NORTHVILLE CEMETERY MASSACRE

„This is no police action.“

Northville Cemetery Massacre (Das Northville Massaker) ~ USA 1976
Directed By: William Dear/Thomas Van Dyke

Als die Bikergang „Spirits“ das Kleinstädtchen Northville nahe Detroit passiert, um dort im Park eine Hochzeit abzuhalten, ist dies nur der Beginn eines Kleinkriegs zwischen den Rockern und ein paar wildgewordenen Bürgern. Der korrupte Deputy Putnam (Craig Collicott) „nutzt“ die allgemeine Verwirrung, um die junge Lynn (Jan Sisk) in einer Scheune zu vergewaltigen und die Tat hernach den Spirits in die Schuhe zu schieben. Zusammen mit Lynns aufgebrachtem Vater (Herb Shaples) und dem konservativen Jäger Armstrong (Len Speck) versucht Putnam zunächst, die Spirits und einen gegnerischen Club gegeneinander aufzuwiegeln, was jedoch misslingt. Tatsächlich weiß man bald um den wahren Schuldigen. Schwer bewaffnet ziehen die Rocker gen Northville, zur letzten Schlacht um die Freiheit.

Mancherorts als „Schwanengesang“ des Rockerfilm-Subgenres bezeichnet, erweist sich diese auf 16mm gefilmte und mit bescheidensten Mitteln finanzierte Indie-Produktion tatsächlich als so etwas wie ein ideologischer und künstlerischer Schlusspunkt. Abermals wurden echte Biker (die Detroiter „Scorpions“) zur Interpretation ihrer Filmpendants herangezogen, die der Gattung seit jeher inhärente politische Aussage, die hinter „Northville Cemetery Massacre“ (dessen Titel sicher nicht von ungefähr Assoziationen zu einem zwei Jahre zuvor entstandenen Horror-Meisterwerk von Tobe Hooper weckt oder wecken soll) prangt, wurde jedoch selten so konsequent formuliert wie hier. „Freedom: R.I.P.“, das ist nicht nur der ursprünglich avisierte Name dieses wütend-anarchischen Kunstwerks, es ist nach dem erschütternden Ende auch als schriftlicher Markstein vor die End-Credits gemeißelt. Formal höchst ungestüm macht „NCM“ keinen Hehl aus seiner Botschaft: Wer sich nicht in die Form amerikanisch-kleinstädtischer Bürgerlichkeit pressen lässt, wer stattdessen dagegen aufbegehrt mit langen Haaren, dicken Bärten, einer speckigen Clubjacke und einem Chopper als mobilem Zuhause, der passt weder zu der sorgsam kultivierten Fassade dieses sich selbst verratenden Landes, noch besitzt er überhaupt noch die Vorzüge freiheitlich-demokratischer Grundrechte. Dagür sorgt in diesem Falle der Repräsentant der Staatsmacht, der Polizist. Allein seine Uniform verleiht ihm Würde und Glaubwürdigkeit, dabei erweist er sich als der erste aktiv handelnde Schwerkriminelle innerhalb des Films, indem er seinen exekutiven Status missbraucht und befleckt. Dass die Rocker sich mit Waffengewalt zur Wehr setzen, nutzt ihnen am Ende kaum mehr etwas – sie sind in der moralischen und personellen Minderheit im Angesicht von Bigotterie und Heuchelei. Die finale Schlacht auf dem Northville-Friedhof, auf dem sie eigentlich bloß ihre Toten bestatten wollen und dann zusammengeschossen werden, zeigt sie als Märtyrer des Amerikanischen Traums: Als Indios und Indianer, als aufständische Sklaven, als Einwohner von My Lai vielleicht, als die letzten großen Büffel auf ihrer finalen  Wanderung. Was Amerika nicht passt, wird weggeräumt – außen, vor allem aber auch innen. Nur so pflegt der Riese seinen Bestand.

9/10

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s