THE VVITCH: A NEW-ENGLAND FOLKTALE

„Corruption, thou art my father!“

The VVitch: A New-England Folktale ~ USA/UK/CA/BR 2015
Directed By: Robert Eggers

Nachdem seine siebenköpfige Familie wegen dünkelhafter Äußerungen aus ihrem befestigten, neuenglischen Siedlerdorf exkommuniziert wurde, entschließt sich Vater William (Ralph Ineson), der herbstlichen Natur zu trotzen und am Rande eines Waldes eine kleine Farm zu bewirtschaften. Doch das Leben erweist sich auch hier als widrig: Zunächst verschwindet Säugling Samuel spurlos und trotz der Beaufsichtigung der Ältesten, Thomasin (Anya-Taylor Joy). Dann zieht die Sünde in Form von Argwohn und Misstrauen ins Haus; man tischt sich gegenseitig Notlügen auf und falsche Verdächtigungen machen die Runde. Der Mais auf dem Feld verfault, die kleinen Zwillinge Jonas (Lucas Dawson) und Mercy (Ellie Grainger) sprechen mit dem Ziegenbock Black Phillip. Thomasins Bruder Caleb will aufgrund der Nahrungsknappheit im Wald jagen gehen und kehrt erst am nächsten Tag nackt und völlig verstört zurück. Bald verdächtigen Vater und Mutter Thomasin, mit satanischen Mächten im Bunde zu stehen…

Überraschend famos gefiel mir dieser be(d)rückend und bedingungslos authentisch gezeichnete Horrorfilm, der mit ausgesucht spartanischen Mitteln ein Maximum an Wirkung erzielt. Der spezielle Kniff des (unbedingt im Auge zu behaltenden) Debütanten Robert Eggers liegt darin, das Publikum auf die Wahrnehmungsebene seiner Protagonisten zu ziehen. Als emigrierte Erzpuritaner flüchten diese sich in eine vollkommen hilflose Welt bedingungslosen Gottvertrauens und Glaubens, wähnen sich als arme, in Sünde gezeugte Sünder, die der täglichen Buße gar nicht genug tun können und so schließlich an ihrem wechselseitigen, durch die lebensfeindliche Wildnis bedingten Misstrauen zerbrechen. Das nämliche Problem: Wer an Gott glaubt, glaubt zwangsläufig auch an den Gefallenen. Und im Wald scheinen Mächte zu hausen, die mit diesem paktieren, oder möglicherweise auch ihr ganz eigenes, paganistisches Süppchen kochen. In jedem Falle sorgt das Spärliche, das Eggers uns preisgibt, für gewaltige Gänsehäute. Oder soll das Publikum am Ende selbst bloß selbst zu Opfern gesteigerten Irrglaubens und irreparabler Ängste gemacht werden? Sind die Bilder von den im Wald lebenden Hexen und ihren bösen Praktiken im Kontext des Films real oder spiegeln sie bloß die unterbewussten, angsterfüllten Seelenabgründe der von Hunger, Hass und Wollust zunehmend gebeutelten Familie wider? Williams Sippschaft sieht sich mit einer geballten Dosis familieninterner Probleme konfrontiert. Das Baby verschwindet (möglicherweise hat es ein Wolf geholt, wenngleich zumindest die in direkter Ereignisfolge kredenzten Bilder weitaus Schlimmeres vermuten lassen), die Zwillinge verirren sich in einer kindlichen Magie- und Phantasiewelt, der junge Caleb spürt erste sexuelle Bedürfnisse und die arme Thomasin als Älteste der Geschwister zerbricht an der ihr auferlegten Verantwortung. Mutter Katherine (Kate Dickie) hängt der Vergangenheit nach und wird zusehends manisch-depressiv, Vater William spürt die allseitigen Einbrüche nebst dem eigenen Versagen, seiner Familie ein angenehmes Leben zu ermöglichen und sublimiert seine sich steigernden Aggressionen durch immer maßlosere Holzhackerei. Im Prinzip wird man demzufolge über die tatsächliche Präsenz übernatürlicher Vorgänge bis zum ausufernd wohlig-grausigen Ende im Unklaren belassen und gerade das zeichnet den extrafeinen „The VVitch“ wiederum ganz besonders aus. Eggers führt uns also zurück zu dem Bildungs- und Erfahrungshorizont der neuenglischen Siedler um 1630 und schafft mit seiner bedingungslosen, penibel-akkuraten Rekonstruktion jenes Zeitkolorits sogar eine derart brillante Suggestion, dass der Rezipient sich tatsächlich bereitwillig darauf einzulassen bereit ist.

9/10

HOSTAGE

„I’ll be back and kill each and every single one of you.“

Hostage ~ SA/USA 1987
Directed By: Percival Rubens/Hanro Möhr

Major Sam Striker (Wings Hauser) gilt als einer der knüppelhärtesten Säbel, die der US-Geheimdienst zu bieten hat. Bei einer Mission im Süden Afrikas kommt er der alleinerziehenden Mutter Nicole (Nancy Locke) und ihrem Sohnemann Tommy (Gerhard Hametner) näher. Als Tommy wegen Nierenversagens dringend in ein US-Krankenhaus ausgeflogen werden muss, fällt dieser Notfall mit einer politisch brisanten Situation zusammen: Eine Gruppe muslimischer Terroristen will einen ihrer inhaftierten Führer frei- und dazu noch ordentlich Dollars erpressen und hijackt ausgerechnet den Flieger, in dem Nicole und Tommy sitzen. Für Striker und seinen ebenso wohlhabenden wie ergrauten Schwiegervater in spe, Colonel Shaw (Kevin McCarthy), die Gelegenheit, sich endlich mal wieder im unsimulierten Nahkampf zu erproben.

Ye goode olde action pal: Loblieder auf den vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Achtziger-Action-Heros Wings Hauser kann man nie genug anstimmen. So haben bereits Oli und Marcos, die lieben Freunde vom Himmelhunde-Blog, diesbezüglich schon vor einigen Jahren ein Stück weit wertvollster Pionierarbeit geleistet. Fest steht: wer eine auch nur halbwegs ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Genrekino jener just dafür güldenen Dekade sucht oder sich auch nur schlicht und einfach als Chronist betätigen will, der muss zur Kenntnis nehmen, dass Stallone, Arnie, Norris, Bronson oder Dudikoff zwar eine nukleare Stellung bekleiden, unter der glänzenden Oberfläche jedoch noch Sehens- und Bewundernswertes en gros lauert. Auch und insbesondere an Wings Hauser kommt man in dieser Hinsicht nicht vorbei. In den Spätachtzigern machte er, wie manch anderer Hollywood-Akteur auch, einen Ausflug nach Südafrika um mit der dort kurzfristig erstarkten Filmindustrie zu liebäugeln. Heraus kam dabei „Hostage“, ein mehr oder weniger offenes, kleinformatiges Plagiat von Menahem Golans „The Delta Force“, jedoch um Einiges kantiger, schmieriger und unnahbarer als das ohnehin unübertreffliche Vorbild. Bereits die Einführung von Major Sam Striker, die ihn beim unflätigen Willkomm einiger Nachwuchspatrioten auf einer Militärbasis zeigen, verdeutlichen nachdrücklich: Mit diesem Mann ist nicht gut Kirschen essen. Später erweist er sich wiederum als nicht besonders helle, denn viel zu spät erinnert er sich daran, dass einer der ihm bekannt vorkommenden Männer am Flughafen der gesuchte Terrorist Yamani (Ian Steadman) ist, der dann die Entführung des Flugzeugs mit Nicole und Tommy anführt. Glücklicherweise zwingt man den Piloten, den Flieger weiter nördlich zu landen – die ideale Voraussetzung für Striker und ein paar flugs aktivierte Kompagnons, den Kidnappern Saures zu geben. Von den Passagieren müssen derweil einige, die sich mit ihrer passiven Situation nicht zufrieden geben mögen, dran glauben. Eine besonders schöne Rolle hat dabei Karen Black als traumatisierte Erotikfilm-Aktrice Laura Lawrence abbekommen, die mit ihrem (ausnahms- und erfreulicherweise einmal nicht lächerlich gezeichneten) schwulen Agenten (Robert Whitehead) unterwegs ist und, wie dieser, sehr heldenhaft auftreten darf. Da gibt es richtig was mitzufiebern!
Am Ende steht ein durchweg liebenswerter Actioner, der aus seinen bescheidenen Mitteln das Bestmögliche bereitet, hervorragende Spannungsmomente erzielt und schlechthin gute, ehrliche Freude bereitet.

6/10

LEGEND

„Life isn’t always what we want it to be.“

Legend ~ UK/USA/F 2015
Directed By: Brian Helgeland

Im London der sechziger Jahre sind die Zwillingsbrüder Reggie (Tom Hardy) und Ronnie Kray (Tom Hardy) so etwas wie die Popstars der urbanen Verbrecherszene. Als Nachtclubbesitzer geben sie ihren Unternehmungen eine legale Fassade, haben ihre Finger jedoch auch in diversen Schutzgeld-, Schmuggel und Raubunternehmungen. Ihr berüchtigtes Renommee geht sogar so weit, dass der New Yorker Mafioso Meyer Lansky Kontakt zu ihnen aufnimmt und sie als europäischer Ableger in sein Imperium integrieren möchte. Der psychotische und unbesonnene Ronnie jedoch sorgt allenthalben für Negativschlagzeilen und verübt sogar einen Mord in aller Öffentlichkeit. Langsam beginnt sich ein feiner Riss durch die „Karriere“ der Krays zu ziehen, die mit dem Selbstmord von Reggies Frau Frances (Emily Browning) den endgültigen Anfang vom Ende nimmt.

Man kommt, soviel vorweg, als Kenner von Peter Medaks „The Krays“ kaum umhin, Helgelands jüngstes Werk mit diesem im Super-Gangsterfilmjahr 1990 entstandenen Biopic zu vergleichen. Die Differenzen sind augenfällig bis eklatant: Wo Medak sich vor allem für eine psychologische Aufschlüsselung der pathologisch-symbiotischen Zwillingsbeziehung interessierte, die zudem von einem immens matriarchalisch gefärbten Elternhaus verstärkt wird, wählt Helgeland den deutlich konventionelleren Weg des genretypischen, glamourösen „Rise-And-Fall“-Epos, das die frühen Jahre der Krays ausblendet und ausschließlich deren präfinalen Karriereweg nachzeichnet. Als Fenster zu dieser Perspektive wählt Helgeland den Blick der von Reggie umgarnten und schließlich geehelichten Frances Shea, die an der stumpfen, zwischen narzisstisch geprägten und vom (homosexuellen) Bruder Ronnie in emotionaler Abhängigkeit stehenden Persönlichkeit Reggie Krays zerbricht. Trotz ihres späteren Suizids führt Frances als Off-Kommentatorin durch die Wendungen und Schlingen der krayschen Aktivitäten, deren Scheitern letztlich an zweierlei Fakten festgemacht wird: Ronnies immer stärker und weiter ausreißender psychischer Zustand und Reggies Verzweiflung über die brutal gescheiterte Beziehung zu seiner Frances.
Medaks Film hingegen pflegte eine bald kammerspielartige, latente und doch omnipräsente Gewaltatmosphäre, die vor allem Ronnie zur cholerischen, tickenden Zeitbombe stilisierte (derweil Hardy in seiner Doppelinterpretation speziell diesen Part mit viel Engagement, aber auch stets hart an der Grenze zum overacting ausfüllt) und mit der brillanten Billie Whitelaw in der Rolle der übermächtigen Kray-Mutter Violet über ein ganz besonderes, unbequemes Plus verfügte. Bei Helgeland spielt die Beziehung zwischen Mutter (Jane Wood) und Söhnen indes eine stark untergeordnete Rolle, wohl nicht zuletzt, um sich dem möglichen Verdacht einer bloßen Remake-Haltung zu entziehen.
Resümierend erscheint mir Medaks Film als der nachhaltigere, finsterere der beiden, zudem als der in mehrfacher Hinsicht „englischere“, was gerade diesem speziellen Sujet besonders zu Gute kommt. Für Gangsterfilm-Enthusiasten, insbesondere solche britischer Gattungsableger, gewiss dennoch eine zumindest halbwegs lohnenswerte Bank.

6/10