WAKE IN FRIGHT

„You mean, you don’t like the Yabba?“

Wake In Fright ~ AU/USA 1971
Directed By: Ted Kotcheff

John Grant (Gary Bond), Lehrer im Outback-Kaff Tiboonda, freut sich auf seine Weihnachtsferien, die er in Sydney mit seiner dort lebenden Freundin (Nancy Knudsen) verbringen möchte. Bis nach Bundanyabba soll es mit dem Zug gehen und von dort aus nach einer Übernachtung weiter mit dem Flieger. Doch nach ein paar Bieren zuviel verzockt Grant im „Yabba“, wie die Einwohner ihr Städtchen liebevoll zu nennen pflegen, sein gesamtes Bares beim Two-up. Für die großzügigen Einheimischen, die Grant Bier und sogar Bleibemöglichkeiten spendieren, kein Problem. Grant hat sozusagen gar keine Gelegenheit mehr, nüchtern zu werden, nimmt an einer grausamen Känguru-Jagd teil und haust bald mit dem gestrandeten Doc Tydon (Donald Pleasence) in einer verlotterten Blechhütte. Ein verzweifelter Versuch, aus dem Höllenzirkel zu entkommen, endet in einer Reise im Kreis und beinahe mit einem verzweifelten Suizid. Am Ende landet Grant wieder in Tiboonda, ohne auch nur annäherend in die Reichweite Sydneys gekommen zu sein.

Zu meiner Schande habe ich dieses gottverdammte, garstige Meisterwerk, einen Instant-Fav, gestern zum ersten Mal überhaupt gesehen. Lange schon hat mich kein Film mehr so kalt erwischt und überrollt wie Kotcheffs vierte Kinoregie. Für jene arbeitete er eine unglaublich vielschichtige Moritat aus, die voll von analytischen und interpretatorischen Sprungschanzen ist, ohne dabei auch nur eine Sekunde Gefahr zu laufen, überkandidelt, trocken oder ansatzweise stumpf zu werden. Ich schätze, jede weitere Betrachtung wird immer neue Facetten hervorlocken, die just stattgefundene war bereits wie ein Blick in den Goldkessel unterm Regenbogen.
„Wake In Fright“ könnte (und wird) eine Metapher für vieles darstellen: Abrutschen und Selbsterkenntnis eines Mannes, ein für allemal dem Alkoholismus und seinen Verlockungen anheim gefallen zu sein oder vielleicht auch nur den amoralischen Amortisationen des Lebens im Allgemeinen. In jedem Falle meinte ich, ein umfassendes und vor allem beständiges Bild für das Verhängnis des modernen Mannes ausmachen zu können: Isoliert durch seine emotionale Abschottung, Saufschergen mit Freunden verwechselnd, vegetiert er durch sein aus Abhängigkeiten bestehendes Leben, begeht permanent Fehler, sagt jeder Form von Intellektualismus adé und rutscht immer tiefer in den Sumpf, ohne es zunächst recht zu bemerken. Eine nachhaltig erschütternde, und doch um so aufrichtigere Perspektivierung. Dass sich das Ganze vor der Kulisse einer krakenhaften australischen Kleinstadt mitten im Outback, mit all ihren seltsamen Gepflogenheiten und ihren fest in ihr integriertem Personal abspielt, ergibt einen zusätzlich wunderbaren Faktor. Vor allem Donald Pleasence ist unglaublich in einer seiner wohl allerschönsten Darbietungen als Doc Tydon, der sich längst mit seinem erbärmlichen Los arrangiert und abgefunden hat; Grants zukünfiges Pendant.
Vielerorts wird „Wake In Fright“ als Horrorfilm gedeutet und damit liegt man alles andere als falsch. Ebenso darf er als ultraschwarze Komödie, als Groteske oder als Erwachsenenmärchen kategorisiert werden. Die „Reise“ John Grants in den Abgrund seiner selbst fällt jedenfalls mehr denn nachhaltig aus mit immer albtraumhafteren „Aufwach-Szenarien“, ihren ziemlich furchtbaren Bildern der Känguru-Jagd und dem zwingenden Abschluss, einen Blick in die eigene Unzulänglichkeit erhalten zu haben.
Viele Zitate schossen mir während und nach „Wake In Fright“ durch den Kopf, Nietzsches wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hineinetwa, oder Carlo Levis Buchtitel „Christus kam nur bis Eboli“. John Grant kam nur bis Bundanyabba. Und keinen beschissenen Nanometer weiter.

10/10

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