PIXELS

„Pac-Man’s faster than I remember.“

Pixels ~ USA/CN/CA 2015
Directed By: Chris Columbus

Eine 1982 ins All geschossene Video-Dokumentation der damaligen Arcade-Weltmeisterschaft hat 33 Jahre später böse Folgen: Das Tape wurde nämlich von einer außerirdischen Zivilisation aufgefangen, die es als Kriegserklärung der Menschheit begreift und sich nun aufmacht, die Erde mit gigantischen Versionen der klassischen Videospiel-Protagonisten rund um Pac-Man, Centipede und Donkey Kong aufzumischen. Um der Invasion Herr zu werden, ruft Will Cooper (Kevin James), der Präsident der Vereingten Staaten, die damaligen Weltmeisterzocker zusammen, allen voran seinen besten Freund, den Fernseh-Installateur Sam Brenner (Adam Sandler). Ihm zur Hilfe eilen Supernerd und Verschwörungstheoretiker Ludlow Lamonsoff (Josh Gad) und Brenners schärfster Ex-Konkurrent Eddie Plant (Peter Dinklage), der mittlerweile im Knast sitzt. Gemeinsam macht man sich daran, die Aliens binnen drei fairen Duellrunden zum Rückzug zu bewegen.

Um „Pixels“ etwas abzugewinnen, muss man ihm streng analytisch begegnen und ihn als Bestandteil des sandlerschen Kinokosmos betrachten. Als herkömmliche Blockbuster-Unterhaltung für den Kinogänger XY versagt er derweil big time, was ihm, wenig überraschend somit, die für Sandler-Vehikel übliche Missbilligung des globalen Feuilletons eingetragen hat. Und tatsächlich sind, insbesondere für Sandman-Verhältnisse, die allermeisten Gags erstaunlich gewöhnlich, eindimensional und flach, hinterlassen allzu häufig einen abgestandenen und flauen Eindruck. Wesentlich interessanter dann das sich erst aus der Distanz betrachtet fügende Gesamtbild: Eine Geschichte, in deren Kern eine Alien-Invasion in Form antiquierter Videospiel- und Atari-Ungeheuer steht, die einzig und allein von ein paar ausgebrannten Relikten ihrer überkommenen Ära aufgehalten werden kann, das ist allerbester Sandler-Stoff. Wobei sein ihm abermals zur Seite stehender Kumpel Kevin James, der auch als US-Präsident vollkommen und rundum Kevin James bleibt, natürlich nicht fehlen darf. Als erklärtes Kind der achtziger Jahre romantisiert Sandler ebendiese Zeit in seinen Filmen immer wieder aufs Neue, offenbart, dass er dem damalig vorherrschenden Kulturgeschehen nebst Film, Musik und Fernsehen gewichtige Teile seiner Persönlichkeits- und Künstlerprägung verdankt und greift infolge dessen immer wieder auf den entsprechenden Einfluss-Pool zurück. „Pixels“ wird eingerahmt von dem Cheap-Trick-Song „Surrender“, holt Queen, Loverboy und Spandau Ballet aus der Mottenkiste. Nicht nur die Ur-Games und Songs von damals geben sich ein Stelldichein, sondern auch zeitgenössische Pop-Ikonen, die jeweils die Videobotschaften der Aliens übermitteln: Ricardo Montalban und Hervé Villechaize aus „Fantasy Island“, die junge Madonna, das stotternde Computerwesen Max Headroom oder das Popduo Hall & Oates. Diese natürlich sehr spezifizierte Auswahl an Kulturrelikten ist ebenso spaßig und liebenswert arrangiert wie sie die damalige Zeit respektvoll verballhornt. Die alten Arcade-Spiele und ihr sozialer Impact auf die damalige Jugend werden den neumodischen Internet-Shootern gegenübergestellt, ohne jedoch die befürchtete, reaktionärpädagogische Message vom Schädling Ballerspiel walten zu lassen. Im Gegenteil, um am Ende den Sieg einzufahren, muss sich Sam Brenner auf das gegenwärtig maßgebende Zocker-Dogma einstellen: Gewinne, weil du ein Kerl bist!
Dennoch empfand ich diesen Sandler, in dem Knalleffekte und audiovisuelle Reize Humor wie Romantik ganz gezielt einzustampfen und zu überlappen scheinen, omnino betrachtet als eher mittelmäßigen Beitrag zu seinem Gesamtwerk, in etwa auf einer Linie mit dem süßlichen „Bedtime Stories“.
Ich hoffe doch sehr, dass der soeben in der Fertigstellung begriffene Netflix-Western „The Ridiculous 6“ da wieder manches geradebiegt. Bin aber recht zuversichtlich.

6/10

Advertisements

DEMONIC

„It’s too late. I’m free at last.“

Demonic ~ USA 2015
Directed By: Will Canon

Der Polizist Mark Lewis (Frank Grillo) wird spätabends zur abgelegenen Villa Livingston gerufen, aus deren Inneren Geräusche dringen, obwohl das Haus bereits seit sechzehn Jahren leer steht. Die damalige Eigentümerin Martha Livingston hatte seinerzeit mit Gästen eine Séance abgehalten, der ein bis dato unerklärtes Blutbad mit nur einer Überlebenden folgte. Lewis entdeckt bei der Untersuchung des Hauses, dass sich ein dem damaligen nahezu identisches Verbrechen ereignet haben muss und findet die Leichen mehrerer junger Leute. Nur John (Dustin Milligan) hat überlebt. Eine sich anschließende Befragung des unter Schock stehenden jungen Mannes durch Lewis‘ Freundin, die Analytikerin Elizabeth Klein (Maria Bello) ergibt, dass er und ein paar parapsychologisch interessierte Kommilitonen sich im Haus auf Spurensuche begeben wollten und ebenfalls eine spiritistische Sitzung abgehalten hätten. Videomaterial, das im Haus gefunden wird, bestätigt Johns Version. Es seien jedoch noch zwei weitere Personen entkommen: Johns Freundin Michelle (Cody Horn) und Bryan (Scott Mechlowicz), der möglicherweise von einer unheiligen Entität besessen sei…

Wer einigermaßen mit James Wans Tätigkeit als Regisseur oder, wie im Falle „Demonic“, Produzent vertraut ist, der weiß grundsätzlich zweierlei: Wan ist ein ebensolcher Garant für solides, unterhaltsames Genrekino, wie man von ihm auf keinen Fall etwas bahnbrechend Innovatives zu erwarten hat. „Demonic“ liegt genau auf dieser mediokren Linie, die im Groben den mittlerweile zu Franchises ausgeweiteten Reihen um „Insidious“ und „The Conjuring“ folgt, allerdings in nochmals reduziertem Maßstab. Der Plot orientiert seine Kompassnadel einmal mehr in Richtung des Haunted-House-Segments; wieder einmal ist also ein (natürlich ländlich gelegenes) Gebäude Schlüsselort und Auslöser für böse, jenseitige Umtriebe. Und erneut verbirgt sich in den Mauern jenes Hauses eine höllische Macht, die nach Freiheit strebt. „Demonic“ erzählt nun die Geschichte, wie es jenem Dämon (möglicherweise auch Luzifer persönlich, das bleibt offen) gelingt, sich auf gewohnt überaus geschickte und verlogene Weise den Weg in die Welt hinaus zu bahnen und müht sich dabei, seine Zuschauerschaft bis zum großen Schlusstwist möglichst erfolgreich an der Nase herumzuführen. Dies gelingt ihm allerdings ausschließlich bei seinen stockdämlichen Protagonisten oder eher genreunerfahrenen Nachwuchssehern, wie ich annehme. Wer jenseits dieser beneidenswerten Rezipienten indes bereit ist, sich mit Canons recht mechanisch ablaufendem Gruselstück zu arrangieren, der findet sich zumindest mit achtzig kurzen Minuten der geringfügigen Schocks und leicht modifiziert angeordneten Versatzstücken entgolten. Dass der Film dabei häufig stückwerkhaft und unfertig, manchmal gar wie ein Trailer für sich selbst wirkt, muss man ihm indes ebenso nachsehen, wie das amateurhafte Spiel seiner größenteils talentbefreiten Besetzung. In meinem Falle kam noch die schludrig-schauderhafte Synchronfassung hinzu, der ich mich gezwungenermaßen aussetzen musste. Zumindest jene gilt es nach Möglichkeit zu vermeiden.

5/10

ARACHNOPHOBIA

„Therapy.“

Arachnophobia ~ USA 1990
Directed By: Frank Marshall

Eine ultratödliche Venzuela-Spinne beißt vor Ort den Fotografen Manley (Mark L. Taylor) und reist mitsamt dem Toten im Sarg zu dessen Heimatstädtchen, dem beschaulichen Canaima in Nordkalifornien. Dort zieht just auch der neue Internist Ross Jennings (Jeff Daniels) mit seiner Familie hin, nebenbei ein erklärter Spinnenphobiker. Die unfreiwillig importierte Spinne landet ausgerechnet in Jennings‘ Scheune und paart sich mit einem einheimischen Exemplar, was für etlichen, hochgiftigen Nachwuchs sorgt, der bald ganz Canaima in Angst und Schrecken versetzt. Jennings muss sich seiner Angst und der Spinneninvasion stellen.

Hübscher Spinnenschocker, bei dem ein wie stets signifikant auftretender Steven Spielberg seine Finger im Spiel hatte. Die Beteiligung des Allrounders merkt man ja jedem seiner Filme garantiert an, und habe er „lediglich“, wie im vorliegenden Falle, als ausführender Produzent fungiert. So gestaltet sich „Arachnophobia“ trotz seines besonders für Zeitgenossen mit Spinnenangst unerquicklichen Gänsehautthemas von vergleichsweise sonnigem Gemüt und als durchaus familiengerecht zu werten. Marshalls Inszenierung nimmt sich nicht immer ganz untadelig aus, was man einem Horrorfilm um Spinnen jedoch großmütig nachsehen darf. Zu den Vorzeiegeexemplaren seiner achtbeinigen Gattung gehört „Arachnophobia“ in jedem Fall auch heute noch.
Julian Sands als exzentrischer Fachkundler und John Goodman als etwas prolliger, unschlagbar von sich selbst überzeugter Kammerjäger bringen einen hübschen Glanz in den Film und der Showdown im Weinkeller bleibt spannend. Ganz so unangenehme Kribbel- und Krabbeleien wie nach dem Kinobesuch vor knapp 25 Jahren verspüre ich heuer zwar nicht mehr, ein klein wenig juckt’s aber schon noch hier und da, wenn die fiesen Biester sich von der Zimmerdecke abseilen oder an der Duschwand entlanghuschen. Und, mal ehrlich, viel mehr braucht’s ja auch kaum.

7/10

WAKE IN FRIGHT

„You mean, you don’t like the Yabba?“

Wake In Fright ~ AU/USA 1971
Directed By: Ted Kotcheff

John Grant (Gary Bond), Lehrer im Outback-Kaff Tiboonda, freut sich auf seine Weihnachtsferien, die er in Sydney mit seiner dort lebenden Freundin (Nancy Knudsen) verbringen möchte. Bis nach Bundanyabba soll es mit dem Zug gehen und von dort aus nach einer Übernachtung weiter mit dem Flieger. Doch nach ein paar Bieren zuviel verzockt Grant im „Yabba“, wie die Einwohner ihr Städtchen liebevoll zu nennen pflegen, sein gesamtes Bares beim Two-up. Für die großzügigen Einheimischen, die Grant Bier und sogar Bleibemöglichkeiten spendieren, kein Problem. Grant hat sozusagen gar keine Gelegenheit mehr, nüchtern zu werden, nimmt an einer grausamen Känguru-Jagd teil und haust bald mit dem gestrandeten Doc Tydon (Donald Pleasence) in einer verlotterten Blechhütte. Ein verzweifelter Versuch, aus dem Höllenzirkel zu entkommen, endet in einer Reise im Kreis und beinahe mit einem verzweifelten Suizid. Am Ende landet Grant wieder in Tiboonda, ohne auch nur annäherend in die Reichweite Sydneys gekommen zu sein.

Zu meiner Schande habe ich dieses gottverdammte, garstige Meisterwerk, einen Instant-Fav, gestern zum ersten Mal überhaupt gesehen. Lange schon hat mich kein Film mehr so kalt erwischt und überrollt wie Kotcheffs vierte Kinoregie. Für jene arbeitete er eine unglaublich vielschichtige Moritat aus, die voll von analytischen und interpretatorischen Sprungschanzen ist, ohne dabei auch nur eine Sekunde Gefahr zu laufen, überkandidelt, trocken oder ansatzweise stumpf zu werden. Ich schätze, jede weitere Betrachtung wird immer neue Facetten hervorlocken, die just stattgefundene war bereits wie ein Blick in den Goldkessel unterm Regenbogen.
„Wake In Fright“ könnte (und wird) eine Metapher für vieles darstellen: Abrutschen und Selbsterkenntnis eines Mannes, ein für allemal dem Alkoholismus und seinen Verlockungen anheim gefallen zu sein oder vielleicht auch nur den amoralischen Amortisationen des Lebens im Allgemeinen. In jedem Falle meinte ich, ein umfassendes und vor allem beständiges Bild für das Verhängnis des modernen Mannes ausmachen zu können: Isoliert durch seine emotionale Abschottung, Saufschergen mit Freunden verwechselnd, vegetiert er durch sein aus Abhängigkeiten bestehendes Leben, begeht permanent Fehler, sagt jeder Form von Intellektualismus adé und rutscht immer tiefer in den Sumpf, ohne es zunächst recht zu bemerken. Eine nachhaltig erschütternde, und doch um so aufrichtigere Perspektivierung. Dass sich das Ganze vor der Kulisse einer krakenhaften australischen Kleinstadt mitten im Outback, mit all ihren seltsamen Gepflogenheiten und ihren fest in ihr integriertem Personal abspielt, ergibt einen zusätzlich wunderbaren Faktor. Vor allem Donald Pleasence ist unglaublich in einer seiner wohl allerschönsten Darbietungen als Doc Tydon, der sich längst mit seinem erbärmlichen Los arrangiert und abgefunden hat; Grants zukünfiges Pendant.
Vielerorts wird „Wake In Fright“ als Horrorfilm gedeutet und damit liegt man alles andere als falsch. Ebenso darf er als ultraschwarze Komödie, als Groteske oder als Erwachsenenmärchen kategorisiert werden. Die „Reise“ John Grants in den Abgrund seiner selbst fällt jedenfalls mehr denn nachhaltig aus mit immer albtraumhafteren „Aufwach-Szenarien“, ihren ziemlich furchtbaren Bildern der Känguru-Jagd und dem zwingenden Abschluss, einen Blick in die eigene Unzulänglichkeit erhalten zu haben.
Viele Zitate schossen mir während und nach „Wake In Fright“ durch den Kopf, Nietzsches wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hineinetwa, oder Carlo Levis Buchtitel „Christus kam nur bis Eboli“. John Grant kam nur bis Bundanyabba. Und keinen beschissenen Nanometer weiter.

10/10

NON SI SEVIZIA A UN PAPERINO

Zitat entfällt.

Non Si Sevizia A Un Paperino (Don’t Torture A Duckling) ~ I 1972
Directed By: Lucio Fulci

Das kleine apulische Dorf Accendura wird von einer grauenhaften Mordserie erschüttert, der ausschließlich Jungen im frühen Teenageralter zum Opfer fallen. Fieberhaft suchen die örtliche und die überregionale Polizei sowie der findige Journalist Martelli (Tomas Milian) nach dem Täter und fassen mehrere Verdächtige ins Auge. Doch die Spuren verlaufen allesamt im Sande. Als die psychisch gestörte Maciara (Florinda Bolkan), die in der Gegend als Hexe verschrieen ist, zugibt, etwas mit den Morden zu tun zu haben, wird man hellhörig – zumal sie ein passendes Motiv hätte. Doch auch Maciara stellt sich als unschuldig heraus, was die abergläubischen Dörfler nicht davon abhält, sie zu lynchen. Doch bald gibt es den nächsten Todesfall. Weiß die kleine, taubstumme Malvina (Fausta Avelli) etwas?

Wenn Lucio Fulci einen Giallo inszenierte, dann kam in der Regel ein Musterexempel der Gattung heraus. „Non Si Sevizia A Un Paperino“, dem, aus welchen Gründen auch immer, kein deutscher Kinoeinsatz vergönnt war und der erst jetzt, ganze 43 Jahre nach seiner Premiere, erstmals überhaupt bei uns verfügbar gemacht wird, bildet da keine Ausnahme. Möglicherweise handelt es sich sogar um Fulcis strukturiertesten, involvierendsten und reifsten Giallo; der Maestro beließ es nämlich nicht einfach bei einer konventionellen Kriminalhandlung mitsamt mysteriösem Whodunit-Einschlag, sondern ließ es sich nicht nehmen, Provinzialität, Biederbürgertum, Puritanismus und Einfalt seiner in ländlicheren Gegenden beheimateten Landsleute aufs Korn zu nehmen. Der handlungstragende Ort, ein aus bleichem Felsstein gehauenes Dörfchen, unterliegt selbst in der Gegenwart noch jahrhundertealt hergebrachten Sozialstrukturen mitsamt klar umrissenen Ständen. Es gibt vornehmlich Arbeiter und Bauern, Relikte einer Feudalfamilie, den Klerus und die Polizei. Man unterliegt noch klaren religiösen Bräuchen, die sich mit handfestem Aberglauben vermischen. Die Dörfler nehmen schwarze Magie und Hexerei für bare Münze und verwechseln Epilepsie mit Besessenheit. Dies bekommt vor allem die arme Maciara zu spüren, die einst im Verdacht stand, mit dem Teufel im Bunde zu stehen und deren unehelich gezeugtes Baby zum Satanskind deklariert wurde. Tatsächlich ist die mittlerweile dem Irrsinn anheim Gefallene der Überzeugung, die Morde an den Jungen höchstselbst per Zauberei initiiert zu haben, ist de facto jedoch vollkommen unschuldig. Das hält die Väter der Opfer jedoch nicht davon ab, sie grausam zu Tode zu prügeln (Fulci lässt in diesem ebenso elegisch wie unerträglich inszenierten Aufzug vor einer Friedhofskulisse, dessen Inszenierung an die kongenialer Szenen in Italowestern erinnert, bereits jene heftige Effektarbeit walten, für die er einige Jahre später so berühmt wie berüchtigt werden sollte).
Die eigentliche Conclusio nach der bereits als dramatische Klimax zu wertenden Lynchszene erscheint dann so profan wie gattungstypisch und lässt sich im Prinzip durchaus vorherahnen: Niemand geringerer als der hiesige Padre Don Albert (Marc Porel), zu dem die Jungen des Dorfes ein besonderes Vertrauensverhältnis hegen, steckt hinter den Untaten. Es ist sein erklärtes Ziel, seine Schützlinge vor den Verlockungen und der Verderbtheit des sexuellen Erwachens zu schützen und sie daher bereits bei ersten Anzeichen entsprechender „Interessen“ zu Engeln des Himmelreichs zu machen. Dabei bleiben die im Prinzip als Heldenfiguren angelegten Figuren, die Milian und Bouchet zu spielen haben, etwas rudimentär hinsichtlich der Gestaltung ihrer Charaktere. Dass zum Beispiel etwas mit der offenbar zur Pädophilie neigenden Patrizia noch etwas mehr nicht stimmt als ihre hier und da aufkeimende Lust auf einen Joint, bleibt der Deutungshoheit des Rezipienten überlassen. Eine verschmerzbare Schwäche dieses ansonsten bewegenden, feinen Films.

8/10

SHATTER

„You don’t know who you’re messing with!“

Shatter (Ti Lung – Der tödliche Schatten des Mr. Shatter) ~ HK/UK 1974
Directed By: Michael Carreras

Nachdem er einen afrikanischen Militärchef (Yemi Adjibade) gemeuchelt hat, kommt Profikiller Shatter (Stuart Whitman) wie verabredet nach Hong Kong, um von seinen Auftraggebern das vereinbarte Entgelt zu kassieren. Urplötzlich will man jedoch nichts mehr von ihm wissen und beginnt sogar, ihn selbst aufs Korn zu nehmen. Doch jeder auf Shatter verübte Anschlag geht schief und in den beiden Einheimischen Mai-Mee (Lily Li) und Tai Pah (Ti Lung) findet der im Fadenkreuz Befindliche sogar zwei unerwartete Verbündete. Das „Syndikat“ unter dem unberechenbaren Mr. Leber (Anton Diffring) lässt derweil nicht locker und versucht weiter, Shatter ans Messer zu liefern. Doch der Mann lässt nicht mit sich spaßen, wie seine Gegner bald einsehen müssen…

Neben dem im selben Jahr entstandenen „The Legend Of The 7 Golden Vampires“ eine weitere West-Ost-Kollaboration der beiden traditionsreichen Häuser Hammer und Shaw, wobei letzteres nicht als Produzent aufgeführt wird. Im Gegensatz zu seinem companion piece, in dem Peter Cushing als Professor Van Helsing nach China reist, um dort gegen orientalische Vampire zu kämpfen, funktoniert diese eher gewöhnliche Mixtur nur bedingt. Sie wirkt vielmehr wie diverse andere der um diese Zeit entstandenen, in Hong Kong oder Umgebung spielenden Crossover-Actionfilme mit einem speziellen Protagonisten und erscheint somit eher als „Fahrwasser-Produktion“ – schlag nach bei „The Man From Hong Kong“ , „The Amsterdam Kill“ und anderen, die zwar teils erst später entstanden sind, in Aufbau und Struktur jedoch frappante Parallelen aufweisen.
Dabei stimmen die Grundingredienzen durchaus: Stuart Whitman als übers Ohr gehauener, Bacardi saufender Profikiller soll offenbar Assoziationen zu Charles Bronson, Lee Marvin oder Bob Mitchum erwecken, was bisweilen sogar hinhaut; der Buddy-Verbund mit Ti Lung allerdings, und da beginnen bereits die eklatanten Schwächen des Films, scheint rein zweckmäßig und kommt sehr halbherzig daher. Anton Diffring als Bösewicht erhält viel zu wenig screentime und das Gesamtresultat immer wieder schmerzliche Leerläufe. Dass „Shatter“ einen insgesamt zerfahrenen Eindruck hinterlässt, dürfte auch mit dem Regiewechsel zusammenhängen. Der ursprünglich zu Werke gehende Monte Hellman fand sich nach drei Wochen voller Querelen mit Hammer-Usual Michael Carreras von selbigem ersetzt, was dem Film spürbar alles andere als gut getan hat. Was „Shatter“ gebraucht hätte, wären ein deutlich höheres Tempo und mehr deftige kills gewesen, von denen er zwar immerhin ein paar, schlussendlich jedoch allzu wenige vorzuweisen hat.

5/10

DER BUCKLIGE VON SOHO

„Wissen Sie nicht, wer ich bin?“ – „Nein.“ – „Dann sag‘ ich’s Ihnen auch nicht.“

Der Bucklige von Soho ~ BRD 1966
Directed By: Alfred Vohrer

Auf Schloss Castlewood, das zu einem Heim für „vom rechten Wege abgekommene Mädchen“ umfunktioniert wurde, geht so Einiges nicht mit rechten Dingen zu: Tatsächlich verbirgt sich hinter der gesamten Organisationsriege des Hauses eine ausgebuffte Verbrecherclique, die die jungen Damen als billige Waschkräfte missbraucht und gelegentlich an das verruchte East-End-Bordell „Mekka“ weiterverkuppelt. Wer nicht spurt oder zu fliehen versucht, wird kurzerhand von einem imbezilen Buckligen (Richard Haller) zur Strecke gebracht oder mit einer Brennvorrichtung gefoltert. Da es mittlerweile eine ganze Mordserie zu beklagen gibt, ist auch Scotland Yard auf den Fall aufmerksam geworden. Zudem hat der ermittelnde Inspektor Hopkins (Günther Stoll) gleich auch noch den Verbleib der Haupterbin Wanda Merville (Monika Peitsch) zu klären, die urplötzlich verschwindet…

Man wird bemerkt haben, dass ich derzeit mit den Wallace-Filmen liebäugle. Die Gründe dafür sind rasch erklärt: Sie passen vorzüglich als Abendprogramm in diese Jahreszeit, lassen sich auch nach arbeitsreichen Tagen noch trefflich konsumieren und vermitteln vor allem ein komfortables Gefühl wohliger Nostalgie. Ich plane nun keine akribische Werkschau, sondern eher die unsortierte Beschau von ein paar willkürlich ausersehenen Glanzlichtern. Ohne die eindringliche Empfehlung meines lieben Freundes Oliver nun wäre „Der Bucklige von Soho“ wohl eher im Hintertreffen geblieben, so gab ich ihm dann den Vorzug.
Als erster Farbfilm der Wallace-Serie nimmt er bereits eine gewisse Sonderpostion ein, dass er zudem auch in Sachen Kolpotage und Sleaze deutlich umwegloser verfährt als bisher gewohnt, muss man als Gelegenheitsseher, der mit Wallace eher die früheren Arbeiten der Reihe assoziiert, ersteinmal verdauen. Dann jedoch beginnt dieser durchaus eigenwillige Film zu rutschen: Die wohl bewusst kompliziert verdreidübelte Story holt immer mehr Ganoven aus dem Sack, bis sich irgendwann nahezu zwei Drittel des Figureninventars als Verbrecher entpuppt haben. Da eine Hierarchie unter diesen nur bedingt vorhanden ist, fangen sie irgendwann an, sich gegenseitig zu hintergehen und abzumurksen, was der ohnehin überfordert erscheinenden Polizei die Arbeit deutlich erleichtert. Überhaupt: ziemlich sensationell, diese Gangstergilde: Nachdem ich Dummerchen mal dachte, Eddi Arent hätte für Wallace und Karl May ausnahmslos immer als comic relief herhalten müssen, fand ich mich just gleich zweimal eines Besseren belehrt; hierin ist er als fieser Zuhälter im Pastorenfrack sogar richtig unangenehm! Dann die gar nicht mal so lieben Alterchen Agnes Windeck und Hubert von Meyerinck (letzterer sowieso einer der größten, viel zu unbesungenen deutschen Schauspieler des gesamten Zwanzigsten Jahrhunderts, der jeden Film mit ihm veredelt):  erstklassig. Warum mir schließlich Pinkas Brauns Stimme so verflucht bekannt vorkam, kostete mich schließlich und glücklicherweise nicht allzu viel Grübelei: In „Die drei ??? und die bedrohte Ranch“, einer meiner Lieblingsfolgen der Reihe, sprach er später auf seine unnachahmlich sonore Art den paranoiden Rancher Mr. Barron: „Kommunisten! Anarchisten! Pack!“ So findet eines zum anderen. Immer wieder schön.

7/10