DIE JAGD DER GOLDENEN TIGER

„Ein Joint am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen!“

Die Jagd der goldenen Tiger ~ BRD/ID 1984
Directed By: Helmut Ashley

Der Industriekonzern MIC will eine neu entwickelte Lasekanone auf Java testen. Der Konkurrenzfirma Protex hingegen ist daran gelegen, das gute Stück in ihren Besitz zu bringen und man engagiert zu diesem Zwecke den ausgebufften Profi Mr. Gull (Christopher Mitchum), der wiederum den Aussteiger Jan von Clef (Winfried Glatzeder) anheuert, um die Kanone auf ihrem Transport vom Flughafen Jakarta in die Provinz zu stehlen. Da hat er es nicht leicht, denn der LKW mit der Kanone wird von can Clefs früherem Partner, dem Tausendsassa Ted Barner (John Phillip Law), dessen Kumpel Ratno (Barry Prima) und dem MIC-Beauftragten Martin Forster (Horst Janson) gefahren, einem knallharten Trio. Brenzlig wird es, als eine Gruppe von Bergleuten, darunter Forsters Bruder Thomas (Eric Moss), verschüttet wird. Denn nur mithilfe der Kanone könnten sie noch rechtzeitig befreit werden.

Wie das so ist mit altverklärten Kindheitslieben, hatte ich den vermutlich 1985 letztmalig von mir geschauten „Die Jagd der goldenen Tiger“, der auch unter dem Titel „Danger – Keine Zeit zum Sterben“ gelaufen sein muss, als überlebensgroßen, duften Actionkracher in Erinnerung. Die revisionierte Realität allerdings schaut geflissentlich anders aus. Dass Helmut Ashleys etwas unbeholfene Regiearbeit etwa von der Lisa-Film, respektive Wolf C. Hartwig verliehen und (co-)produziert wurde, hatte ich bislang ebensowenig auf dem Schirm wie die Tatsache, dass die Flasche „Black & White“, an der John Phillip Law im Laufe des Films immer wieder nuckelt (und die er liebevoll als „meine Milch“ bezeichnet) vermutlich echten Scotch enthielt und noch viele Zwillingsgeschwister im Schlepptau hatte. Ansonsten ist, wie so oft im Billig- und Exploitationkino jener für diese Art Film goldenen Ära, insbesondere die ebenso illustre wie eklektische Besetzung ein tolles Kuriosum. Dass neben den naturgemäß an Bord befindlichen, deutschen Akteuren Janson (West) und Glatzeder (Ost) die sich für keinen Salat zu schade warenden John Phillip Law und Christopher Mitchum sowie der indonesische Bullemann Barry Prima als wechselseitige Stichwortgeber fungieren, das beinhaltet schon eine gewisse Extraklasse. Ansonsten haben wir hier freilich ein ziemlich dreistes Plagiat von Clouzots „Le Salaire De La Peur“, den ich nebenbei endlich mal wieder sehen muss. Nur dass in diesem Falle unsere drei Fernfahrer durch Java statt durch Lateinamerika jöckeln und von Winfried Glatzeder, der hier in altbekannter Zeichentrickkojotenmanier eine Art „Roadrunner“ gibt, statt von der widerspenstigen Reiseroute getriezt werden. Zumindest gibt’s zu allem offenkundigen Preisgunst-Flair ein paar lustige Sprüche frei Haus, was auch immer mal schön ist. Mit dickem Nostalgiebonus:

5/10

HURLYBURLY

„The guy who dies in an accident understands the nature of destiny.“

Hurlyburly ~ USA 1998
Directed By: Anthony Drazan

Eddie (Sean Penn), Phil (Chazz Palminteri), Mickey (Kevin Spacey) und Artie (Garry Shandling) sind vier Freunde in den Vierzigern, die ihr Auskommen als Autoren, Manager und Schauspieler im alltäglichen Wahnsinn der Hollywood-Studios gefunden haben. Eddie verliert sich im fast permanenten Kokainrausch und verlernt darüber hinaus, sich in seinem Emotionsleben zurechtzufinden, Phil ist ein etwas tumber, aggressionsaffiner Choleriker, der sich nicht in der Gewalt hat, Mickey lenkt all seinen Hass in grinsenden Sarkasmus und Artie ist ein misogyner Misanthrop. Darlene (Robin Wright) ist eher aus Gewohnheit mit Eddie zusammen denn aus wahrer Liebe. Als schließlich Phils Freundin Susie (Gianna Palminteri) sich nach diversen Krisen endgültig von ihm samt Baby verabschiedet, kommt es zur Katastrophe.

„Hurlyburly“ bedeutet soviel wie Aufruhr, Durcheinander, Tohuwabohu. Der Film basiert auf einem bereits um die Mitte der Achtziger entstandenen Theaterstück von David Rabe, das zunächst in Chicago und später off-broadway aufgeführt wurde und regelmäßig glorios besetzte Wiederaufführungen erlebt. Die Urbesetzung umfasste unter anderem William Hurt, Christopher Walken, Harvey Keitel, Jerry Stiller und Sigourney Wever. Große Fußstapfen also, in die Tony Drazan mit seiner 98er-Kino-Adaption zu treten hatte. Immerhin konnte er auf ein von David Rabe eigens umgeschriebenes Script sowie auf eine wiederum brillantes Ensemble zurückgreifen. Doch trotz allem fehlt es „Hurlyburly“ an etwas Wesentlichem: Am Filmischen. Das Ding ist und bleibt ein Bühnenstück, auch auf Zelluloid. Die Akteure spielen wie auf einer Bühne, es gibt mit wenigen Ausnahmen nur ein Set (Eddies und Mickeys Haus in den Hills, das variabel auch von den anderen Freunden mitbewohnt wird), die gesamte Emotionalität der Protagonisten muss sich im Dialog exponieren. Dabei verbleibt das Ganze inhaltlich irgendwo zwischen Vulgärphilosophie und Luxusproblemen. Einen potenziellen Sympathieträger sucht man ebenso vergeblich wie eine mögliche Identifikationsfigur und auch wenn Eddie als eine Art stabiles Bindeglied zwischen den Vieren und zumindest scheinbar Intelligentester im Klub den Rezipienten durch jede einzelne Szene begleitet, ist er mit seiner dauerverschneiten Nase und beinahe unentwegtem Gejammere über die Schlechtigkeit der Welt kein minder armes Würstchen als seine Kompagnons. Anders als ein ähnlich zynischer Generationschronist wie etwa Bret Easton Ellis, der die Erbärmlichkeit seiner Zeitgenossen vehement auf die mentale Entleerung ihrer Erzeuger und die notorische Oberflächlichkeit des (damaligen) Jetzt zurückführt und damit konsequente Analytik betreibt, verortet Rabe deren allumfassende Schwächen in ihrer jeweiligen, individuellen psychischen Beschaffenheit. Damit sitzt „Hurlyburly“ zwischen den Stühlen im Prinzip bester Voraussetzungen und einer dem Medium geschuldeten Verlorenheit, was sich vor allem durch seine nicht immer ausgewogene, exponenzielle Geschwätzigkeit äußert und ihm letzten Endes nicht allzu gut bekommt. Schade drum.

6/10

SPOTLIGHT

„Which story do you want us to write?“

Spotlight ~ USA 2015
Directed By: Tom McCarthy

Im Sommer 2001 kommt Marty Baron (Liev Schreiber) als neuer Herausgeber zur Tageszeitung „The Boston Globe“. Mit Barons Engagement beginnt zugleich ein frischer Wind durch die Redaktionsräume des ehrwürdigen, aber recht affirmativ arbeitenden Traditionsblattes zu wehen. Ein quasi beiläufig erschienener Artikel der Kolumnistin Sacha Pfeifer (Rachel McAdams) erregt dabei seine besondere Aufmerksamkeit: In dieser geht es nämlich um den Anwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci), der vor Gericht Opfer sexuellen Missbrauchs katholischer Geistlicher vertritt und darüberhinaus schwere Anschuldigungen gegen Kardinal Law (Len Cariou) erhebt. Jener weiß angeblich seit Jahren von den Übergriffen seiner Untergebenen und ignoriert oder vertuscht diese sorgsam. Für Baron, der nicht gebürtig aus dem erzkatholischen Massachusetts stammt, bedarf dieses Faktum dringlichst weiterer Aufklärungsarbeit. Die „Spotlight“-Redaktion unter Walter Robinson (Michael Keaton) beginnt ihrer Recherchen und fördert Ungeheuerliches zutage…

Soviel vorweg: Der diesjährige Oscar-Gewinner „Spotlight“ ist sicherlich ein guter, thematisch auf der korrekten Seite verortbarer Film, aber keiner, den ich als ‚bahnbrechend‘ bezeichnen möchte. Im Prinzip vollführt er nämlich wenig Anderes als die Reaktivierung eines in Hollywood seit Dekaden etablierten Drama-Subgenres – das des journalistisch und/oder juristisch geprägten „Enthüllungsfilms“ nach oftmals authentischen Vorbildern. Regisseure wie Sidney Lumet oder Alan J. Pakula haben entsprechende Werke in Form von „All The President’s Men“ und „The Verdict“ bereits vor dreißig bis vierzig Jahren zu einem Perfektionsmaß angehoben, das ohnehin nicht mehr überboten werden kann. Zumindest zur Form, die ohnehin relativ strenge Maßgaben verlangt, ist in dieser Filmgattung ergo längst alles gesagt. Nicht jedoch zum Inhalt – bei weitem nicht, denn dass die Lenker dieser Welt tagtäglich und zu jeder Sekunde übelste Schweinereien begehen oder sich anderweitig ethisch oder materiell korrumpieren lassen, gehört zum Wesen des Menschen und ihrem Machtstreben. Das Böse ist immer und überall; so wird es bleiben und damit legitimiert sich auch ein möglicherweise vorschnell als „überkommen“ abgeurteilter Film wie „Spotlight“. Denn spannend und mitreißend ist die investigative, mit Leib und Seele vollführte Arbeit des dem Zuschauer vorgestellten Reporterteams (das sich neben Keaton, Schreiber und McAdams noch durch Mark Ruffalo ergänzt findet), allemal. Zumal sich ein Widernis reexerziert findet, das die hinsichtlich ihrer Existenzberechtigungs- und ihrer globalen Einfluss-Relation groteskesten, unnnötigsten und überflüssigsten Menschheitsinstitution von allen, nämlich der katholischen Kirche, sich in ihrer viel zu langen Historie geleistet hat – den sexuellen Missbrauch ihr anvertrauter Kinder und Jugendlicher. Keinem Argument, auch dem von den im Vergleich zur klerikalen Gesamtheit wenigen Instinktübermannten, denen ihr Zölibat in den verstaubten Schwanz gestiegen ist und die sich daher „vergessen“ haben oder das von den Amtsmissbrauchern, die es ja in jeder Machtposition gibt, kann oder darf man Geltung zusprechen. Jedes verletzte Kind, jede an- oder zerrissene Seele, die ein – zudem in spezifischer Vertrauensposition befindlicher – Talarträger zu verantworten hat, ist genau Eine/s zuviel. Insbesondere dort, wo die angebliche Trennung von Kirche und Staat sich längst aufgeweicht hat, dort, wo die Leute noch naiv genug sind, zu glauben, dass ein schwarzer Rock und eine sanfte Stimme notwendigerweise mit humanistischer Integrität einhergehen. Insofern hat ein Film wie „Spotlight“, der genau dieses Thema in aller gebotenen, sensiblen Weise verhandelt, bereits seine dialektische Existenzberechtigung. Dass die Kirche nicht nur in Anbetracht ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit all ihrem ihr strukturell innewohnenden Hierarchismus ein für allemal abgeschafft gehört, eine solch radikale Forderung formuliert McCarthy nicht. Aber er impliziert sie zumindest. Und damit hat er mich ganz auf seiner Seite.

8/10