MY FAIR LADY

„The rain in Spain stays mainly in the plain.“

My Fair Lady ~ USA 1964
Directed By: George Cukor

Im edwardianischen London: Eines Abends nach einem Theaterbesuch begegnet der Phonetik-Professor und eingefleischte Junggeselle Higgins (Rex Harrison) auf der Straße dem aus der Unterschicht stammenden Blumenmädchen Eliza Doolittle (Audrey Hepburn), deren schwerer, vor ungebildeter Grammatik strotzender Cockney-Akzent den Sprachforscher sogleich aus dem Häuschen bringt. Eliza wähnt derweil die große Chance, durch Sprach- und Benimmunterricht beim Professor die Möglichkeit zu erhalten, als Verkäuferin in einem ordentlichen Geschäft arbeiten zu können und wird am nächsten Morgen bei Higgins vorstellig. Dieser und sein alter Freund und Indienveteran Colonel Pickering (Wilfrid Hyde-White) sind sogleich Feuer und Flamme für das Angebot – natürlich aus rein wissenschaftlichem Interesse. Im Laufe der folgenden Wochen, die Eliza im Hause des Professors verbringt, gelingt es schließlich nach hartem Kampf, Eliza in eine sprachgewandte Dame zu verwandeln, wenngleich ein erster „Test“ beim Pferderennen von Ascot in ein kleines Debakel mündet.Dieser Rückschlag gleicht sich jedoch bald wieder aus, als Eliza sich bei einem Botschaftsempfang endgültig „formvollendet“ präsentiert. Dass sie sich unterdessen längst in ihren Mentor verliebt hat, registriert dieser derweil überhaupt nicht und treibt sie schließlich aus dem Haus und beinahe in die Arme ihres jungen Verehrers Freddy Eynsford-Hill (Jeremy Brett). Doch im letzten Moment erkennt der Professor zähneknirschend: „I’ve grown accustomed to her face.“

„My Fair Lady“, eines der letzten echten großen Filmmusicals, vermittelt einen rundum idealen Eindruck von der illusorischen Kraft, die Hollywood einst zu perfektionieren verstand. Nicht nur ein wunderschönes, bezauberndes Stück Kino, sondern zugleich ein meisterhaftes Kunstwerk, zeigt Cukors Spätwerk das vollendete Zusammenspiel kreativer Kräfte und Höchstleistungen. Dabei fand sich der Entstehungsprozess des Films wie so oft von Vorbemundungen, Enttäuschungen und Risiken begleitet, die primär auf die Entscheidungsbefugnisse des alternden Studiomogul Jack L. Warner zurückgingen, sich am Ende jedoch als der Gesamtheit des Objekts förderlich erwiesen. Die etwa acht Jahre ältere Broadway-Fassung wies Harrison und Julie Andrews in den Hauptrollen auf. Letztere überging man zugunsten der damals als passender erachteten Hepburn, ebenso, wie Harrison (der mit Hepburn zunächst überhaupt nicht einverstanden gewesen war, dies später allerdings revidierte) ursprünglich unter anderem durch Cary Grant abgelöst werden sollte, der Warner der Legende nach eine kräftige Absage zugunsten Harrisons erteilte. Ähnliches galt für James Cagney, der Elizas versoffenen Vater Alfred P. Doolittle von Bühnenakteuer Stanley Holloway übernehmen sollte, kurzfristig jedoch ebenfalls absagte. Später mussten Audrey Hepburn und Jeremy Brett frustriert zur Kenntnis nehmen, dass ihre Gesangsparts, wiederum auf Warners Initiierung hin, von professionellen SängerInnen übernommen wurden, Hepburns Einsätze von der kürzlich verstorbenen Marni Nixon, die für etliche Aktricen die Singstimme stellte. Bei der späteren Oscar-Verleihung, die komplett im Zeichen von Cukors Meisterwerk stand, wurde Audrey Hepburn als einzige der wesentlichen Beteiligten übergangen – ausgerechnet zugunsten Julie Andrews‘, die den Goldjungen für ihre „Mary Poppins“ gewann.
Auch was die Geschichte selbst anbelangt, so mag man mancherlei kritische Perspektive walten lassen. Die werkhistorische Ahnreihe reicht ja zurück bis zu Ovid und jenen Bildhauer „Pygmalion“, der sich in seine eigene Skulptur verliebt und darüber direkt zu George Bernard Shaws gleichnamigem Stück von vor rund hundert Jahren, das die wesentlichen Grundzüge von „My Fair Lady“ vorgibt, jedoch ungewiss und für Professor Higgins gewissermaßen auch unglücklich schließt. Darin nämlich ist der misanthropisch veranlagte Phonetiker tatsächlich bloß in den Erfolg seiner Formungsversuche verliebt und unfähig, in Elizas Wesen das eines empfindsamen, menschlichen Individuums zu erkennen, woraufhin sie ihn tatsächlich verlässt. Ein solch bedrückendes Ende ziemt einem ansonsten heiteren Musical natürlich nicht recht. Zwar lässt auch der Higgins der musikalischen Adaption sich (zumindest im Rahmen des Finales) nicht vollends verbiegen zugunsten des Eingeständnisses wahrer Gefühle (nachdem Eliza zu ihm zurückgekehrt ist und sein Leben damit quasi gerettet, würdigt er sie keines Blickes und fragt bloß lächelnd und durch einen kleinen Fluch signalisierend, dass sie es doch in sein Herz geschafft hat: „Where the devil are my slippers?“) – dass sie jedoch existieren, dass er Eliza liebt und braucht, daran besteht spätestens nach Verklingen des letzten Songs kein Zweifel mehr. Andererseits bleibt auch Elizas Rolle teils geflissentlich nebulös. Als ungebildete, junge Frau aus der Gosse wird sie zum sich ausliefernden Studienobjekt und unter allerlei emotionalen Repressalien bildnerisch behauen und geformt. Dass sie sich dennoch in ihren „Meister“, der aus seiner Gefühlsarmut und Arroganz keinen Hehl macht und sie selbst im Zwiegespräch noch harsch herabsetzt, verliebt und am Ende, als sie eigentlich die Kraft hätte, sich von ihm loszueisen, bei ihm bleibt, lässt fraglos etwas von masochistisch gefärbter Hörigkeit und demzufolge von maskulinen Omnipotenzphantasien durchschimmern. Möglicherweise hat sie aber doch einfach bloß den Widerspenstigen gezähmt und wird ihn im Zuge einer gemeinsamen, glücklichen Zukunft Higgins gegenzüglich etwas behavioristische Schule angedeihen lassen und einen passablen Menschen machen. Zumindest dem unschlagbaren Romantiker in mir gefällt diese Alternative deutlich besser und macht „My Fair Lady“, dieses blütengesäumte, einzigartige Blendwerk, zumal in der komplettrestaurierten, runderneuerten Fassung für mich endgültig unantastbar.

10/10

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