LE VIEUX FUSIL

Zitat entfällt.

Le Vieux Fusil (Abschied in der Nacht) ~ F/BRD 1975
Directed By: Robert Enrico

Montauban, 1944: Der Chirurg Julien Dandieu (Philippe Noiret) bemüht sich nach Kräften, den Krieg vor seiner Haustür zu belassen, doch die unweit benachbarte Besatzungszone, die immer näher rückende SS und auch die permanente Bedrohung durch die Angriffe Vichy-freundlicher Milizen bereiten ihm zunehmend Sorge. Daher entschließt er sich, seine Frau Clara (Romy Schneider) und seine Tochter Florence (Catherine Delaporte) auf ein altes Familienkastell in der Provinz zu schicken, wo er sie vorübergehend in Sicherheit glaubt. Doch schon bei seinem ersten Besuch findet er die beiden geliebten Wesen gewaltsam ermordet und die verantwortliche SS-Division noch immer vor Ort befindlich vor. Beinahe reglos lädt Julien die alte Jagdbüchse seines Vaters und entfesselt mithilfe seiner guten Ortskenntnis einen unerbittlichen Rachefeldzug gegen die Nazis, die sich von einer ganzen Gruppe Partisanen unter Beschuss genommen wähnen.

Eine kleine Geschichte aus dem großen Krieg – und doch so mitreißend wie bedeutsam. Im Prinzip ist der historische Hintergrund relativ austauschbar, dass sich dieses harte Rachedrama jedoch vor dem Hintergrund der Okkupation Frankreichs ereignet, verhilft „Le Vieux Fusil“ zu einer deutlich ernsthafteren, vielleicht auch seriöseren Konnotation, als hätte es sich etwa um ein kaum minder naheliegendes, in der Gegenwart angesiedeltes Terrorstück gehandelt. Dem entgegen steht auch das Engagement von Noiret und der Schneider, mit denen man in einer „genreaffineren“ Produktionen kaum das Vergnügen erhalten hätte. Dennoch möchte ich meinen, dass sich Enrico recht stark von Peckinpahs „Straw Dogs“ hat inspirieren lassen. Manches spricht dafür: Hier wie dort suchen Provokation und Gewalt ein abgelegenes, rurales Fleckchen Erde heim; hier wie dort wird ein Akademiker, ein Mann der Bildung und Pazifist, zuvor existenzbejahend und jeder Form von Gewalt moralisch abschwörend, durch äußere Einflüsse zu einem brutalen Berserker. Wobei Noirets Wandlung vielleicht sogar noch etwas bestürzender daherkommt – wer den Darsteller und sein gutmütiges, freundliches Antlitz kennt, der kann sich bereits vorstellen, wie wenig die Rolle des blutrünstigen Rächers ihm auf den ersten Blick zukommt. Und gerade deshalb fällt seine figurale Entwicklung so packend und glaubwürdig aus – hier wird einem bislang vollkommen integren Menschen (in eingestreuten Rückblenden lernen wir ihn und die schmiedeeiserne Beziehung zu seiner Clara besser kenn)  mit einem Ruck der Boden seines Lebens unter den Füßen weggezogen, worauf ihn der berstende Schock in einen steinernen Krieger einen Partisan wider Willen verwandelt.
Zwei sich in existenzialistischer Symbiose ergänzende Szenen, die Karastrophe und Katharsis geradezu perfekt subsummieren, wird man nach „Le Vieux Fusil“ (den adäquat übersetzten Titel „Das alte Gewehr“ erhielt der Film in der DDR) nie mehr vergessen: die tote Clara, die, von einem Flammenwerfer zu Asche verbrannt, einer obszönen Skulptur gleich an einer Burgmauer kauert und den am Ende vor einem venezianischen Spiegel stehenden SS-Offizier (Joachim Hansen), der, im Begriff, sich mit einer Pistole selbst zu richten, plötzlich bemerkt, dass das Spiegelglas schmilzt – dahinter befindet sich Julien mit dem aktivierten Flammenwerfer, beinahe reglos die Vollendung seiner Rache einfordernd.

9/10

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