BADLANDS

„Kit was ten years older than me and came from the wrong side of the tracks so called.“

Badlands ~ USA 1973
Directed By: Terrence Malick

South Dakota, 1959. Die junge Holly Sargis (Sissy Spacek) lebt mit ihrem verwitweten Vater (Warren Oates), einem Maler von Werbeplakatwänden, in der Kleinstadt Fort Dupree. Per Zufall begegnet sie dem etwas älteren, hübschen Kit Carruthers (Martin Sheen), der als Müllmann arbeitet. Hollys Vater akzeptiert Kits Werben um seine Tochter nicht. Als Kit schließlich mit dem Mädchen durchbrennen will und sich ihnen der Alte in den Weg stellt, knallt Kit ihn beinahe reglos ab und zündet das Haus an. Gemeinsam fliehen sie zunächst in den Wald und richten sich dort mit dem Notwendigsten häuslich ein. Eine ihnen auf der Spur befindliche Gruppe von Kopfgeldjägern erschießt Kit, als es für ihn brenzlig wird. Er bricht zusammen mit Holly in Richtung der Badlands in Montana auf, kein wirkliches Ziel vor Augen. Kit genießt die mediale Berichterstattung über ihn und fühlt sich als Rebell. Als Holly ihn kurz vor dem Ziel verlässt und sich den Behörden stellt, wird auch Kit des dauernden Flüchtens müde. Er inszeniert seine eigene Verhaftung durch zwei Provinzpolizisten als einer letzte, kurzen Verfolgungsjagd. Die Todesstrafe wegen mehrfachen Mordes erwartet ihn, ohne, dass ihm das recht klar zu sein scheint.

Terrence Malicks Regiedebüt weist den merkwürdigen kreativen Weg dieses höchst eigenwilligen Filmemachers, einem der wenigen außerhalb des kommerziellen Scheinwerferfokus, die New Hollywood überlebt haben. Bereits hier setzt er auf einen poetischen Voiceover, gesprochen von einer zurückblickenden Holly Sargis, die aus der Zukunft selbst nicht mehr recht begreift, worin die einstige Verbundenheit zu dem aus dem Ruder geratenden Massenmörder Kit Carruthers eigentlich bestand. Ihr junges Selbst, ein fünfzehnjähriges Mädchen in der Pubertät, die aufrichtige Liebe mit all ihren Wechselwirkungen und Zugehörigkeiten noch gar nicht recht einzuschätzen vermag, folgt Kit, weil ihr letzten Endes wenige Alternativen bleiben. Der hassenswerte, autoritäre Vater (als Strafe für Hollys Romanze mit Kit tötet er ihren Hund) ist infolge Kits radikaler Intervention fort, sie damit verwaist, einsam und orientierungslos. Die folgenden Wochen gleichen einem in groteske Länge gezogenen, romantischen Kinderspiel. Kit erweist sich mehr und mehr als ungebildeter, fast infantlier Delinquent und Soziopath, der nur für den nächsten Tag lebt, während Hollys Perspektive vielschichtiger wird und die Ausweglosigkeit seines Tuns begreift. Irgendwann ist die Liebe, oder das, für das Holly sie gehalten hat, einfach weg und ihr Charakter reif für dringend notwendige Veränderungen.
Malick interessiert sich schon in seinem Erstlingswerk nicht für oberflächliche Spannungsdramaturgie. Natur und Umwelt fungieren in „Badlands“ in all ihrer erhabenen Allgegenwärtigkeit als stumme Zeugen, hier: einer zerstörerischen Fahrt ins Nichts, die gleich von Beginn an ohne jedwede Zukunftsperspektive angetreten wird und demzufolge in einer Sackgasse enden muss. Ihr reales Vorbild hat diese Geschichte in einem wesentlich brutaleren und kaum mit märchenhafter Transzendenz zu assoziierenden Kriminalfall, nämlich dem um Charlie Starkweather und seine Freundin Caril Ann Fugate, die im Winter 1957/58 eine elf Todesopfer fordernde Blutspur durch Nebraska zogen. Malick weicht bewusst davon ab, die Figur des Kit Harrington allzu analog zu Starkweather anzulegen. Aus dem bestialisch zu Werke gehenden Serienkiller, zu dessen Opfern auch Caril Anns zweijährige Halbschwester gehörte und der nebenbei noch genüsslich mehrere Hunde strangulierte wird hier ein nicht unromantischer Delinquent, der weder ein aufbrausendes noch sonstwie aus der Fassung geratendes Wesen besitzt und dessen Opfer (im Film sind es sieben) eher das Pech haben, seinen unbestimmten Weg zu kreuzen, respektive diesen zu verstellen oder zu gefährden. Holly bleibt derweil stets teilnahmslos oder erweckt zumindest diesen Eindruck. „Badlands“ vermeidet es, Hass- oder Angstgefühle hinsichtlich dieser Figur zu evozieren, wie sie eine authentischere, explizitere Darstellung Starkweathers und seiner Taten zwangsläufig hervorgerufen hätte, und zieht stattdessen den weitaus komplexeren Weg vor, dem vorsorglich auf emotionaler Distanz gehaltenen Zuschauer das Urteil über das Verhalten und den kurzen, zerstörerischen Werdegang der Protagonisten zu überlassen. So ist „Badlands“ angesichts seiner formalästhetischen Eigenständigkeit und trotz seines finsteren Sujets tatsächlich das, was man landläufig als einen „schönen Film“ bezeichnet. Malick hat daraus seine ganz private Kunstform gemacht.

9/10

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