IDI I SMOTRI

Zitat entfällt.

Idi I Smotri (Komm und sieh) ~ CCCP 1985
Directed By: Elem Klimov

Weißrussland 1943. SS, SD und einheimische Kollaborateure, die sogenannten „Einsatzgruppen“, überziehen das Land mit ethnischen Säuberungen. Lediglich einzelne, versprengte Partisanengruppen leisten ihnen verzweifelten Widerstand.
Nachdem er beim Spielen ein Gewehr gefunden hat, schließt sich der etwa fünfzehnjährige Florya Gaishun (Aleksey Kravchenko) einer Miliz an und zieht mit ihr in die Wälder. Nach einem Angriff durch deutsche Fallschirmspringer flüchtet sich der Junge gemeinsam mit der hübschen Glasha (Olga Mironova), der Geliebten des Partisanenchefs Kosach (Liubomiras Laucevicius), ins Dickicht. Der Weg zurück zu seinem Heimatdorf endet mit einem Schock. Die Deutschen haben etliche der Bewohner ermordet, darunter auch Floryas Familie.
Auf der Suche nach Nahrung kommt Florya gegen Abend in die Nähe des Dorfes Perekhody, das schon am nächsten Morgen von einem deutschen Bataillon heimgesucht wird. Unter gewaltigem Gejohle pferchen die Soldaten die angsterfüllten Menschen, vornehmlich Greise, Kinder und Jugendliche, in die Kirche und stecken sie in Brand. Florya überlebt das Massaker nur infolge eines grausigen Zufalls. Derangiert von seinen Eindrücken begegnet Florya zunächst einem entsetzlich zugerichteten, vergewaltigen Mädchen und dann Kosach und seinen Männern, die die Führungsspitze der Deutschen in ihrer Gewalt haben. Nach deren Exekution entdeckt Floria in einem naheliegenden Tümpel ein propagandistisches Hitler-Porträt, das er mit seinem wiedergefundenen und notdüftig reparierten Gewehr zerschießt.

„Idi I Smotri“, noch unter sowjetischer Ägide entstanden, hat sich mittlerweile ein berechtigtes internationales Renommee als einer der bedeutendsten Kriegsfilme überhaupt erarbeitet. Von den mit spektakulärem Glanz und Gloria inszenierten Materialschlachten dessen, was das filmische Massenverständnis üblicherweise mit dem Genre zu assoziieren pflegt, bleibt in den kargen Einstellungen Klimovs nichts übrig. In groben, ausgewaschenen Vollbildern fängt Klimov die unwirtliche Landschaft ein, fernab jedweder oberflächlichen Schönheit und fast ohne Totalen. Floryas Gesicht und wie es sich angesichts seiner Erlebnisse verändert hingegen wird per langer, schmerzerfüllter Close-ups zum Zentrum der Kadrage und zum visuellen Hauptmotiv. Aus dem fröhlichen Kind, das den unmittelbar vor der Haustür befindlichen Krieg wie viele Jungen seines Alters als Abenteuerspiel wähnt, wird im Laufe der nächsten paar Tage ein desillusionierter, verzweifelter Mann. Der Ekel und das Entsetzen über all das, wozu Menschen fähig sind, gräbt sich in seine Züge wie die Spuren eines Brandeisens. Von dem naiven Florya von vor einer Woche ist nichts mehr übrig.Mit Ausnahme der Tatsache, dass er sein nacktes irdisches Leben noch behalten hat, ist er an Geist und Seele so verstümmelt wie die verbrannten Körper der Ermordeten, die unter den Trümmern der kleinen Kirche von Perekhody vor sich hindampfen.
„Idi I Smotri“ ist voll von gnadenlosen, unvergesslichen Bildern und Eindrücken. Am nachhaltigsten empfand ich Floryas Konfrontation mit dem gerahmten Hitler-Bild, auf dem in kyrillischer Schrift ‚Hitler – Der Befreier‘ steht. Parallel zu jedem Schuss, den er wutentbrannt auf das Porträt des tatsächlich doch unerreichbaren Monsters aus dem Westen abgibt, lässt Klimov authentische Bilder und Filmaufnahmen von Hitlers militärischem und politischem Werdegang per rückwärtigem Zeitraffer laufen. Der verzweifelte Junge versucht, die auf diesen einen Mann zurückgehenden Grausamkeiten und Schrecken aus seinem Gedächtnis und dem der ganzen Welt zu tilgen, sie schlicht ungeschehen zu machen; ein verzweifelter Versuch der persönlichen und globalen Radikaltherapie, das letzte Aufbäumen des Restkindes in Florya. Am Ende, Florya hat die letzte Patrone noch im Lauf, erscheint ein (montiertes) Foto, das Hitler als Kleinkind im Arm seiner Mutter zeigt. Da ist sie, geschält und gepellt, die buchstäbliche „Banalität des Bösen“. Selbst der inkarnierte Satan hat den Beginn seines Lebens dereinst in reiner Unschuld beschritten, so schwer zu akzeptieren dies fällt. Zeigt der Film schon in der Szene zuvor den gefangen genommenen SD-Beamten als kriechenden Feigling, der nach seinen Gräueltaten die eigene Haut herauszureden versucht mit der erbärmlichen Ausflucht, er persönlich habe nie auch nur einer Fliege etwas zu leide getan (derweil sein SS-Pendant unbeirrt zu seinem antisemitischen Fanatismus steht), entdiabolisiert (und, noch wichtiger: entmystifiziert) er mit der Reduktion Hitlers auf sein noch gänzlich unschuldiges, kindliches Selbst den Massenschlächter. Am Ende bleibt die Welt wie sie ist, respektive wie sie war nebst all ihrer bodenlosen Unfairness. Klimov überlässt seinem Publikum, was es daraus macht.

10/10

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