DIRTY DANCING

„Go back to your playpen, Baby.“

Dirty Dancing ~ USA 1987
Directed By: Emile Ardolino

Im Sommer 1963 macht die vierköpfige Familie Houseman Urlaub im Wellness-Resort Kellerman, das einem alten Freund (Jack Weston) des Vaters (Jerry Orbach) gehört. Die jüngere Tochter Frances (Jennifer Grey), genannt „Baby“, hat eine grundgütige, aber etwas naive Weltsicht: Sie will der Friedensbewegung beitreten, etwas für hungernde Kinder tun und so fort. Ihre Backfisch-Hormone in übergebührliche Wallung bringt derweil der Tanzlehrer und Gigolo Johnny Castle (Patrick Swayze), ein schmucker, junger Mann, der gern körperbetonte Tänze tanzt und koitiert und sonst eigentlich wenig bis gar nichts kann. Als Johnnys Ex-Freundin Penny (Cynthia Rhodes) von dem schmierigen Kellner Robbie (Max Cantor) schwanger wird, springt Baby für sie in die Bresche und belatschert ihren Vater, ohne ihn ins Bild zu setzen, das nötige Geld für eine Abtreibung zur Verfügung zu stellen. Als selbige obendrein schiefläuft, muss der Mediziner Dr. Houseman auch noch unentgeltlich die Nachbehandlung übernehmen. Während seines sauer verdienten Urlaubs! Klar, dass er auf Baby sauer ist, umso mehr, als er von ihrem mittlerweile laufenden Techtelmechtel mit dem flotten Johnny erfährt. Doch dieser tanzt, und da können sich alle ruhig anschnallen, immer den letzten Tanz der Saison!

„Dirty Dancing“ ist wohl das im Nachhinein beschämendste Kulturphänomen der achtziger Jahre. Sollte feindlich gesinnten Aliens jemals eine Kopie dieses Films als repräsentatives Exempel für irdische Zerstreuung in die Hände fallen, würden sie uns ohne zu zögern angreifen. Und zu Recht – wie gottverdammt dämlich, müssten die grünen Männchen sich denken, sind die da unten eigentlich?
In Dinslaken haben wir seit Jahrzehnten nurmehr ein kleines Kino mit drei Leinwänden, die Lichtburg, nicht zu verwechseln mit ihrer großen Essener Schwester. „Dirty Dancing“ lief pünktlich im Oktober 1987 bei uns an und alle Leserinnen und Leser der „BRAVO“ und ihrer diversen Konkurrenzblättchen kreuzte stante pede vor dem Kino auf, um jenen viel beworbenen Film zu sehen, der, das stellte sich dann ganz flugs heraus, im Hinblick auf Inhalt und Narration ziemlich exakt einer Doppelseite der beliebten Rubrik „Mein erstes Mal“ entsprach. Umso dankbarer die An- und Abnahme seitens uns Kids, die wir, zwischen elf und vierzehn, uns im Folgenden nach „Dirty Dancing“ verzehrten. Der Film brachte es in der Lichtburg auf einen bis heute ungeschlagenen Aufführungsrekord von weit über einem Jahr und ich möchte behaupten, dass der Anteil damals pubertierender Dinslakener, die „Dirty Dancing“ nicht mindestens einmal auf der Leinwand gesehen haben, unter fünf Prozent liegen dürfte. Natürlich war das ein bundesweites Phänomen, knapp neun Millionen Eintrittskarten wurden für Ardolinos kleines period piece gelöst, davon mutmaßlich acht Millionen von Unter-16-jährigen und von jenen in den meisten Fällen mehrfach. Ich selbst komme auf zwei oder drei Kinobesuche, das kann ich nicht mehr genau eruieren. Jedenfalls waren bei jedem Mal Mädchen dabei, natürlich. Im Grunde war das für viele von uns Jungs ja auch der Hauptgrund, mehrfach „reinzugehen“. Die beiden Soundtracks waren als LP oder MC überall dabei; keine Klassenparty, die ohne eine der begleitenden Singles auskam. Dass die Songkompilation auch grandiose Soulperlen enthielt, darunter von Otis Redding, den Shirelles, Drifters oder Solomon Burke oder dass der Film gar, genau wie Scorseses „Mean Streets“ zu „Be My Baby“ von den Ronettes beginnt, was unter Umständen als kleine Hommage durchgehen könnte, das war uns kleinen Säuen damals weder bewusst noch hätte es uns auch nur im Mindesten interessiert. Nein, Bill Medley & Jennifer Warnes, Eric Carmen, und natürlich Swayze selbst hatten die „interessanteren“ Songs zu verbuchen – modernen, uramerikanischen, weißen Popmüll von anno 87 in einem 1963 spielenden Film; ein glatter, dazu noch hochnotpeinlicher Kulturbolschewismus. Doch ist dies nur eine der vordringlichsten unter den vielen, lächerlichen Fehlleistungen, die diese spatzenhirnige, tatsächlich schäbige Mär sonst noch bei dreistestem Selbstbewusstsein auftischt. Von bleibendem Wert ist mit Ausnahme besagter klassischer Musikstücke an „Dirty Dancing“ bei Licht besehen rein gar nichts, diesem Film, der etwa gelebten Feminismus mit der jungfräulichen Mission parallelisiert, den ersten Sexpartner frei wählen zu dürfen (solang der’s nur hinreichend patent „bringt“) und der scheinheilig das Establishment veralbert, nur um es am Ende umso lauter abzufeiern; es sei denn als Negativbeispiel voller „Dont’s“ in einem unterhaltsamen Filmschulseminar oder als Exempel für eine wissenschaftliche Abhandlung, wie haltloser, künstlerischer Dünnpfiff in einem verlängerten Zeitraum zu einem unkalkulierten Massenerfolg avancieren kann.
Und doch und noch immer lieben die Leute ihn, manche abgöttisch. Warum aber, im Namen der Gestirne, setzte sich der Chronist dem Ding dann aus? Abermals? Nachdem ich mir hinreichend Mut angetrunken hatte, ritt es mich, allein im stillen Kämmerlein. Dass ich dann trotzdem nie recht wusste, was jetzt im Angesichte dieses oder jenes der ungefähr 235 Faux-pas des Films angebrachter wäre – hysterisches Gekicher oder raunendes Kopfschütteln – schwieg ich bloß betreten. Und lauscht am Ende der ultraextended version von „(I’ve Had) The Time Of My Life)“, die die ganze Menschheitsevolution kurzerhand auf einen Bums reduziert und dafür noch einen Oscar bekam.
Ein langer Bericht für ein solches Manifest des vergeistigten Elends. Und wohl der Beweis, dass auch mich „Dirty Dancing“, dieses Ekel von Film, seit knapp dreißig Jahren in der klauenbewährten Hinterhand hat – und vermutlich nie wieder ganz daraus entlassen wird.

3/10

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