THE HAND THAT ROCKS THE CRADLE

„Don’t fuck with me, retard. My version of the story will be better!“

The Hand That Rocks The Cradle (Die Hand an der Wiege) ~ USA 1992
Directed By: Curtis Hanson

Um sich ihrer heißgeliebten Gartenarbeit widmen zu können, engagiert die Ehfrau und Mutter Claire Bartel (Annabella Sciorra) für die Betreuung ihres Säuglings Joey die sympathisch auftretendee Peyton Flanders (Rebecca De Mornay) als Pflegemutter. Was die etwas unbedarfte Claire nicht ahnt, ist die Tatsache, dass das aparte Kindermädchen in Wahrheit die rachsüchtige Witwe des Gynäkologen Mott (John de Lancie) ist. Jener hatte Claire einst während einer Schwangerschaftsuntersuchung unflätig begrapscht – wie sich herausstellen sollte, kein Einzelfall, dessen Öffentlichmachung Mott dazu veranlasste, Suizid zu begehen. Dies wiederum führte dazu, dass seine schwangere Gattin ihr ungeborenes Kind verlor. Grund genug für eine knallharte Vendetta, die sich insbesondere gegen Claire richtet, plant Mrs. Mott doch nichts Geringeres, als Claires Platz einzunehmen.

Jetzt weiß ich wieder, warum ich „The Hand That Rocks The Cradle“ in derart mäßig guter Erinnerung und seit anno Plüsch darauf verzichtet hatte, ihn mir nochmal anzusehen: Curtis Hansons Film ist schlichtweg unangenehm. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal wäre der komplette Aufzug als kreuzunsympathisch zu bezeichnen. Die zentrierte Familie Bartel, bestehend aus einem grenzdepressiven und halbgebildeten, leider schwer asthmatischen Hausmütterlein, einem braven Milchbrötchen-Papi (Matt McCoy) und einem zuckersüßen, klebrigen Marshmallow-Töchterchen  (Madeline Zima), repräsentiert ziemlich exakt die prototypische WASP-Sippschaft; Menschen also, die es sich unbewusst zur Lebensaufgabe gemacht haben, normiert, unauffällig und uninteressant zu sein. Dann gibt es einen von Ernie Hudson geistig behinderten (!), dunkelhäutigen (!!) Gärtner (!!!) namens Solomon (!!!!), dessen Figur in all ihrer unschön-platt präsentierten Andersartigkeit (wie die Protagonistin Claire erst ganz gegen Ende ihre Verdachtsmomente ablegt, um damit ihre bei Licht besehen ohnehin völlig irrationalen, xenophoben Ressentiments abzubauen, das ist lediglich ein Alibi für das – ich muss das entsprechende Adjektiv nochmals gebrauchen – ganze unangenehme Wesen dieses Films) „The Hand That Rocks The Cradle“ irreparabal beschädigt . Tatsächlich scheint mir das eigentliche psychische Duell weniger zwischen den beiden Mutterfiguren denn zwischen der mehr und mehr zur Hexe avancierenden Peyton und dem armen Solomon stattzufinden – die lädierte Psyche gegen den lädierten Geist, sozusagen. Dass die Scriptautorin Amanda Silver, ohnehin scheinbar eine eher im Mediokren verwurzelte Dame, ihre Figuren dabei samt und sonders nicht nur denunziert, sondern zudem noch diskreditiert, wird ihr selbst vermutlich gar nicht aufgefallen sein und Hanson, der nichts gegen ihre klischierte, brutale Stereotypisierung unternimmt, sondern sich lediglich um vordergründige Kriminaldramaturgie schert, ebensowenig.
Wie man das Sujet deutlich komplexer, reifer, intelligenter, involvierender und formvollendeter anzugehen vermag, zeigte William Friedkins „The Guardian“ bereits zwei Jahre zuvor. Verglichen mit diesem kreucht Hansons Film nurmehr zu Staube.

3/10

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GREEN ROOM

„Whatever happens – this won’t end well.“

Green Room ~ USA 2015
Directed By: Jeremy Saulnier

Die Band „The Ain’t Rights“ lebt noch ganz den Geist des Punk – Kommerzialisierung oder Anbiederung jedweder Art liegt dem Quartett (Anton Yelchin, Alia Shawkat, Joe Cole, Callum Turner) fern und man ist froh, wenn man mit dem Salär für einen Gig die nächste Tankfüllung bezahlt bekommt. Ein eher notdürftig arrangierter Auftritt führt die vier jungen Leute in die Provinz um Portland, wo sie in einem abgelegenen Club auftreten. Schnell werden sie gewahr, dass sie in einem waschechten Skin-Schuppen spielen und ihr Publikum zum Großteil aus Neonazis besteht. Mit einer bewusst provokativ angesetzten Coverversion des Dead-Kennedys-Klassikers „Nazi Punks Fuck Off“ machen sie sich zwar wenig Freunde, schaffen es aber dennoch, das Publikum halbwegs zu überzeugen. Die eigentliche Tragödie ergibt sich, als sie im Backstage-Bereich zufällig des Mordes an Renee Emily (Taylor Tunes) durch einen der Nazi-Skins (Mark Webber) ansichtig werden: Der eilends herbeigerufene Darcy (Patrick Stewart), Besitzer der Location und eine Art regionaler „grand wizard“ beschließt kurzerhand, dass die unliebsamen Zeugen um die Ecke gebracht gehören. Diesen gelingt es zunächst samt Emilys Freundin Amber (Imogen Poots), sich im Green Room zu verschanzen, doch die Situation wird immer auswegloser…

Nicht ganz so einnehmend wie Saulniers mir zudem etwas geschlossener in Erinnerung befindlicher „Blue Ruin“, aber dennoch recht ansehnlich. Der Titel verrät bereits, dass Saulnier sich diesmal vor allem für die Verdichtung und Dekonstruktion des Raumes interessiert, denn die einzige Chance der festgesetzten Punkrocker liegt darin, sich durch Kenntnis der Lokalität strategische Vorteile gegen die nazifizierte Übermacht zu verschaffen. Diese wirkt leider weniger bedrohlich als ich mir zuvor erhofft hatte: Einen ziemlich belämmerten Haufen kahlgeschorener Idioten kredenzt uns das Script, deren Mastermind ausgerechnet Captain Picard sein muss. Auch sonst wird mit Klischees nur wenig gegeizt. Seinen Rockschuppen etwa betreibt der alternde Provinznazi natürlich vor allem, um eine im Keller eingerichtete Drogenküche zu tarnen. Wär‘ man nie drauf gekommen. Immerhin gerät die Porträtierung der Musiker noch ganz passabel, wobei es zu tiefer gehenden Identifikationsoptionen kaum reicht, da das Script ziemlich rasch kurze Fuffzehn mit den jungen Leuten macht: Drei von ihnen erleben bald einen jeweils recht horrenden Exitus, während der stille Pat (Yelchin), von dem man zu Beginn noch denkt, er halte am Kürzesten durch und die mittlerweile mit ihm alliierte Amber sich den Weg freikämpfen können. Die Freiheit, das heißt in diesem Falle das angrenzende Waldstück, bedeutet dann zugleich auch endlich Überlegenheit gegenüber dem durch Heimspielvorteile begünstigten Gegner. Wie die Charakterpräsentation wirkt auch die Darstellung der Gewaltmomente betont unbeteiligt und beiläufig, was wiederum dafür sorgt, dass Empathie- und Spannungsmomente es schwer haben in diesem Film, der alles daran setzt, bloß nicht ordinär zu sein und dessen einzige größere Schwäche ironischerweise just darin liegt, dass er für einen als solchen kreditierbaren Thriller einfach nicht hinreichend packend daherkommt.

7/10