NO IL CASO È FELICEMENTE RISOLTO

Zitat entfällt.

No Il Caso È Felicemente Risolto (Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen) ~ I 1973
Directed By: Vittorio Salerno

Während eines Angelausflugs vor Rom erlebt der kleine angestellte und Familienvater Fabio Santamaria (Enzo Ceruscio) zu seinem Entsetzen einen gräulichen Mord mit: Ein älterer Mann verfolgt eine halb entkleidete, um Hilfe schreiende Frau durch das Schilf. Mit einer Eisenstange schlägt er immer wieder auf sie ein, bis sie schließlich tot zusammenbricht. Verstört entflieht Fabio, den der Mörder zuvor noch entdeckt, der Szenerie mit seinem Wagen, irrt durch die Provinz, und findet angesichts seiner ungeordneten Gedanken nicht den Weg zu einem Polizeirevier. Stattdessen dreht der Verbrecher, ein Eliteschullehrer namens Eduardo Ranieri (Riccardo Cucciolla), den Spieß um und hängt den – wie sich herausstellt – Prostituiertenmord dem ihm unbekannten Fabio an. Als dieser erkennt, in welcher Situation er sich nunmehr befindet, treibt ihn die Angst vor Entdeckung in typische Täter-Verhaltensschemata, die ihn sukzessive immer verdächtiger werden lassen, obschon er doch eigentlich unschuldig ist.

„Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich“, heißt es in Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“. Ebenso geht es Professor Ranieri, der die Fortsetzung jenes Aphorismus‘, „endlich gibt das Gedächtnis nach“, jedoch nur unzureichend bedient. Er stellt sich seiner Schuld, wie es nur ein feiger Intellektueller vermag, der es vorzieht, seine Überhand nehmenden Abgründe soweit zu abstrahieren, dass er die gesetzliche kurzerhand durch eine persönliche Gewissensstrafe substituiert. In dem Katz-und-Maus-Spiel, das Ranieri ganz bewusst initiiert, als er den einzigen Zeugen seiner Tat identifiziert hat und um dessen Passivität weiß, ist Sanatamaria von Anfang an hoffnungslos unterlegen. Zwar gelingt es auch ihm, Ranieri durch diverse Zufälle auf die Spur zu kommen und ihn zu stellen, doch er ist der durchtriebenen Cleverness des sinistren Gegners zu keiner Sekunde gewachsen. Stattdessen geht Ranieris sorgfältiger Plan auf: Nach dem Gespräch mit seinem Pfarrer (Umberto Raho), der ihm eindringlich ins Gewissen redet, ist Fabio endlich bereit, zur Polizei zu gehen und die Wahrheit vorzubringen. Doch diese hat zu jenem Zeitpunkt längst den Platz mit der Lüge getauscht; Ranieris Version gilt als hieb- und stichfest, Fabios vorherige Bemühungen, sich „unsichtbar“ zu machen werden ihm folgerichtig als Vertuschungsversuche ausgelegt. Und ausgerechnet der kluge Redakteur Giannoli (Enrico Maria Salerno), der einzige Mensch, der tatsächlich Ranieri für den Täter hält, vermittelt Fabio durch die Veröffentlichung eines einfältigen Artikels zusätzlich ein falsches Sicherheitsgefühl. Am Ende wird Fabio unschuldig zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, sämtliche Indizien sprechen gegen ihn. Der einzige Hoffnungsschimmer besteht darin, dass Ranieri in dem Journalisten Giannoli einen Intimfeind hat, der ihn von nun an nicht mehr aus den Augen lassen wird – und eines Tages vielleicht einen Unschuldserweis zugunsten Fabios beibringen kann. Doch diese Hoffnung überlässt Salerno dem Publikum.
„No Il Caso È Felicemente Risolto“ ist ein bedeutsamer, vielschichtiger Kriminalfilm innerhalb des italienischen Kinos. Ohne über größere Stars verfügen zu können und insbesondere für ein Regiedebüt ist er tadellos gefertigt, wenngleich hier und da geringfügige Kürzungen einzelner Abschnitte nicht geschadet hätten. Der Topos des unschuldig in eine Verbrechensaffäre verwickelten und selbst verdächtigten Kleinbürgers ist klassisches Hitchcock-Terrain, man denke besonders an „The Wrong Man“, in dem die Justiz ebenfalls auf nur einem Auge sieht und dadurch die Existenz zweier Ehepartner zertrümmert. Salerno geht allerdings noch einen Schritt weiter: Bei ihm wird die Krimigeschichte zu einem Abbild des Klassenkampfes und der politischen Situation seines Landes. Der kultivierte Bildungsbürger ist zwar ein triebgesteuertes Monster und moralisch einwandfrei schuldig; im Gegensatz zu seinem Opponenten verfügt er jedoch über genau jene aktivistische Triebfeder, die es den Mächtigen schon immer erlaubten, die Unteren zu knechten. Auch Fabio Santamaria macht sich nämlich schuldig. Schuldig der Passivität, der Faulheit, der Angst, der Gleichförmigkeit. Ein rechtzeitiges, korrektes Handeln hätte ihm möglicherweise den Hals gerettet. So ist Salernos Film unter seiner Oberfläche höchst politisch konnotiert und gleichermaßen ein stiller Aufruf an das Proletariat: Denke, erhebe dich, sei wachsam und lass dich nicht zur Marionette der Oberklasse machen!

8/10

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