DAREDEVIL: SEASON 1

„Take your shot!“

Daredevil: Season 1 ~ USA 2015
Directed By: Phil Abraham/Adam Kane/Ken Girotti/Farren Blackburn/Guy Ferland/Brad Turner/Stephen Surjik/Nelson McCormick/Nick Gomez/Euros Lyn/ Steven S. DeKnight

Infolge eines Unfalls in Kindheitstagen (Skylar Gaertner) hat der im New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen als Anwalt tätige Matt Murdock (Charlie Cox) zwar sein Augenlicht verloren, verfügt seither im Gegenzug jedoch über supergeschärfte übrige Sinne, hervorgerufen durch den Körperkontakt mit toxischem Sondermüll. Die Ermordung seines Vaters, eines mittelmäßig  Amateurboxers (John Patrick Hayden), durch einen hiesigen Gangsterboss (Kevin Nagle) erweckt in Matt zudem einen unbedingten Willen, den Schutzlosen Gerechtigkeit zu verschaffen. Parallel zu seiner Tätigkeit als Rechtsbeistand, die er gemeinsam mit seinem besten Freund und Sozius Franklin „Foggy“ Nelson (Elden Henson) ausübt, nutzt Matt seine Fähigkeiten, um nächtens als maskierter Vigilant die Menschen des Viertels zu beschützen. Sein Hauptgegner ist der mächtige, sich in der Öffentlichkeit als wohlhabender Philanthrop ausdgebende Gangsterboss Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio), der unter sich die russische, chinesische und japanische Mafia sowie den einflussreichen Buchhalter Leland Owlsley (Bob Gunton) vereint. Durch seiner Liebe zu der Galeristin Vanessa Marianna (Ayelet Zurer) macht sich Fisk jedoch angreifbar. Unter einigen Opfern zerschlägt Matt schließlich sein Kartell und bringt Fisk zu Fall und hinter Gitter. Die Zeitungen taufen ihn „Daredevil“.

Nicht nur, dass sich die von Netflix produzierte Serie „Daredevil“ wie die jetzt parallel entstehenden und noch kommenden „Begleitprojekte“ in das bereits etablierte MCU einfügen, empfinde ich die Reihe darüber hinaus auch als erfreulich gelungen. Sie erweist der Vorlage, insbesondere natürlich dem legendären Frühachtziger-Run von Frank Miller in den Ausgaben 158 bis 191, deren Einfluss auf das Medium der Superheldencomics bis heute nachhallt, in vielerlei Hinsicht ihre aufrichtige Ehrerbietung. Etliche klassische Figuren halten darin Einzug, wesentlich mehr und auf wesentlich komplexere Art, als es Mark Steven Johnsons (nichtsdestotrotz sehr gelungener) Film von 2003 mit seiner ja nun mal limitierten Erzählzeit vermochte. So lernen wir unter anderen Matts Kampfkunst-Lehrmeister, den ebenfalls blinden Stick (Scott Glenn) kennen, Wilson Fisks große Liebe (und seine einzige verwundbare Stelle) Vanessa, den großmäuligen Kleingangster Turk Barrett (Rob Morgan), den leider etwas zu kurz kommenden bad guy Leland Owlsley oder den schizophrenen Ex-Schurken Melvin Potter (Matt Gerald). Auch die Einführung der „Superhelden-Krankenschwester“ Claire „Night Nurse“ Temple (Rosario Dawson) empfand ich als sehr sympathisch und gelungen. Weithin typisch für ein Serial ist „Daredevil“ nun vor allem ein Erzählstück, von dem man keinerlei extraordinäre formale Ambition erwarten sollte. Hier geht es primär darum, alte Fans zufriedenzustellen, vielleicht ein paar neue hinzuzugewinnen, das MCU auszuweiten, sowie um Gestalten und Charaktere. Häufig sind die Bilder mit ihren wenigen, grellgelben Lichtquellen fürchterlich ausgeleuchtet, monetäre Limitierungen blitzen immer wieder hervor und die Inszenierung, die mit ihren wenigen Totalen und bevorzugt vielen Close-ups obligatorischen Serien- bzw. TV-Standards entspricht, befindet sich weit weg von jedweder Innovation. An cineastische Meslatten kann und sollte man „DD“ daher nicht unbedingt anlegen. Das qualitative Hauptgewicht liegt daher auch deutlich eher bei den Darstellern und ihrer Glaubwürdigkeit. In dieser Hinsicht sticht besonders eine Figur bald monolithisch hervor: die des Wilson Fisk, längst ein ikonischer Charakter und vielleicht etwas geläufiger unter seinem (von ihm selbst gehassten) Rufnamen „Kingpin“. Vincent D’Onofrio besitzt vielleicht nicht ganz die gewaltigen Körperbau seines gezeichneten Vorbildes, dafür entspricht allein seine Physiognomie diesem in aller Konsequenz. Tatsächlich gehört diese erste Staffel im Grunde ihm allein, zumindest schafft und hinterlässt D’Onofrio einen entspechenden Eindruck. Wilson Fisk ist ja a priori ein wahnsinnig interessant gestalteter villain; ein gefährlicher, machthungriger Psychopath, dem Menschenleben nichts gelten, ausgestattet mit nahezu übermenschlicher Körperkraft ebenso wie mit einem verwundbaren Herzen, das ihn bei aller Bedrohlichkeit immer wieder angreifbar macht. D’Onofrio spielt diesen Kingpin ganz wunderbar nuanciert; als sensiblen, liebenden Gentleman, der seiner Angebeteten den Hof macht (nebenbei wird die dazugehörige love story wirklich anrührend erzählt) und diametral dazu als rasende Naturgewalt, die gegen ihr Gegenüber so unaufhaltsam vorgeht wie ein tobendes Nashorn. Vor den und während der Ereignisse(n) der zweiten Staffel atmet Wilson Fisk ja leider gesiebte Luft auf Ryker’s Island. Insofern darf man gespannt sein, wie sich die Serie dann ohne ihr heimliches figurales Zentrum weiterentwickelt.

8/10

10 CLOVERFIELD LANE

„I’m sorry, but no one’s looking for you.“

10 Cloverfield Lane ~ USA 2016
Directed By: Dan Trachtenberg

Nach einem Streit mit ihrem Verlobten setzt Michelle (Mary Elizabeth Winstead) sich in ihren Wagen und verlässt New Orleans ohne rechtes Ziel vor Augen. Mitten in der nächtlichen Provinz hat sie einen Unfall und erwacht bald darauf in einem verschlossenen Kellerraum des mysteriösen Farmers Howard (John Goodman). Zunächst ist Michelle der festen Überzeugung, dass es sich bei Howard um einen Psychopathen handelt, zumal dieser ihr etwas von „Angriffen“ berichtet, die die Außenwelt angeblich verseucht und unbetretbar gemacht haben. Howards Keller erweist sich als Notfallbunker, in dem sich mit dem ebenfalls mehr oder weniger zufällig anwesenden Emmett (John Gallagher Jr.) noch ein weiterer Mensch befindet. Das ungleiche Trio bildet bald eine funktionale Gemeinschaft, bis Michelle untrügliche Hinweise daraufhin entdeckt, dass mit Howard doch etwas nicht stimmt. Und tatsächlich zeigt dieser bald sein wahres Gesicht. Das ändert jedoch nichts daran, dass er in einem Punkt Recht hatte: An der Oberfläche spielt sich tatsächlich buchstäblich Ungeheuerliches ab…

Die formale Experimentierfreude des bereits acht Jahre alten Vorgängers „Cloverfield“ ad acta legend, gleicht sich „10 Cloverfield Lane“ diesem zumindest in einer narrativen Manier an: Der Rezipient wird fest an die Wahrnehmungswelt der Protagonistin gekettet und durchlebt und durchleidet zusammen mit ihr eine ganze Palette an Ängsten, Ungewissheiten, Rätselraten und schließlich Überlebenswillen. Dabei zeichnet sich nunmehr recht eindeutig J.J. Abrams‘ Konzeption ab, das Ganze zu einer Fortsetzungsserie – filmökonomisch „Franchise“ tituliert – auszubauen. Michelle erweist sich im doppelten Showdown nämlich als überaus wehrhafte Frau, von der in der „Cloverfield“-Welt künftig vermutlich noch zu hören sein wird. Auch über die über die Welt hereinbrechenden Vorkommnisse erfahren wir jetzt etwas mehr: Das Monster aus „Cloverfield“ war Teil einer extraterrestrischen Invasion, die noch ganz andere Wesen mit sich führt. Diese zeigen sich erst gegen Ende als eine Art „Drohnen“, die in den ruraleren Gegenden Überwachungs- und Vernichtungstätigkeiten auszuführen haben. Michelle wird mit jenen Kreaturen konfrontiert und geht aus dieser Begegnung als wehrhafte Siegerin hervor. Das eigentliche Spannungsfeld des Films ist zu diesem Zeitpunkt ironischerweise längst abgearbeitet, daher auch die obige Rede vom „doppelten Showdown“. Herz und Hirn von Trachtenbergs Werk liegen nämlich in der ungewissen Position des paranoiden Bunkerbauers Howard. Dass der Mann mit seinen Verschwörungstheorien und Untergangsvisionen, die ihn sein unterirdisches Sanktuarium haben errichten lassen, nicht ganz falsch lag, kann ihm am Ende niemand (mehr) absprechen. Leider ändert dies nichts an seinem psychotischen Wesen, das sich, als er sein verlogenes, subterranes Idyll verraten und verkauft glaubt, in ganzer Härte präsentiert. Gelegenheit für John Goodman, abermals in der Rolle eines furchteinflößenden Maniac zu brillieren, wie er in seiner ihm eigenen Intensität nicht von ungefähr an den diabolischen Charlie Meadows / Carl Mundt erinnert. So prallt die kammerspielhafte Atmosphäre der ersten fünf Sechstel recht hart auf das genreüblichen Spektakel des letzten Teils und hinterlässt den nicht ganz glücklichen Beigeschmack einer Zäsur zugunsten handelsüblicher Alienaction. Ich kann nicht genau sagen, ob „10 Cloverfield Lane“ ohne jene letzten 15 Minuten und parallel dazu eben auch ohne Anbindung an ein größeres Ganzes wesentlich besser dran gewesen wäre, hege diesbezüglich aber gewisse Vermutungen. Höchstwahrscheinlich wird die Zukunft mehr darüber verraten.

8/10