MIRACLE MILE

„Forget everything you’ve just heard, and go back to sleep.“

Miracle Mile (Die Nacht der Entscheidung) ~ USA 1988
Directed By: Steve De Jarnatt

An einem lauen Sommertag in Los Angeles lernen sich Harry (Anthony Edwards) und Julie (Mare Winningham) kennen und verlieben sich ineinander. Das erste Date am folgenden Abend geht gleich schief, weil Harry es verschläft. Zu spät am Treffpunkt, einer Burgerbude, angekommen, nimmt er zufällig in einer Telefonzelle einen Anruf entgegen, dessen Absender ihm mitteilt, dass der Dritte Weltkrieg bereits im Gange sei. Während die Stadt noch schlummert, organisieren sich die Kunden des Diners und wollen mit einem Helikopter zum Flughafen und von dort aus in die Antarktis fliehen. Harry jedoch will vorher noch Julie abpassen und mitnehmen. Eine Odyssee durch die nächtliche Stadt beginnt, derweil die Raketen in Stellung gehen…

Ein bisschen wie Scorseses „After Hours“ mit Atombomben kommt De Jarnatts ebenso ehrgeiziger wie brillanter Film daher, für dessen Realisierung er fast zehn Jahre benötigte. Sein Script kursierte zunächst eine halbe Ewigkeit durch die Büros von Hollywood, bis der Indie Hemdale ihm schließlich ein Budget zur Verfügung stellte, mit dem sich die Produktion bewerkstelligen ließ.
Die titelgebende Miracle Mile ist ein palmengesäumter Stadtteil von L.A., ausgestattet mit blütenweißer Art-Deco-Architektur, durch den sich der Wilshire Boulevard zieht. An diesem Ort ereignet sich die Story von De Jarnatts gern übersehenem Meisterwerk, das in sauberen, frischen und ästhetischen Bildern den Vorabend des Weltuntergangs schildert. Harry und Julie begegnen sich erstmal im Museum und verlieben sich dann bei den La Brea-Teergruben – wenn man so will, ein böses Omen,versanken just hier doch ehedem diverse prähistorische Tiere und verendeten im zähen Morast. Ebenso wie jene dereinst stolzen Mammuts, Säbelzahntiger und was sonst noch dort begraben liegt, ist in wenigen Stunden die gesamte Stadtbevölkerung zur baldigen Extinktion verdammt, denn die roten Knöpfe sind im Begriff, gedrückt zu werden. Dass der frisch verliebte Harry von dem bevorstehenden Ende erfährt, ist bloß einer schicksalhaften Koinzidenz geschuldet, und doch kann er der Vorbestimmung aller Strampelei zum Trotze kein Bein mehr stellen – zumindest nicht, wenn die Liebe zu ihrem Recht kommen soll. Der Gedanke an Flucht und Sicherheit für sich und seine Julie macht die Nacht jedoch zum Chaos – während Julies Großeltern (John Agar, Lou Hancock) nach fünfzehn Jahren sturen Streits wieder zusammenfinden und es vorziehen, ihre letzten gemeinsamen Stunden in Ruhe und Gemütlichkeit zu verbringen. Harry und Julie treffen aus existenzieller Angst heraus vielleicht die falsche Wahl – immerhin können sie gewiss sein, dass ihre bald eingeäscherten Leiber sich im Jenseits vereinen, was ja auch eine Art Trost bedeuten mag.
Obgleich er bereits 28 Jahre auf dem Buckel hat (das Script ja im Prinzip nochmal zehn mehr), ließe sich „Miracle Mile“ heute unverändert nochmal verfilmen und würde keinen Deut an Kraft und Wirkung einbüßen. Ein phantastischer Film, ebenso charmant wie erschreckend, ebenso schön wie grauenhaft.

9/10

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