ANTHROPOPHAGUS

Zitat entfällt.

Anthropophagus [Man-Eater – (Der Menschenfresser)] ~ I 1980
Directed By: Joe D’Amato

Während eines Herbsturlaubs in der griechischen Ägäis trifft eine kleine Reisegruppe auf die nette amerikanische Touristin Julie (Tisa Farrow), mit der man sich gut versteht und die man daher mit der gecharterten Yacht zu deren Freunden auf einer der vielen bewohnten Inseln bringen möchte. Dort angekommen, macht sich bereits am Hafen eine merkwürdige Stimmung bereit: Keine Menschenseele lässt sich blicken, das angrenzende Städtchen scheint entvölkert. Im etwas abseits gelegenen Haus von Julies Freunden angekommen, trifft man dann auf die völlig verstörte, blinde Henriette (Margaret Mazzantini), die von einem monströsen Menschenschlächter berichtet, der alles tötet, was ihm in die Quere kommt. Wie sich bald herausstellt, handelt es sich bei jenem „Wesen“ mitnichten um ein übernatürliches Etwas, sondern den infolge eines Schiffsbruches zum Kannibalen und darüberhinaus wahnsinnig gewordenen, einst wohlhabenden Geschäftsmannes Nikos Karamanlis (George Eastman), der sich seither, körperlich und geistig derangiert, nurmehr von Menschen ernährt.

Als hierzulande in den frühen Achtzigern der berüchtigte „Gewaltparagraph“ 131 zu greifen begann, der dafür sorgte, dass vielen Genrefilmen unter dem bürgerbevormundenenden Siegel der „bundesweiten Beschlagnahmung“ ein komplettes Aufführungsverbot zuteil wurde, gewannen einige mehr oder minder spektakuläre Werke in teils vielleicht unverhältnismäßiger Weise an Reputation und kursierten in immer abgenuldeteren Zweit-, Dritt- und Viertkopien vor allem dort, wo man sie am wenigsten sehen wollte: auf den Schulhöfen. Vor allem der durch die zuständigen Amtsgerichte angefeuerte Reiz des Verbotenen, ein völlig offensichtliches, entwicklungspsychologisches Beschaffungsmotiv, trug dem Rechnung. Zu den ganz speziellen Schmutzfinken, deren Klang allein bereits pädagogische Besorgnisreflexe auszulösen pflegten, zählte Joe D’Amatos „Man-Eater“. Wer seinerzeit „mitreden“ wollte, musste den gesehen haben, oder er hatte nichts gesehen. Dabei rekurriert die damals noch ominpräsente Anrüchigkeit dieses zeitweilig nur hinter vorgehaltener Hand geflüsterten Titels aus gerade mal drei, vier Sequenzen binnen seiner knapp 88 Minuten Laufzeit, von denen wiederum im Grunde nur eine einzige für seine angeblich kaum mehr fassbare Perfidie stand und noch steht: Jene, in der George Eastman einen Fötus aus dem Leib einer zuvor gekidnappten und in seiner Höhle versteckten, hochschwangeren Frau (Serena Grandi) reißt, um ihn vor den Augen ihres hilflosen Gatten (Bob Larson) zu verspeisen. Tatsächlich war D’Amato im Nachhinein offenbar selbst der Auffassung, hier hätte er seine „eigenen Grenzen überschritten“ (zit. nach Hans Schifferles „Die 100 besten Horror-Filme“, unter denen der Autor „Man-Eater“ völlig zurecht einen Platz einräumte) und nach wie vor streiten sich selbst abgebrühte Aficionados darüber, ob sowas denn nun wirklich nötig gewesen sei. Dereinst wurde gar über eine potenzielle Körperverletzung des Publikums debattiert und somit quasi ein „lebendes Objekt“ zur Argumentation wider die bedingungslose Kunstfreiheit gefunden.
Was viele Jahre später hinter all der aufgescheuchten Aufgeregtheit bleibt, ist ein in seiner unzensierten Fassung nach wie vor beschlagnahmter Film, der ein Musterbeispiel für in jeder Hinsicht gelungenes italienisch Exploitationkino bietet. Joe D’Amato/Aristide Massaccesi und sein oftmaliger Kollaborateur George Eastman/Luigi Montefiori schufen einen hervorragendes Genrestück, das gleich von Beginn an mit einer omnipräsenten Bedrohlichkeit hausieren geht. Das ultimative Böse wartet in den Schatten, nicht greifbar, aber sich doch unmissverständlich ankündigend in der unheilvollen Synthesizer-Musik (Marcello Giombini), in den erschrockenen Weissagungen einer Tarotkarten legenden Mitreisenden (Zora Kerova), in der vergeisterten Stadt auf der handlungsortstiftenden Insel mit ihren leerstehenden, feudalen Gebäuden. Der über zwei Meter große George Eastman schließlich ist eine Schau als in jeder Hinsicht verwilderter „Regressionsmensch“, der sich nach seinen schrecklichen Erlebnissen auf hoher See vom respektierten Oberklasse-Bürger zu einem entstellten Troglodyten zurückentwickelt hat und anstelle von Austern nurmehr rohe Eingeweise schlürft. Wo man die Ägäis als Mitteleuropäer vor allem mit antiker Hochkultur, Sonne und mediterraner Schönheit assoziiert, wirkt sie bei D’Amato mit ihren von den Nordwinden zerklüfteten, bewölkten, bald kargen 16mm-Bildern wie ein Vorhof des Hades, in dem D’Amato und Eastman ihre Todgeweihten zum Diner laden. Dass „Anthropophagus“ ganz gewiss nicht für jedermann ist, steht außer Frage, aber wer ihn schätzt, schätzt ihn dafür umso leidenschaftlicher.

8/10

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