HEAT

„What are you thinking about right now?“ – „Venice.“

Heat ~ USA 1986
Directed By: Dick Richards

Vietnam-Veteran und Glücksritter Nick Escalante (Burt Reynolds), genannt „Mex“, lebt auf Sparflamme in Vegas und arbeitet dort als eine Art kleinformatiger Söldner auf Abruf für innerstädtische Angelegenheiten. Sobald er eine größere Geldsumme in Händen hält, verspielt er diese prompt beim Blackjack. Den großen Lebenstraum, den Ausstieg nach Venedig, hält Nick so stets auf gebührlicher Distanz. Als Nicks frühere Freundin Holly (Karen Young) von Mafiaspross Danny DeMarco (Neill Barry) vergewaltigt und erniedrigt wird, will diese Rache – ein Job, der für Nick einer Ehrenschuld gleichkommt, jedoch nicht ohne Folgen bleibt. Zudem heuert ihn der schmalbrüstige Jungmillionär Cyrus Kinnick (Peter MacNicol) an, ihn in Nahkampf und Verteidigung zu schulen, woraus eine kleine Freundschaft erwächst. Als DeMarco Nick mit einer Gruppe Killer besucht, steht ihm Cyrus zur Seite und muss hart dafür bezahlen.

„Heat“ formulierte gemeinsam mit Harley Cokeliss‘ bald darauf entstandenem „Malone“ Burt Reynolds‘ kurzfristigen Versuch, mit harten Actionfilmen an den Erfolgen anderer faltig gewordener Genrestars im zweiten Frühling zu partizipieren. In beiden Filmen spielt Reynolds supertoughe Einzelgänger und Selbstjustizler, die, einmal gezündet, die Rohre rauchen lassen, bis sämtliche Kontrahenten daniederliegen. Wobei das Bild vom rauchenden Rohr zumindest im Falle „Heat“ eigentlich nicht recht zutrifft, den Nick Escalante verzichtet bewusst auf den Gebarauch von Schusswaffen und verwendet stattdessen alles andere Greifbare als tödliche Waffe. Der Film ist all seiner Probleme zum Trotz hervorragend und eine Zierde seines Genres, wenngleich alles andere als einfach zu nehmen. Mit Ausnahme von Reynolds bedauerten etliche der Beteiligten im Nachhinein ihre Beteiligung am Entstehungsprozess. Das Script wurde von William Goldman auf Reynolds‘ Bitte hin nach seinem eigenen Roman verfasst. Goldman zufolge verschliss der Dreh dann ganze sechs Regisseure, darunter Robert Altman, der schon in der Vorbereitung ausstieg, weil ihm sein üblicher dp Pierre Mignot wegen eines ausbleibendem Einreisevisums nicht zur Verfügung stand. Ansonsten lag der inszenatorische Löwenanteil bei Dick Richards, der in den Credits als „R.M. Richards“ geführt wird. Ein kreativer Disput mit Reynolds hinterließ Richards mit einem gebrochenen Kiefer und Reynolds mit einem (verlorenen) Prozess wegen Körperverletzung. Als Notpflaster holte man Routinier Jerry Jameson an Bord, dem wohl die wenigen schwächeren Sequenzen zuzuschreiben sind. Richards derweil inszenierte seitdem keinen Film mehr.
Zurück bleibt „Heat“ als ein auf den ersten Blick merkwürdig ungeschlossen wirkender, ins Episodische zerfallener Film, der eigentlich drei Geschichten in einer erzählt und dabei kaum je die rechte Gewichtung zu finden scheint. Da ist zum Einen Nicks Job als Racheinstrument seiner Freundin Holly, dessen Endeffekt seine härtesten Bandagen zum Vorschein bringt. Dann wäre da die Geschichte von Nicks beinahe väterliche Freundschaft zu Cyrus Kinnick, einem durch die IT-Branche reich gewordenen, einsamen Nerd, der seinen Weg ins Leben sucht und schließlich Nicks private Story, die ihn als Heftpflaster am Nippel von Vegas ausweist, der dem Glitzer der Spielerstadt ganz zu seinem persönlichen Unwillen verfallen ist und dessen großes Ziel Venedig im Grunde bloß einen ohnehin unerreichbaren Alibiausweg aus seinem depressiven Alltag bildet. In der Vermischung dieser differierenden Elemente oszilliert „Heat“, analog zu seiner Hauptfigur und seinem eklektischen Stil, zwischen den Gattungen – mal ist er Drama, dann Gangsterfilm, bald Komödie, dann neo noir, dann wieder harter Actionthriller. Glaubt man hier, einen liebenswerten Typen mit harter Schale, doch weichem Kern vor sich zu haben, fällt Nick dort im Zuge seines Kampfes gegen DeMarcos Killer wiederum in die Untiefen des zynischen Vigilanten, der seine ihm nicht gewachsenen Opfer ohne mit der Wimper zu zucken aufspießt, unter Strom oder in Flammen setzt. Kurz – „Heat“ ist alles andere als verlässlich, und gerade daher so sehenswert.

8/10

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