ANGST ESSEN SEELE AUF

„Schwanz kaputt.“

Angst essen Seele auf ~ BRD 1974
Directed By: Rainer Werner Fassbinder

Die ältere Putzfrau Emmi Kurowski (Brigitte Mira) lernt durch Zufall in einer Kneipe einen marokkanischen Gastarbeiter (El Hedi ben Salem) kennen, den sie wie alle anderen wegen seines komplizierten, langen Namens kurz „Ali“ ruft. Obgleich Ali wesentlich jünger ist, entsteht aus der promten Zuneigung zueinander rasch eine aufrichtige Liebesbeziehung, die sich jedoch bald an immer größer werdenden äußeren und inneren Schwierigkeiten reibt.

Fassbinders Meisterwerk orientiert sich bekanntermaßen so sehr wie kein anderer seiner Filme am Werk des von ihm verehrten Migrantenregisseurs Douglas Sirk, respektive an dessen thematisch ähnlich gelagertem „All That Heaven Allows“. An bundesdeutsche und vor allem zeitgebundene Verhältnisse angepasst, bleibt der Kern derselbe: Liebe gegen alle Widerstände, vom Zerbrechen bedroht. In „All That Heaven Allows“ ging es um eine betuchte Dame (Jane Wyman), die sich in einen jüngeren, von Rock Hudson gespielten Gärtner verliebt und dann mit familiärem Protest, Klatsch und gesellschaftlicher Ächtung zu kämpfen hat, derweil beide Partner die Sinnhaftigkeit und den Bestand ihrer Beziehung, die im Prinzip den einzigen fadenscheinigen Makel hat, „unkonventionell“ zu sein, in zunehmenden Zweifel ziehen. Bei Fassbinder ist es vor allem der spießige Bürgermief der frühen Siebziger, der Emmi und Ali unentwegt Steine in den Weg rollt. Sämtliche offensichtliche Vorurteile und Verdachtsmomente greifen; sie ist an einem potenten Stecher mit animalischer Manneskraft interessiert, er will sich bloß an ihr bereichern, heißt es. Sie wird für pervers bis irrsinnig erklärt, einen stinkenden, ungewaschenen Ausländer zu beherbergen und zu heiraten, der zudem nicht mal ordentliches Deutsch spricht. Irgendwann glauben die beiden dann, was man ihnen aufoktroyiert und drohen, daran zu zerbrechen. Ali fühlt sich seinem Kulturkreis und seinen Freunden entwöhnt, Emmi hält den naserümpfenden Druck kaum mehr aus. Zwar geht die Rechnung, die hochgeputschten Emotionen durch eine Zeit der Abwesenheit in Form eines Urlaubs niederkochen zu lassen, weitgehend auf, doch jetzt brechen die einmal geschlagen Narben des Pärchens auf, die sich in Alis Fall sogar buchstäblich physisch niederschlagen. Nachdem er Emmi mit der drallen Kneipieuse Barbara (Barbara Valentin) fremdgeht, sich von ihr Couscous kochen lässt (wozu Emmi sich standhaft weigert; sie könne das überhaupt nicht und es schmecke ihr ebensowenig) und, von sich selbst angeekelt, fast sein ganzes Geld verzockt, bricht er zusammen. Der behandelnde Arzt berichtet Emmi später, Alis Magengeschwür sei ein typisches „Gastarbeiterproblem“. Die entfremdeten Menschen kämen mit dem sozialen und beruflichen Druck hierzulande nicht zurecht, der Stress äußere sich dann dergestalt. Ob sich Alis und Emmis Beziehung nach so vielen Eruptionen noch einmal retten lässt, bleibt offen. Zu wünschen wäre es beiden.
Auch Fassbinders klare, scheinbar einfache Bildsprache und seine gezielte Farbdramaturgie erinnern stark an Sirk, wenngleich er auf dessen geliebtes und vielgenutztes Scope verzichtet. Etwas befremdlich wirkt bei jeder Betrachtung des Films zunächst die Nachsynchronisation von Fassbinders damaligem Lebensgefährten El Hedi ben Salem, der im Film von Wolfgang Hess gesprochen wird und klischeehaftes Ausländerdeutsch spricht, von sich selbst in der dritten Person sprechend, Verben wenn überhaupt in der Grundform verwendend etc.. Doch wird auch dies zu einem Stilmittel: Schlagartig stellt man an sich selbst fest, welche Ausprägung mustergültige Vorurteile haben können, wenn man ihnen bloß aufsitzt. Dass die irrationale Xenophobie aus „Angst essen Seele auf“ auch über vierzig Jahre später noch immer erschreckend aktuell ist, hätte Fassbinder seinerzeit wohl selbst nicht albzuträumen gewagt. So bleibt er eine großes, hochnotpeinliches Lehrstück für alle, die ihre Menschlichkeit aus dem Blick zu verlieren drohen oder bereits verloren haben.

10/10

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s