doch recht unbefriedigend.
Am Ende entkommt, moralisch zwangsläufig, nur Einer: derjenige nämlich, der seine Unschuld bewahren konnte, ja, musste, weil er als geistig Behinderter die Gutmütigkeit selbst personifiziert und somit als Einziger niemals selbst zu physischer oder psychischer Gewaltausübung gegriffen hat. Und mit seinem brillanten Zahlverständnis dennoch ein entscheidender Faktor war, um den Ausgang zu finden. Wo Kazan dann eigentlich landet, nachdem ihn eine große Weiße umfängt und gänzlich einfasst, spielt zu diesem Zeitpunkt längst keine Rolle mehr. Vielleicht betritt er das (oder ein religiöses) Paradies, weil „Cube“ eine minimalistisch gefasste Paraphrase für die Selbstzerstörung des Menschengeschlechts sein und dem einzigen moralisch Unbefleckten seine göttliche Belohnung zukommen lassen möchte; möglicherweise landet er auch im Labor einiger greiser Wissenschaftler, die ihn ja ruhig laufen lassen könnten, weil ihm ohnehin niemand Glauben schenkte. Vielleicht fällt er auch einfach wo runter. Den Zuschauer sollte derlei zwanghaftes Hypothetisieren dann nicht weiter befassen, der kann sich etwas völlig Anderem zuwenden.

8/10

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