BASKET CASE

„This isn’t a hotel, it’s a nuthouse!“

Basket Case ~ USA 1982
Directed By: Frank Henenlotter

Seit man Duane Bradley (Kevin Van Hentenryck) als Kind von seinem siamesischen Zwillingsbruder Belial getrennt hat, sinnen beide auf Rache an jenen Schlächtern, die ihnen diese Schmach höchst unfreiwilligerweise zugefügt haben. Nach dem Tod ihrer Tante (Ruth Neuman), die sich seit damals liebevoll um Duane und den „entsorgt“ und somit tot geglaubten Belial gekümmert hat, zieht es die das Paar nach Manhattan, wo sich zwei der drei ehedem praktizierenden Doktoren aufhalten. Vor allem Belial, der Duane mental beeinflusst, dürstet es nach Blut. Von Duane in einem Weidenkorb herumgetragen, knöpft Belial sich jeden vor, der das gezielte oder rein zufällige Unglück hat, die kleine Monstrosität zu entdecken. Als sich Duane in die Arzthelferin Sharon (Terri Susan Smith) verliebt und sich von dem eifersüchtigen Belial zu emanzipieren versucht, kommt es zur Katastrophe.

Mit „Basket Case“ ist dem damals völlig unabhängig und im Trüben arbeitenden Frank Henenlotter, selbst ein großer Kino-Aficionado, ein kleines, schmutziges Meisterwerk der vordergründigen Geschmacklosigkeit gelungen, das in Wahrheit jedoch gigantisch viel Herz besitzt und jeden, der sich auch nur ein wenig bemüht, unter die Oberfläche der vermeintlich pathologisch umgesetzten Story zu blicken, zu Tränen zu rühren vermögen sollte.
„Basket Case“ vereint viele der kostbarsten Attribute aufrichtigen Genrekinos in sich: Zuallererst bildet er gemeinsam mit Lustigs „Maniac“, Glickenhaus‘ „The Exterminator“ und Ferraras „Ms. 45“ eine inoffizielle, zeitnah entstandene und nachtschwarze Tetralogie des Abseitigen. Sie alle zeigen eine Art paralleles Manhattan der frühen achtziger Jahre, das Manhattan der 42. Straße, der nächtlichen U-Bahnen, der Nutten, Fixer, Pimps, Trinker, Obdachlosen und Irren, der Billig- und Pornokinos, Sexshops und Rotlichtbezirke. Ihre Protagonisten, einsam, verrückt oder verroht und allesamt aus unterschiedlichen Gründen auf der Jagd nach Opfern, streifen einsamen Großstadtwölfen gleich durch die neonglitzernde Dunkelheit und erleben jede/r für sich sein/ihr persönliches Inferno. Henenlotter mixt als Einziger der Genannten ein handfestes phantastisches Element hinzu, wendet Stop-Motion-Sequenzen auf und ein originelles Monster, auf das in mehr oder weniger stark variierter Form jeder seiner weiteren Filmen rekurrieren wird. Jenes bizarre Etwas ist ebenso abstoßend wie bemitleidenswert. Belial (dessen Name auf einen biblischen Dämon mit langer literarischer Tradition hinweist) besteht eigentlich nur aus einem wild verwachsenem Torso mit kräftigen Klauen, Reißzähnen und schwarzhöhligen Augen, die manchmal leuchten. Er kann nicht sprechen, sondern nur gutturale Schreie ausstoßen und besitzt dabei die unbändige Kraft eines wild gewordenen Schimpansen. Erst durch die höchst erzwungene, blutige Trennung von seinem Zwillingsbruder, die eigentlich Belials Tod mit in Kauf nehmen und einbeziehen sollte („I’m not even sure it’s human…“) sind in ihm böse Charakteristika erwacht, die einerseits die völlig Vereinnahme seines Bruders und andererseits den Durst nach Rache beinhalten. Dass sich hinter Belial eine der tragischsten, bemitleidenswertesten Existenzen des gesamten Genrekinos verbirgt, ist indes jedem bewusst, der sich einmal ernsthafter mit „Basket Case“ befasst hat. Eigentlich will er nur, was alle wollem, was auch sein Bruder Duane sucht: Geborgenheit, Liebe und Verständnis. Als ihm dies auch noch der letzte verbliebene Mensch versagt, bleibt nichts mehr außer dem gemeinsamen Freitod, zumal Belial weiß, dass er ohne die Fürsorge und Obhut von Duane, der ihn, den ewigen Klotz am Bein, zu hassen beginnt, wie der Rest der Welt, ohnehin nicht überleben könnte.
Diese überaus tragische, die Kehle zuschnürende Geschichte verquickt Henenlotter auf großartige Weise mit schwarzem, sich manchmal überaus traditionsbewusst ausnehmendem Humor und grandiosen Einblicken in sein ganz persönliches New York der Nacht: Das eigentlich sehr liebenswerte Hotel Broslin, in dem sich Huren, Penner, erfolglose Künstler und andere Gestörte die Klinke reichen, repräsentiert eine der Schattenseiten des urbanen Molochs. Der enevierte, ewig fluchende Manager (Robert Vogel) des Ladens, eine der schillernden (und eine meiner Lieblings-)Gestalten des Films, ist stets mit Unterhemd, Hosenträger und Zigarrenstummel unterwegs und erinnert dabei nicht von ungefähr an klassische Vorbilder wie Mr. Kruhulik (Robert Strauss) aus Wilders „The Seven Year Itch“, einem weiteren großen New-York-Film nebenbei.„It’s like „E.T.“, as written and directed by a psychopath“, lautet eine berühmte, zeitgenössische Stimme zu diesem Film von Dianne Haithman von der „Detroit Free Press“. Nun, das stimmt. Zumindest zur Hälfte.

9/10

2 Gedanken zu “BASKET CASE

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