THELMA & LOUISE

„You get what you settle for.“

Thelma & Louise ~ USA 1991
Directed By: Ridley Scott

Die beiden mehr oder weniger in ihren jeweiligen Alltagsgefängnissen arretierten Freundinnen Thelma (Geena Davis) und Louise (Susan Sarandon) planen einen Wochenendtrip in die Berge. Ihre kleine Reise findet jedoch einen jähen Kurswechsel, als Louise nach einem kurzfristig zwischegeschalteten Kneipenbesuch einen Schmierlappen (Timothy Carhart), der Thelma vergewaltigen will, über den Haufen schießt. Im Nullkommanichts werden aus den eher biederen Frauen zwei Outlaws, die in Richtung der mexikanischen Grenzen flüchten, dabei immer mehr zu sich selbst finden. Das FBI und vor allem der den Frauen gewogene Detective Slocumb (Harvey Keitel) sehen das jedoch ganz anders und begeben sich auf ihre chaotische Spur.

Wenn man von Ridley Scotts Meisterstücken spricht, fallen ganz zu Recht im Regelfalle zumeist die beiden offenkundigen Titel „Alien“ und „Blade Runner. Sein „Gladiator“ erfreut sich ebenfalls noch eines relativ ordentlichen Renommees, aktiviert jedoch bereits recht viele kritische Stimmen, die sein zuweilen sicherlich aufdringliches Pathos oder seine historische Ungenauigkeit in Zweifel ziehen. Mit „Thelma & Louise“ jedoch ist Scott seine in just diesem Wortsinne womöglich schönste Arbeit geglückt, ein sehr herzlicher, warmer, komischer und auch dramatischer Film mit zwei großen Heldinnen, der das alte Couple-on-the-run-Sujet neu entdeckt und unter einem offen feministischen Überbau neu strukturiert. Ein bisschen countryfarbige Neowestern-Romantik ist dabei, wenn die beiden Freundinnen, im Grunde stinknormale, amerikanische Allerweltsdamen, sich von ihrer vormals kontrollierten, einschlägigen Existenz emanzipieren und damit zu vom dominanten Männerkosmos nicht tolerierbaren Gesetzesbrecherinnen werden.
Erst nach und nach erfährt man ein wenig mehr über Thelma und Louise: Die eine ist ein biederes Hausmütterchen, die es ihrem widerwärtigen Ehemann (Christopher McDonald), der sie nicht ansatzweise verdient, tagtäglich rechtzumachen versucht und sich dabei von ihm Respektlosigkeit, Erniedrigung und Betrug bieten lassen muss. Daraus sind längst sexuelle Frustration und gärende Unzufriedenheit erwachsen, die sich über kurz oder lang onehin Bahn gebrochen hätten. Louise indes wirkt wesentlich selbstbestimmter, doch auch sie hat ihre Tiefen: Einst ist sie vergewaltigt worden, ohne die ihr zustehende Rechtsprechung erfahren zu können; sie hängt ihrer sich langsam verflüchtigenden Jugend nach und rennt trotz ihres ausgeprägten Selbstbewusstseins gängigen Schönheitsidealen hinterher. Im Laufe der Geschichte gleichen die beiden Frauen sich immer mehr an und wechseln sogar die vormals aufgestellten Charaktermerkmale: Die vormals verweichlichte, affirmative Thelma avanciert irgendwann zur mindestens gleichberechtigt treibenden Kraft ihrer Tour de force, an deren Ende einer der am kraftvollsten inszenierten Freitode der gesamten Filmgeschichte steht; zugleich ein wunderbarer Befreiungsschlag und ein Fanal nicht nur für die Freiheit der Frau, sondern für die Freiheit des Individuums an sich.
Doch auch sonst ist „Thelma & Louise“ vreich an magischen Augenblicken. Der Südwesten mit seinem blauen Firmament sah vielleicht seit Ford nicht mehr so  wunderschön aus auf der Leinwand und die nächtliche Fahrt in Louises Thunderbird (den Wagen wechseln die Frauen nie, obwohl ihnen das Einiges erleichtern würde) zu Marianne Faithfulls elegischer „Ballad Of Lucy Jordan“ ist eine unvergessliche Bild-/Musik-Komposition. Der kiffende Biker (Noel Walcott), der dem im Kofferraum gefangenen, um Hilfe schreienden Cop (Jason Beghe) kurzerhand eine Graswolke durchs Einschusslock exhaliert, wäre allerdings nicht minderen Goldes wert.
Doch eben auch in Gänze ein wahrhaftiger, fabelhafter Film, der sich seinen Platz neben den oben Erwähnten ganz umweglos verdient.

10/10

3 Gedanken zu “THELMA & LOUISE

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