THE CANDIDATE

„What do we do now?“

The Candidate (Bill McKay – Der Kandidat) ~ USA 1972
Directed By: Michael Ritchie

Der liberale Öko-Aktivist Bill McKay (Robert Redford) lässt sich von seinem alten College-Kumpel Marvin Lucas (Peter Boyle) überreden, als demokratischer Kandidat für den kalifornischen Senat zu kandidieren. McKay habe sowieso von vornherein keine Chance gegen seinen republikanischen Konkurrenten, den alteingesessenen Politfuchs Crocker Jarmon (Don Porter), so Lucas‘ wenig animierende, aber bodenständig umrahmte Ankündigung. Zudem werde man McKays Vater, Ex-Gouverneur John J. McKay (Melvyn Douglas), auf keinen Fall für den kommenden Wahlkampf instrumentalisieren. Unter diesen Bedingungen lässt Bill McKay sich listen, muss jedoch bald feststellen, dass die zuvor zugesagten Ankündigungen angesichts seiner steigenden Popularität bei den Wählern keinen bleibenden Wert haben.

„The Candidate“ macht, von seiner sonstigen Cleverness abgesehen, einen – vielleicht entscheidenden – Fehler: Er besetzt die Titelrolle mit Robert Redford, dem die Figur des strauchelnden, überfahrenen Naivlings schlichtweg nicht zukommt. Der 72er-Redford war selbst ein Karrierist, auf dem allerbesten Wege zum Superstar, zum Frauenschwarm und zur Typisierung. Die Unerfahrenheit und Manipulierbarkeit des politischen Simplicissimus Bill McKay nimmt man ihm nie recht ab, besonders zum Ende hin nicht, als aus dem eher komischen Spiel des Wahlzirkus plötzlich der Ernst des Erfolges wird. Der Werdegang eines Bill McKay, der recht bald den Versuchungen der Prominenz erliegt [z.B. betrügt er seine Frau Nancy (Karen Carlson) mit allerlei Demokraten-Groupies] will nicht zu Redfords Unbescholtenheit passen.
Demgegenüber steht die in mehrerlei Hinsicht durchaus glänzende Satire des unfreiwillig korrumpierten, instrumentalisierten, politischen Strahlemanns. Bill McKays Karriere verselbstständigt sich bereits in dem Moment hoffnungslos, nachdem er sich als Kandidat für die Demokraten aufstellen lässt. Von jetzt ab lenkt er seine Geschicke nicht mehr selbst; Wahlkampfteam, Managment und Journalisten fungieren von nun als Stichwortgeber für jede noch so kleine Aktivität McKays; wo er wie aufzutreten hat wird ihm pausenlos diktiert; welche Aussagen und Entscheidungen er zu treffen, welche Argumente er zu liefern hat. Freiheit und Individualität werden zur Illusion im Dienste des politischen Erfolges und beinahe ohne dass McKay es recht merkt, werden sämtlich zuvor gemachten Garantien gebrochen. Doch da hat ihn der süße Geruch des Sieges bereits übermannt. Von dem früheren Bill McKay, einem sympathischen, grundehrlichen Zeitgenossen, der zumindest noch den Traum hatte, etwas zu bewegen, ist zu diesem Zeitpunkt nurmehr ein Zweifler geblieben, wenngleich ein erschreckend erfolgreicher. Vielleicht ist Redford angesichts dessen doch gar nocht so fehlbesetzt, denn gerade bei ihm wirkt eine solche Fallhöhe um so dramatischer.

8/10

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TRAPPED

„Up here, I am the law!“

Trapped ~ USA 1982
Directed By: William Fruet

In einem kleinen Appalachen-Dorf hat der Trapper und Schwarzbrenner Henry Chatwill (Henry Silva) uneingeschränkt das Sagen. Dass sein Mini-Regime längst despotische Züge angenommen hat und er sich selbst über eine eigene Rechtsprechung stellt, nehmen seine Nachbarn mehr oder weniger zähneknirschend hin. Als seine Frau (Gina Dick) ihn ausgerechnet mit einem lokalen Polizisten betrügt, begeht Chatwill mit der volltrunkenen Hilfe einiger der Dörfler wutentbrannt Lynchjustiz. Davon werden wiederum der auf einem Ausflug befindliche Student Roger (Nicholas Campbell) und seine Freunde Zeugen. Für Chatwill ist umgehend klar: Wenn er die jungen Leute laufen lässt, geht es ihm an den Kragen…

Überraschend amtlich geratener und straight erzählter Backwoods-Thriller mit einer schönen Hauptrolle für den kantigen Henry Silva, der mit allerlei diebischem Genuss das – natürlich sämtliche denkbaren Klischees durchlaufende – Hinterwäldlerarschloch gibt. Tatsächlich beherrscht er allein durch seine bedrohliche Präsenz den gesamten Film und Fruet, der Silva entsprechend inszeniert, weiß auch sehr wohl darum. Überhaupt gelingt es ihm, aus der im Prinzip auf ein eher unbehauenes Terrorszenario setzenden Storyprämisse einen durchweg packenden Ausflug in die filmisch bereits damals hinlänglich porträtierte amerikanische Para-Zivilisation der Hillbillys zu unternehmen. Dass man sich aus kleinen, stadtfernen Ansiedlungen, speziell solchen in den wilden Appalachen, als aufgeklärtes Gesellschaftsmitglied besser fernhält; diese Lektion erteilt „Trapped“ dennoch mit einiger frischer Vehemenz. Zusätzliche Spannung bezieht die Geschichte aus dem familiären Konflikt Chatwills – der Gute hat nämlich noch zwei Geschwister: eine durchaus bodenständige Schwester (Barbara Gordon), die den zunehmenden Kaiserwahn ihres Blutsverwandten mit wachsendem Argwohn beobachtet sowie einen Bruder (John Rutter), der als ortsamtierender Sheriff Henrys Machenschaften abseits der Legalität zuverlässig deckt. Dass aus dieser dysfunktionalen Familienkonstellation langfristig nichts Gutes erwachsen kann, wird recht schnell offensichtlich und damit auch die alsbald um sich greifende Explosivität der Situation.

7/10

PLEM, PLEM – DIE SCHULE BRENNT

„Ätzend!“

Plem, Plem – Die Schule brennt ~ BRD 1983
Directed By: Sigi Rothemund

Dieses Jungen-Gymnasium ist wirklich der letzte Heuler! Der Rektor (Jacques Herlin) ein bornierter Spießer, das Kollegium (Helga Feddersen, Harald Effenberg, Günther Meisner, Werner Röglin) durch die Bank verspleent, die Schülerschaft, allen voran die berüchtigte Oberprima, ein verdorbener Sauhaufen. Ein Trio spezieller Lehrkräfte (Helmut Krauss, Joachim Kerzel, Horst Pinnow), angesichts der bevorstehenden Inspektion durch den Schulrat (Gunther Philipp) eigens herbeibeordert, soll’s richten, doch schon auf der Anfahrt zur Lehranstalt begegnet man drei zufällig aus der benachbarten Irrenanstalt entflohenen Geisteskranken (Herbert Fux, Andreas Mannkopff, Eberhard Cohrs), die mit den Beamten kurzerhand die Plätze tauschen. Glücklicherweise ist mit dem duften Jürgen (Thomas Ohrner) just auch ein neuer Eleve am Start, der sich als wahrer Tausendsassa entpuppt.

Immer, wenn man denkt, grotesker geht’s nicht mehr, kommt eine angeweste deutsche Komödie daher. „Plem, Plem – Die Schule brennt“ gehört dabei wohl zum mental Gewagtesten, dessen man als furchtloser Forscher in Sachen einheimischer Psychotronik überhaupt ansichtig werden kann. Rothemund, der um diese Zeit als Filmschaffender in Kino und TV praktisch dauerpräsent war, arbeitete in diesem Falle ausnahmsweise einmal nicht für Karl Spiehs‘ Lisa-Film, sondern für die Berliner CCC, die natürlich nichts Anderes im Sinn hatte, als der dauerbrennenden bayrischen Disco-Komödie scharfe Konkurrenz zu machen. Trotz der fürderhin nahezu deckungsgleichen Schauspielprominenz und trotz eines adäquat windschiefen Dialogscripts von Rainer Brandt ging dieser Plan nicht auf. „Plem, Plem“ versagt sich nämlich weithin die üblichen Frechheiten der Konkurrenz und versucht mit einer Reanimation des Konzepts des sich längst totgelaufenen Pauker-Films das von vornherein Unmögliche. Die vermeintlich „zündende Idee“, einen Verwechslungsklamauk zu entfesseln, indem man drei Verrückte gegen drei Lehrer substituiert, ist ja eigentlich gar keine und verdient noch nichtmal jene Bezeichnung. Man nehme bloß das Entflohenentrio: Herbert Fux muss zwanghaft jedes Paar weiblicher Brüste kneten, dessen er gewahr wird; Andreas Mannkopff dreht durch, sobald er den „Ententanz“ hört und Eberhard Cohrs ist in Wahrheit ein Alien namens E.T., das unentwegt „nach Hause telefonieren“ will. Die NDW-Eintagsfliege Ixi führt die Besetzungsliste an und ist mit ihrem damaligen Schlager „Mach‘ mir doch kein‘ Knutschfleck“ sowie einem weiteren Stück Dauergast auf der Tonspur. Peter Kuiper, als Kredithai Shark in „Otto – Der Film“ kurz darauf zu erhöhtem Popularitätsgrad gelangt, spielt den sadistischen Hausmeister von Gymnasium und (!) Klapsmühle, der in Abwesenheit des Chefarztes Schock-Therapien durchführen soll; Günther Meisner kopiert Peter Sellers‘ „Dr. Seltsam“, Röglin und Feddersen liefern die üblichen komödiantischen Repräsentanzien als hässliche Altjungfer respektive erzschwule Supertucke. Das ist genau so handverlesen umgesetzt, wie es sich hier liest. Angesichts eines derartigen Ausbundes eklektischer Elemente ist Rothemunds Film tatsächlich, wenn überhaupt, nur schwer zu ertragen und will lediglich unter einem gehörigen Zoll an Blut, Schweiß, Tränen und Hirnschmalz durchlitten sein:
„Plem, Plem – Die Schule brennt“ – ich habe ihn überlebt!

4/10