THE GREEN INFERNO

„Don’t think, act.“

The Green Inferno ~ USA/CL/CA 2013
Directed By: Eli Roth

Die idealistische Erstsemester-Studentin Justine (Lorena Izzo) schließt sich der Aktivistengruppe des charismatischen Alejandro (Ariel Levy) an. Dieser plant aktuell, mit seinen Leuten nach Peru zu fliegen, um eine illegal operierende Firma an der Zerstörung des Regenwalds sowie der möglichen Vernichtung eines dort lebenden Indiostammes zu hindern. Es soll direkt vor Ort eine Protestaktion stattfinden, bei der sich die Studierenden an Bäume und Arbeitsgerät ketten und ihr Projekt live im Internet streamen. Justine spielt dabei eine ganz andere Rolle, als sie zunächst vermutete, bekommt jedoch wenig Zeit, über das Erlebte nachzudenken: Der Rückflug endet mit einem Absturz der kleinen Maschine mitten im Dschungel. Dort werden die Überlebenden, darunter auch Justine und Alejandro, von einem Kannibalenstamm überfallen und in dessen Dorf verschleppt, wo die Wilden nicht lang fackeln und sogleich ihr erstes Opfer (Aarton Burns) zubereiten und vertilgen. Justine bleibt bald nurmehr eine letzte Chance, der grünen Hölle zu entkommen…

Die wechselvolle Veröffentlichungsgeschichte von Eli Roths immerhin erster Regiearbeit seit „Hostel: Part II“ sorgte dafür, dass man „The Green Inferno“ offiziell erst rund zwei Jahre nach seiner ursprünglichen Produktion anschauen konnte. Zwischenzeitlich war immer wieder zu vernehmen, dass dies vor allem auf die zweifelhafte Qualität von Roths Arbeit zurückzuführen sei und dass man ihn somit aus mehr oder weniger berechtigten Gründen nicht zu Gesicht bekäme.
Dass ein aktueller, zum Horror-Subgenre des Kannibalenfilms zählender Genrebeitrag kaum anders kann, als eine Hommage an jene originär italienische Erfindung zu bilden, scheint einleuchtend. Umberto Lenzi und Ruggero Deodato kreierten damals sozusagen die zwangsläufig rigiden, formalen, ästhetischen und narrativen Blaupausen für die gemeinhin sehr ruppigen Gattungsvertreter, die auch Eli Roth zwar in ein zeitgemäßes Gewand (nebst einem großen Kiffer-Gag) kleidet, ansonsten jedoch nur unwesentlich variiert. Anders als Jonathan Hensleigh im letzten erwähnenswerten Kannibalenfilm, „Welcome To The Jungle“, verzichtet Roth auf das sich inhaltlich sogar ungemein anbietende Stilmittel des „found footage“ und belässt es stattdessen beim klassisch-auktorialen Erzähstil. Bereits der Titel entpuppt sich indes als offener Wink in Richtung Deodatos großem Meisterwerk „Cannibal Holocaust“, innerhalb dessen Geschichte es um eine filmisch dokumentierte Expedition gleichen Namens ging, die schließlich in grausigen zivilisatorischen Irrsinn mündete. Bei Roth erleben heuer Idealisten und Aktivisten ihr blaues Wunder, die sich innerhalb des Schutzraumes ihrer intellektuellen Salondiskussionen über die Ausbeutung und Situation in sogenannten Entwicklungsstaaten ereifern, um dann vor Ort ein reales Bild ihrer Bestrebungen zu erhalten, das sie zwangsläufig zur Revision zwingt. Insofern beherbergt die Plotline gleichsam eine wiederum intelligente, böse Satire, indem es auch das Publikum in ideologische Bedrängnis führt: Einserseits hat der Weltkapitalismus keinerlei Recht, sich unberührte Naturlandschaften nebst deren Ureinwohnern untertan zu machen, andererseits entpuppen sich die inoffiziell Schutzbefohlenen als furchtbare Bestien im zivilisatorischen Sinne, deren Lebensstandards mit den unsrigen zu keinem Zeitpunkt vereinbar sind. Nichtsdestotrotz entscheidet sich die einzige Überlebende Justine in ihrem schlussendlichen Gewissenskonflikt für die Menschenfresser und gegen ihre rigorose Auslöschung. Immerhin waren die Menschenfresser nämlich schon lange vorher da und auch sie besitzen als irdene Lebewesen eine unumstößliche Daseinsberechtigung. Was dem voraus geht, ist allerdings traditionell schwerer Tobak. Mit Ausnahme des heute faktisch nicht mehr brechbaren Tabus der berüchtigten Tier-Snuff-Szenen sowie der offen sichtbaren Verstümmelung von Genitalien hält sich Roth, der auf die Künste der in Fachkreisen beleumundeten Herren Berger und Nicotero zurückgreifen konnte, ausnahmslos an den  krassen Naturalismus seiner italienischen Ahnherren. „The Green Inferno“ macht diesbezüglich wahrlich keine Gefangenen und bildet nach den beiden „Hostel“-Filmen in neuerliches Beispiel für Roths Vorliebe für visuelle Drastik. Dass der wirklich derbe Film mit einer 18er-Freigabe bei uns freiverkäuflich im Marktregal steht, lässt einerseits frohlocken und verblüfft andererseits nicht zu knapp. Immerhin ist die Freigabe ein notwendiges Zugeständnis sowohl an die künstlerische Freiheit des kulturellen Artefakts als auch an die Mündigkeit des zahlenden Publikums. Dass allerdings weiterhin Indizierungen, deren Verlängerungen und Beschlagnahmungen von weit weniger ästhetisch kontroversen Werken ausgesprochen werden können und de facto ausgesprochen werden, ruft sich unweigerlich ins Gedächtnis zurück. Vielleicht kann „The Green Inferno“ ja künftig als Modell herhalten für eine zunehmend liberale Einordnungspraxis. Es stünde zu hoffen. Ja, und was nun den Film selbst anbelangt, bleibt mir nur ein lustiges: Operation gelungen, Patient gefressen.

8/10

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2 Gedanken zu “THE GREEN INFERNO

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