DAREDEVIL: SEASON 2

„You’re one bad day away from being me.“

Daredevil: Season 2 ~ USA 2016
Directed By: Phil Abraham/Marc Jobst/Peter Hoar/Floria Sigismondi/Andy Goddard/Ken Girotti/Michael Uppendahl/Stephen Surjik/Euros Lyn

Nachdem Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) ins Gefängnis wanderte, beklagt das organisierte New Yorker Verbrechen ein Machtvakuum. Dieses versuchen sowohl die irische Mafia als auch die Rockergang „Dogs Of Hell“ zu füllen, werden jedoch bald im großen Stil von einem Unbekannten dezimiert. Dieser stellt sich als Kriegsveteran Frank Castle (Jon Bernthal) heraus, den die Medien bald „Punisher“ taufen und der von der Polizei als Massenmörder gesucht wird. Castle hat nach den Morden an seiner Frau und seinen zwei Kindern nurmehr ein Lebensziel: Das Gesetz vollständig in die eigenen Hände zu nehmen und jeden Kapitalkriminellen, dessen er habhaft werden kann, zu liquidieren. Zwar ist auch Matt „Daredevil“ Murdock (Charlie Cox) als Vigilant unterwegs, überlässt die finale Rechtssprechung jedoch nach wie vor dem System. Damit geraten er und Castle in einen kaum zu lösenden Interessenskonflikt. Dennoch richtet sich der Fokus von beiden, wie auch der von dem die Drähte vom Gefängnis aus weiterziehenden Wilson Fisk auf einen geheimnisvollen Heroingroßhändler names ‚Blacksmith‘. Zudem tritt urplötzlich Matts Jugendliebe Elektra Natchios (Elodie Yung) zurück in sein Leben und eröffnet ihm nachträglich, dass sie keineswegs die Frau war, für die er sie einst hielt. Wie Matt wurde auch Elektra als Kind (Lily Chee) von Stick (Scott Glenn) trainiert. Dieser verfolgt eine gezielte Agenda: Die mächtige japanische Ninja-Sekte „Die Hand“ zu zerstören und dafür potenzielle ‚Soldaten‘ auszubilden. Doch Elektra bedeutet mehr für „Die Hand“, als Matt und auch sie selbst zunächst wahrhaben wollen…

Wie bereits die erste Serien-Staffel rekurriert auch diese in erster Instanz auf den prägenden Miller-Run der Comicreihe, diverse mehr oder wenige notwendige Modifikationen jener klassischen Storys wiederum eingeschlossen. Mit dem kostümierten Profikiller Bullseye verzichtet das Format auf eine wichtige und prägende Figur, die den (natürlich nur vorübergehenden) Tod von Elektra auf dem Gewissen hat. Während der Film von 2003 diese eine Feinheit noch beachtete, wählt die Serie einen wohl der Kompaktheit geschuldeten, komplexitätsentschlackten Weg für die eminente Entwicklung des Charakters Elektra. Dafür ebnet sie mit dem Punisher Frank Castle der wohl kontroversesten kontroversen Gestalt des Marvel-Kosmos den überfälligen Weg ins MCU, die nach drei differenten Kino-An- und Einsätzen (die ich jede auf ihre Weise als gelungen erachte) eine weitere, passende Inkarnation durch den Darsteller Jon Bernthal erhält. Wie zu vernehmen ist, plant Netflix wohl in absehbarer Zeit eine eigene Serie für den schießwütigen Racheengel, der man angesichts seiner jüngsten Neudefinition wohl mehr denn entspannt entgegenblicken darf. Leider tritt die freundschaftliche Beziehung zwischen Murdock und Foggy Nelson nebst einer weiteren empfindlichen Krise etwas in den Hintergrund, derweil der Charakter von Karen Page (Deborah Ann Woll), die etwas widersprüchliche Sympathien für Castle hegt und sich neuerdings als Journalistin verdingt, vertieft wird. Der teilweise Personalwechsel auf dem Regiestuhl scheint für frischen Wind zu sorgen; mit einigen schicken, wohlchoreographierten Plansequenzen, einem deutlich gesteigerten Aktions- und Gewaltfaktor sowie einem Plus an Schauplätzen müht „Daredevil“ sich um einen gesteigerten Qualitätsfaktor und liebäugelt per aufreizendem Wimpernaufschlag mit seinen großen Cousins und Cousinen aus der Welt der Kino-Blockbuster. Dafür reicht es – zumindest in punkto Breitärschigkeit – zwar noch nicht ganz, Herz und Seele der Reihe jedoch verstärken sich im Rahmen der zweiten Season nochmals und heben sie damit sogar leicht über die ohnehin bereits starke erste.
Abermals vor allem für die traditionsverhafteten Anhänger der auftretenden Figuren ein Erlebnis, nach dessen Komplettierung man gleich weiterschauen möchte.

9/10

MANSION OF THE DOOMED

„Why should someone remove a person’s both eyes?“

Mansion Of The Doomed (Das Haus mit dem Folterkeller) ~ USA 1976
Directed By: Michael Pataki

Seit einem von ihm verschuldeten Autounfall, bei dem seine Tochter Nancy (Trish Stewart) erblindete, sucht der Augenchirurg Dr. Leonard Chaney (Richard Basehart) nach einem Weg, ihr das Sehen wieder zu ermöglichen. Eine neue Methode aus Übersee scheint für Abhilfe zu sorgen: Die Transplantation von intakten Augäpfeln und deren Kopplung an die Sehnerven des blinden Patienten sollen diesem das Augenlicht zurückverschaffen. Da es für einen solchen Eingriff erwartungsgemäß keinerlei willfährige Probanden gibt, benutzt Chaney kurzerhand Nancys Verlobten und seinen Kollegen Dan Bryan (Lance Henriksen), indem er ihn betäubt und nach erfolgter Augenentnahme und -verpflanzung kurzerhand in seinem Keller einkerkert. Zunächst glückt das Experiment, doch bereits nach wenigen Tagen stößt Nancys Körper die fremden Augen wieder ab. Neue „Spender“ müssen her, und davon nicht zu knapp…

Les visages sans yeux: Ein formvollendetes Stück Grand Guignol aus der für derlei klarlackversiegelten Schund ausgezeichneten Filmschmiede von Vater und Sohn Band, nominell Albert und Richard. Man muss sich auf deduktivem Wege nicht sonderlich bemühen, um relativ flink zu verzeichnen, dass „Mansion Of The Doomed“ natürlich ein – wenngleich inoffizielles – Remake von Georges Franjus erhabenem „Les Yeux Sans Visage“ darstellt, in dem Pierre Brasseur als wahnsinniger Chirurg seiner entstellten Tochter Edith Scob ihre vergangene Schönheit in Form eines neuen Antlitzes zurückzugeben versucht und dazu junge Frauen als unfreiwillige Spenderinnen missbraucht. Gleichermaßen schmierig und lustvoll in seiner Präsentation, wählte „Mansion Of The Doomed“ den überaus cleveren Weg, diese Storyprämisse kurzerhand „umzudrehen“, indem er seinen mad scientist anstelle eines kompletten Gesichtes nach neuen Augenpaaren für seine Tochter suchen lässt. Dafür ist ihm irgendwann jede noch so absurde Situation Recht und er betäubt und operiert bald jeden, der, aus welchen Gründen auch immer, mit ihm in Interaktion tritt. Die Drehbucheinfälle, wie Richard Basehart an neue Opfer gerät, werden dabei zusehends spektakulärer. Hauptattraktion des Films ist allerdings das Kellergefängnis, in dem Dr. Chaney seine augenoperierten Opfer einsperrt – immerhin ist er ja kein Mörder, sondern Humanmediziner! Bald tummeln sich in Chaneys Verlies diverse augenlose Zeitgenossinnen und -genossen (leider habe ich vergessen, mitzuzählen, aber um die sieben oder acht werden’s am Ende wohl sein) unterschiedlichster Provenienz und machen aus nur allzu verständlichen Gründen ein Heidentrara. In der Scheiße sitzend sind wir alle gleich. Einmal kratzt „Mansion Of The Doomed“ sogar kurz am wirklich Unangenehmen, als der immer irrer werdende Chaney auf die Idee kommt, seiner Tochter die unverbrauchten Augen eines kleinen Mädchens einzusetzen, das er prompt auf dem nächsten Spielplatz kidnappt. Glücklicherweise hat die junge Dame den häuslichen Warnungen vor den Unholden dieser welt doch besser zugehört, als es zunächst den Anschein macht und kann Chaney noch rechtzeitig entfliehen. Spätestens nach dieser Sequenz wünscht man dem Unhold dann auch wirklich die Pest an den Hals; insofern funktioniert sie als durchaus gelungenes Suggestivum.
„Mansion Of The Doomed“ macht jedenfalls eine Menge Freude, wenn er im Vergleich zu Franjus Kunstwerk auch zwangsläufig zu Staube kriechen muss. Von einem jungen Andrew Davis photographiert, verfügt er darüberhinaus mit Richard Basehart und einer aufgrund misslungener Kosmetikoperationen mimisch eigenartig erstarrten Gloria Grahame (in Alida Vallis vormaliger Rolle als Erfüllungsgehilfin) über zwei längst vom Verlöschen bedrohte Hollywood-Sterne und erhält so einen zusätzlichen, feinmatten Glanz.

7/10

RAMROD

„Your life – not mine.“

Ramrod (Die Farm der Gehetzten) ~ USA 1947
Directed By: André De Toth

Der selbstherrliche Rancher Frank Ivey (Preston Foster) gehört zu denen, die das Gesetz in ihre eigenen Hände zu nehmen pflegen. Seinen schärfsten Konkurrenten Walt Shipley (Ian MacDonald) hat er bereits aus der Gegend vertrieben, doch die schöne Connie Dickason (Veronica Lake), mit der Ivey am Liebsten in den Ehehafen einlaufen würde, weigert sich, sich unter seine Knute zu stellen. Gemeinsam mit Shipleys Vorarbeiter Dave Nash (Joel McCrea) übernimmt sie kurzerhand Shipleys Ländereien. Doch auch von Connie lässt sich Ivey nicht in die Suppe spucken und es kommt zu einem ränkereichen Kleinkrieg mit einigen Toten.

Für den ungarischstämmigen Regisseur André De Toth, dessen schöner Geburtsname Sasvári Farkasfalvi Tóthfalusi Tóth Endre Antal Mihály für Hollywood etwas zu kompliziert daherkam und insofern geflissentlich abgekürzt werden musste, bildete „Ramrod“ die vierte Regiearbeit auf US-Terrain und den ersten von insgesamt zwölf Western, was ihn filmhistorisch durchaus als „Genre-Veteran“ ausweist. Für „Ramrod“ stand ihm just das Protagonistenpaar aus Preston Sturges‘ wundervollem „Sullivan’s Travels“ zur Verfügung, Joel McCrea und Veronica Lake nämlich, letztere im Western ein rares Gesicht. Ihre Darstellung der extrem eigenmächtig agierenden, aufmüpfigen Connie Dickason bildet dann auch zugleich den Nukleus dieses zur eine Hälfte feministischen und zur anderen Hälfte reaktionären Gender-Western. Später übernahm vor allem Barbara Stanwyck gern und häufig die Rolle der unabhängigen und kämpferischen Farmerin, die sich innerhalb einer ausgewiesenen Männerdomäne zu behaupten sucht. Veronica Lake als Connie Dickason jedoch leistete auf jenem Sektor gewissermaßen Pionierarbeit. Die ausgesprochen hübsche Actrice mit ihrem zierlichen Wuchs assoziierte man ehedem eher mit dem film noir, wo sie vornehmlich als Alan Ladds  Partnerin eingesetzt wurde, weil sie diesen als einer der wenigen weiblichen Stars jener Tage nicht körperlich überragte. Dennoch machte sie auch an McCreas Seite und vor der Außenkulisse des schönen Utah eine starke Figur.
Connie Dickason kämpft gegen Windmühlen in Form maskuliner Überheblichkeit. Ihr vormaliger Galan Walt Shipley erweist sich als Feigling, der das Weite sucht. Frank Ivey meint, ihm gehöre a priori alles, was er ins Auge fasst, also auch die schöne Connie, die von ihm jedoch angewidert ist und ihren ganzen Aktionismus vor allem mit dem Zweck betreibt, Ivey zu Fall zu bringen. Connies Vater (Charlie Ruggles) ist ein opportunistischer Angsthase und Ja-Sager, der sich bereitwillig und zwecks unbedingter Konfliktvermeidung bereitwillig unter Iveys Knute stellt. Der aufrechte Held Dave Nash empfiehlt sich ihr zwar, vor allem in sexueller Hinsicht, doch der zieht es, nachdem er Ivey mit nur einem funktionierenden Arm im Duell erschossen hat, vor, die treusorgende Schneiderin Rose Leland (Arleen Whelan) vor den Traualtar zu führen – ein affirmatives, im Vergleich zu Connie im Grunde völlig uninteressantes Herd-Heimchen. So gewinnt Connie zwar den Rancherkrieg, bleibt jedoch (vorläufig) allein und wird vielleicht irgendwann als garstiges Flintenweib enden. Die Welt war damals augenscheinlich noch nicht reif für selbstbewusste Fraulichkeit, weder im Westen der 1880er, noch im Kino der 1940er.
Interessant noch die deutsche Synchronisation, die Joel McCreas Figur (mit der Stimme von Siegfried Schürenberg) diverse und umfangreiche Off-Kommentare einsprechen lässt, die es im Orginal überhaupt nicht gibt. Vermutlich war André De Toths intensive, für das narrative Verständnis selbstverständlich vollkommen hinreichende Bildsprache den deutschen Dialogschreibern nicht erklärend genug. Insofern empfiehlt sich, trotz grundsätzlicher diesbezüglicher Qualitätsarbeit, speziell in diesem Falle die dramaturgisch wesentlich ausgewogenere O.-Ton-Fassung.

8/10