WILD THING

„White coats scramble your eggs. White coats zap your power station.“

Wild Thing (Asphalt Kid) ~ USA 1987
Directed By: Max Reid

Nachdem seine Hippieeltern getötet wurden weil sie zuvor selbst unliebsame Zeugen eines Mordes geworden sind, bleibt dem kleinen Sohn (Robert Bednarski) nur die Flucht nach vorn. Wie durch ein Wunder überlebt das Kind und wird in einem New Yorker Slum von der verrückten Vagabundin Leah (Betty Buckley) aufgezogen. Im Laufe der Jahre wird „Wild Thing“, wie der zu einem stattlichen jungen Herr avancierte Großstadt-Tarzan bald gerufen wird, zu einer urbanen Legende. Doch besitzt Wild Thing keine übermenschlichen Fähigkeiten; er hat nur keinerlei Schulbildung, dafür jedoch etwas gegen Ungerechtigkeiten, kommt gern Schwachen zur Hilfe und ist körperlich gut beieinander. Als die Sozialarbeiterin Jane (Kathleen Quinlan) ins Viertel kommt, verliebt Wild Thing sich in sie. Doch da sind auch immer noch die feigen Mörder seiner Eltern: der Gangsterboss Chopper (Robert Davi) und der korrupte Cop Trask (Maury Chaykin)…

Mit dieser mitten im Herzen von New York spielenden Tarzanade ist Scriptautor John Sayles ein kleines Wunderwerk geglückt. Da Auteur Sayles zwar immer wieder gern (oftmals augenzwinkernde, tolle) Gernrefilme schrieb, deren Inszenierung jedoch stets anderen überließ, ging die Regie von „Wild Thing“ dann auch an einen gewissen Max Reid, der es selbst auf nur drei Arbeiten in diesem Fach brachte. Das Resultat ist ein hier und da mit der Bizarrerie liebäugelndes, alles in allem überraschend eigenständiges Werk, das es in dieser spezifischen Form einzig in den Achtzigern gegeben haben konnte. Im fortgeschritten Zeitalter der Yuppies und Broker gehen Sayles und Reid geradewegs an die Kehrseite, ins allerunterste Subprekariat, wo die Ärmsten der Armen und die Ausgestoßenen der Gesellschaft hausen, Menschen, die sich im Straßenverkehr als Toreros betätigen oder sonstwie dem sozialangepassten Verstand abgeschworen haben, deren Gliedmaßen wegfaulen, weil sie keine Krankenversicherung besitzen, Säufer und Junkies sowieso. Inmitten dieser Parallelwelt, dieses verzerrten Großstadtdschungels, wäre, gemäß Sayles‘ bezwingender Prämisse, auch der rechte Platz für einen postmodernen Tarzan. So transportiert insbesondere die origin von Wild Thing eine ganze Menge von der eines typischen Comiccharakters; der Junge entwickelt im Laufe der Jahre katzenhafte Reflexe und Fähigkeiten, lebt in leerstehenden Wohnungen und Verschlägen, auf Dächern und in der Kanalisation, hat eine Punkfrisur und benutzt gern eine Art Kriegsbemalung. Wie sein triviales Vorbild bei Burroughs verzichtet er, insbesondere infolge seines Kindheitstraumas, auf verbale Kommunikation und bezieht sein kompaktes Weltbild von seiner Ziehmutter Leah: Cops sind Blauröcke und Mediziner sind Weißröcke und keiner von beiden Spezies darf man trauen, denn sie arbeiten für „die da oben“. Mit der Ankunft Janes, deren Rollenname natürlich nicht zufällig gewählt ist, beginnt für Wild Thing die langsame Hinführung zu seinem sozialen Umfeld – Verständnis, Vertrauen, auch Zärtlichkeit und Sex, kurz, die Menschwerdung. Dass diese nicht ohne Tücken ist, zumal noch jene alte, schwelende Rechnung beglichen werden muss und die Sensationsmedien sich auf ihn stürzen wie auf ein neues Weltwunder, auch das gehört zur Chose. So wie Wild Thing in sein Viertel, das die Nächte unter seiner Obhut deutlich entspannter begehen kann.

8/10

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