THE REMAINS OF THE DAY

„I’m invading your private time, am I?“ – „Yes.“

The Remains Of The Day (Was vom Tage übrig blieb) ~ UK/USA 1993
Directed By: James Ivory

Nach dem Tode des vormaligen Besitzers Lord Darlington (James Fox) übernimmt der amerikanische Botschafter Jack Lewis (Christopher Reeve) dessen altehrwürdigen englischen Landsitz Darlington Hall mitsamt allem noch verfügbaren Inventar – darunter auch Darlingtons langjähriger Butler Stevens (Anthony Hopkins). Diesem kommt als notwendige Wirtschafterin sogleich seine frühere Kollegin Miss Kenton (Emma Thompson) in den Kopf, die vor rund zwanzig Jahren bereits mit Stevens auf Darlington Hall zusammengearbeitet hat, sich dann jedoch Hals über Kopf verheiratete und an die Küste gezogen ist. Stevens‘ Erinnerungen zeigen, dass der Gedanke an Miss Kenton nicht ganz uneigennützig aufgekommen ist: Tatsächlich haben die beiden sich einst geliebt, konnten wegen Stevens‘ ehernem beruflichen Ehrenkodex jedoch nicht zusammenfinden und mussten sich daher im Schmerz voneinander trennen. Doch hat sich Stevens‘ Berufsethos nicht nur negativ auf seine private Gefühlswelt ausgewirkt – die diplomatische Salonpolitik seines einstigen Herrn Lord Darlington hatte seinerzeit die europaweite Akzeptanz des sich erhebenden Nationalsozialismus in Deutschland missbegünstigt, was Stevens stets professionell zu ignorieren pflegte.

Ausnahmsweise keine Forster-Verfilmung aus dem Hause Merchant Ivory, sondern die Adaption eines erst vier Jahre alten Romans des Anglo-Japaners Kazuo Ishiguro, der auch zusammen mit Ivorys Hausautorin Ruth Prawer Jhabvala das Script verfasste.
Von den drei Ivory-Filmen, die ich ich in jüngerer Zeit geschaut habe, hat mir dieser am besten gefallen. Die Gründe dafür sind recht eindeutig benennbar. Was die sukzessive Verdichtung von Form und Inhalt anbelangt, so befindet sich „The Remains Of The Day“ wohl so nah an einem idealistischen, medialen Perfektionsbegriff, wie selbigem ein Kinostück überhaupt nur kommen kann. Ferner ist das Milieu, in dem die Geschichte angesiedelt ist, seiner strikt britischen Provenienz zum Trotze wesentlich zugänglicher für den gemeinen Mitteleuropäer. Man begreift den perfektionistischen Hang des Hausbutlers recht unumwunden, wobei im Gegensatz dazu etwa die Motivationslagen der Figuren innerhalb der Forster-Filme einer gewissen zusätzlichen Beschäftigung mit dem Lokal- und Zeitkolorit bedurften, um sie treffender einordnen zu können. Schließlich ist das Sujet von „The Remains Of The Day“ ein sehr viel universelleres, wenngleich es einige der Hausthemen von Forster in sich trägt. Es geht hierin nämlich um nichts weniger denn um ein verschwendetes Leben unter verfehlten Vorzeichen, um einspruchsloses Mitläufertum außerdem. Für Stevens impliziert das Dasein eines Butlers die absolut uneingeschränkte Loyalität eines Untergebenen zu seinem Herrn. Damit einher geht die völlige Ignoranz jedweder persönlicher Befindlichkeit. Stevens schluckt den Überanstrengungstod seines ebenfalls im Lakaienberuf tätigen Vaters (Peter Vaughan) kurzerhand herunter – immerhin gilt es, die Soiree des Masters nicht zu beflecken. Der seiner grenzenlosen Naivität geschuldeten, infizierten politischen Umtriebe seines Herrn wird Stevens durchaus gewahr und weiß sie auch korrekt einzuordnen – allein sie zu diskutieren oder gar dagegen aufzubegehren fiele ihm nicht im Traum ein – es stünde ihm in seiner Position schließlich auch überhaupt nicht zu. Stattdessen lässt Stevens sogar den Spott der snobistischen Hausfreunde Darlingtons über sich ergießen, wenn er – wiederum aufgrund seiner abgestammten Rolle des Ewigbuckelnden – so tun muss, als habe er vom Zeitgeschehen keinerlei Schimmer und repräsentiere lediglich das „einfache Volk“. Den größten Fehler seines Lebens jedoch begeht Stevens, indem er die wahrscheinlich einzige Frau ziehen lässt, mit der er hätte glücklich werden können. Auf eine Provokation ihrerseits, die ihn endlich aus seinem emotionalen Gefängnis locken soll, reagiert er mit einer ebenso subtilen wie bösartigen Retourkutsche. Damit ist es endgültig um seine persönliche Integrität geschehen – ohne, dass ihm dies vielleicht jemals wirklich bewusst wird. Dass er diesen wohl größten Fehler seines Lebens am Ende wieder gutzumachen versucht – „The Remains Of The Day“ spielt auf zwei Zeitebenen -, davon handelt der Film. Doch es ist längst viel zu spät, um, wie Stevens es formulieren würde, über verschüttete Milch zu klagen. Das Leben hat ihn hinter sich gelassen. Immerhin hat er seine berufliche Integrität niemals einbüßen müssen – doch um welchen Preis?

10/10

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