PAHA MAA

Zitat entfällt.

Paha Maa (Frozen Land) ~ FI 2005
Directed By: Aku Louhimies

Die Schicksale unterschiedlichster Menschen aus Helsinki, denen lediglich gemein ist, dass sie samt und sonders auf die eine oder andere Weise mit Arbeitslosigkeit, Alkohol- oder Drogenmissbrauch und Kriminalität zu tun haben, verknüpfen sich unweigerlich miteinander und fast alle von ihnen verlaufen von dort an Spirale abwärts…

Ein bedrückendes, finsteres Ensemble-und Episodenstück, in dessen Verlauf Regisseur Louhimies und Autor Paavo Westerberg ihrem Publikum Einiges an bösen Lebensverläufen und -Wendungen zumuten. Menschen machen sich schuldig, stürzen in die Verzweiflung, werden depressiv und psychotisch, verlieren Familie oder Hab und Gut, drehen durch, sterben oder landen im Gefängnis und das alles vor der kargen Winterkulisse der finnischen Hauptstadt. Wenig Erbauliches hält „Paha Maa“ bereit und nur zweien seiner Protagonisten gelingt am Ende der Absprung in ein hoffnungsvolleres Dasein, natürlich nicht, ohne zuvor jeweils gewaltige Blessuren an Verstand und Seele erlitten zu haben. Nikos (Jasper Pääkönen) Vater (Pertti Sveholm) verliert seinen Job als Lehrer, wird Trinker und ekelt seinen Sohn aus dem Haus. Der wiederum flüchtet sich in Drogen, prostituiert sich un verrät seinen besten Freund Tuomas (Mikko Leppilampi), als er ihn beim scheiternden Überfall auf eine Sicherheitsfirma sitzen lässt. Tuomas‘ Freundin Elina (Amela Tola) ist derweil von ihm schwanger und glaubt den idealistischen Spinnereien ihres Freundes, der sich für das Ziel seiner Robin-Hood-Aktion ausgerechnt die Firma von Elinas Vater ausgesucht hat. Isto (Mikko Kouki) ist ein nichtsnutziger Tagelöhner, der wegen eines gefälschten 500-Euro-Scheins, den Niko zuvor in Umlauf gebracht hat, Ärger bekommt und durchdreht. Bei einer Sauftour begegnet er dem alternden Vertreter Teuvo (Sulevi Peltola), der, eigentlich trockener Alkoholiker, nach einem gemeinsamen Exzess Amok läuft. Und die Polizistin Hannele (Matleena Kuusniemi) stirbt, als sie versucht, den nach seinem Bruch fliehenden Tuomas festzunehmen, indem sie von einem Zug überrollt wird. Tuomas, der für diesen Unfall nichts kann, muss wegen Totschlags für fast neun Jahre hinter Gitter. Hanneles Mann Antti (Petteri Summanen) zerbricht am Tod seiner Frau und entwickelt immense Aggressionen und einen tödlichen Hass, was ihn die drei Kinder und seinen Job als Lehrer kostet.
Soweit in Kurzform die überdimensionale Kloschüssel, in deren überfülltes Innenleben „Paha Maa“ uns gleich mehrfach hineintunkt und jeweils stark besudelt um Luft schnappen lässt. Beeinflusst zu etwa egalen Teilen von einem gleichnamigen finnischen Volkslied, von Tolstois Kurzgeschichte „Der gefälschte Kupon“ und von Bressons „L’Argent“ gelingt Louhimies natürlich ein trotz aller Schwärze fesselnder Episodenfilm, der sich bei diversen ähnlich stukturierten Vorbildern von Altman bis Iñárritu bedient und seine dennoch okkurierende Originalität weniger seiner Gestaltung, sondern seiner stets evidenten, kompromisslosen Menschlichkeit verdankt, wird doch keine einzige der Figuren trotz ihrer mitunter fragwürdigen Entscheidungen je denunziert oder den Verlockungen der Antipathie feilgeboten. Das ist für sich genommen bereits eine Leistung. Wie es zudem einnimmt, dass ein Film wie dieser einmal nicht in Los Angeles spielt, sondern in Finnland, dort eben, wo winters tatsächlich weniger häufig die Sonne scheint.

8/10

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LA BATTAGLIA DI MARATONA

Zitat entfällt.

La Battaglia Di Maratona (Die Schlacht von Marathon) ~ I /F 1959
Directed By: Jacques Tourneur

490 v.u.Z.: Als sich die riesige persische Streitmacht unter König Darius (Daniele Vargas) anschickt, ganz Hellas einzunehmen, ist der opportunistische Teokrit (Sergio Fantoni) längst auf Seiten der Invasoren. Doch seine Intrigen nutzen ihm nichts gegen den aufrechten Olympioniken Phillipides (Steve Reeves), der es schafft, Spartaner und Athener im Kampf gegen die Perser zu vereinen, die Feinde an der Heeresspitze stehend zurückzudrängen und die schöne Andromeda (Mylène Demongeot) für sich zu gewinnen.

Dieses hübsche Peplum-Spektakel ist auf den ersten Blick vor allem deshalb interessant, weil es, zumindest nominell, von Jacques Tourneur (unter Pseudonym) unter mehr oder weniger tatkräftiger Mithilfe Mario Bavas inszeniert wurde. Zugegeben – von Bavas berühmten Farbexzessen ist hier nicht viel zu sehen, das diesbezügliche „Warum“ ist aber recht schnell aufgetan: Bava übernahm nämlich die Regie von Tourneur erst in den letzten Produktionstagen, weil dieser den im Auslaufen begriffenen Vertrag nicht zu verlängern wünschte. Ferner soll laut der Biographie Mylène Demongeots ohnehin weniger Tourneur denn sein Regieassistent Bruno Vaïlati zur Inszenierung des Films beigetragen haben. Viel Hin und Her, wie man’s von den Italienern gewohnt ist und an dessen Ausguss ein ganz ordentlicher Muskelmeier steht, wenngleich Steve Reeves im Vergleich zu bodybuildenden Kollegen wie Reg Park und Mark Forest ja immer etwas definierter daherkam. Er ist dann hier aber auch kein Halbgott oder sonstwie mythologischer Protz, sondern der Bote Philippides, der nach seinem 42-Kilometer-Lauf die Kunde vom Sieg der Athener über die Perser bei Marathon brachte, danach jedoch vor Erschöpfung starb – nach geschichtlicher Überlieferung war das vorhergehende Hilfsgesuch bei den Spartanern weniger von Erfolg gekrönt, diese mussten nämlich erst ein vom Orakel angesetztes Fest zu Ende zu feiern. So hat Tourneurs/Vaïlatis/Bavas Geklittere gewohnt wenig mit Historizität gemein, was aber auch vollkommen egal ist, denn solche ist an einer Adresse wie dieser ohnehin nicht bestellbar. Kurzweilig und heimelig ist „La Battaglia Di Maratona“ trotzdem allemal und für einen Peplum-Abend abseits phantastischer Elemente fraglos trefflich geeignet.

6/10

BRAINDEAD

„That’s my mother you’re pissing on.“

Braindead ~ NZ 1992
Directed By: Peter Jackson

Wellington in den fünfziger Jahren: Junggeselle Lionel Cosgrove (Timothy Balme) leidet unter der Knute seiner herrischen Mutter Vera (Elizabeth Moody), die ihn eifersüchtig an der kurzen Leine hält. Als Lionel die nette Krämerstochter Paquita (Diana Peñalver) kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Scheinbar heimlich trifft man sich zu einem Zoo-Besuch, den Vera aus der Entfernung verfolgt. Dabei wird sie von einem dort beherbergten Exemplar des sumatrischen „Rattenaffen“ attackiert, was Schreckliches verheißt. Denn wer von einer dieser Kreaturen gebissen wird, verwandelt sich binnen Stunden in einen menschenfressenden Zombie und jeden, den er (oder sie) beißt, gleich mit. Natürlich bleibt die bald verblichene Vera nicht in ihrem irdischen Grab, sondern beginnt flugs, böse unter Rockern und Klerikern zu holzen. Es kommt, wie es kommen muss und bald hat der arme Lionel einen ganze, erstaunlich funktionale Zombie-Familie (nebst Baby) am Hals, die er im Keller seines Hauses beherbergt. Dann ist da noch Veras gieriger Bruder, der schmierige Onkel Les (Ian Watkin), der für die endgültige Entfesselung des Chaos sorgt…

Wie kann man den exemplarisch gemeinen „Where’s Poppa?“ thematisch adäquat betrachtungsfortsetzen, wenn nicht mit Peter Jacksons vortrefflichem „Braindead“, der sich betreffs seines Sujets nicht nur an Reiners großes Vorbild eng anlehnt, sondern, soviel möchte ich wetten, einen Großteil seiner Inspiration aus diesem bezog. Herrische Mütter und unterwürfige Söhne in ödipalen Beziehungsstrukturen, das ist ja ohnehin stets ein dankbarer Kino-Topos gewesen, der besonders im komödiantischen Fach immer wieder Wunderbares ans Tageslicht förderte. „Braindead“ zieht unter das Thema einen letzten, den im Prinzip denkbar konsequentesten Schlussstrich, indem er es einfach durchgehen lässt wie eine Herde panischer Gäule. Natürlich kommt man nicht umhin, die diversen Sauereien und Geschmacklosigkeiten, die „Braindead“ sich einst als „splatter movie to end all splatter movies“ empfehlen ließen, zur Kenntnis zu nehmen, der zweite Blick ist jedoch ein noch wesentlich lohnenswerterer: Schält man die grelle Oberfläche des Films, insbesondere seine letzten zwanzig Minuten, und betrachtet ihn ein wenig subkutaner, geht es nämlich um reinstes ‚coming of age‘, um nichts Anderes, als um eine zarte Liebesgeschichte, der die monströse Mutter des leider hoffnungslos eingeschüchterten, unemanzipierten, jungen Mannes vorsteht. Selbst ihr Tod ermöglicht ihm noch keinen Zugang zur Freiheit, im Gegenteil wird dadurch alles nur noch schlimmer. Vor dem periodischen Hintergrund des fünfziger Neuseeland wirkt all das nur noch authentischer und liebevoller eingebettet. Freilich wäre es umgekehrt ebenso albern, „Braindead“ auf seine Metaebene zu reduzieren, dafür investiert Jackson dann doch allzu viel seiner Aufmerksamkeit in jene unvergleichliche Supp-Orgie, nach der kein Rezipient sich des Gefühls wird erwehren können, dass jetzt nicht prompt eine ausgiebige Dusche fällig sei. Nach fast einem Vierteljahrhundert (ich hatte seinerzeit das große Glück, den Film bereits kurz nach seiner Premiere auf dem Münchner Filmfest ungekürzt auf VHS besitzen und somit dauerstudieren zu können) wirken nun einige von Jacksons Gore-Ideen angesichts dessen, was die Zeit unterdessen so zur Tür hgineingeweht hat, rührend dated und nicht immer dem Zeittest gewachsen. Das Zombiebaby etwa scheint mir mittlerweile eine ziemlich alberne, eher redundante Nebenblüte, vor allem im Vergleich zu immer noch marvellösen Sequenzen wie dem Mittagessen mit der bereits schwer angeschlagenen Vera und dem Honoratioren-Paar der „W.L.W.L.“ (Wellington Ladies‘ Welfare League). Doch sei’s drum, man liebt den Film ja so wie er ist und möchte ihn irgendwie auch gar nicht mehr anders haben.

8/10

WHERE’S POPPA?

„Poppa’s dead.“

Where’s Poppa? (Wo is‘ Papa?) ~ USA 1970
Directed By: Carl Reiner

Der New Yorker Strafverteidiger Gordon Hocheiser (George Segal) ist eine arme Socke. Er ist nämlich Junggeselle und als solcher für die Pflege seiner Mutter (Ruth Gordon) zuständig, die sich, gemäß ihres fortgeschrittenen Alters, in einem transitiven Wesenszustand zwischen Senilität, Eifersucht und Boshaftigkeit bewegt. Im Gegensatz zu Gordons älterem Bruder Sidney (Ron Leibman), der bereits eine Familie sein Eigen nennt, ist jeder Ansatz Gordons, eine gesunde Beziehung zu einer Frau aufzubauen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Da Mutter Hocheiser außerdem bereits diverses Pflegepersonal verschlissen hat und in der gesamten Berufsszene entsprechend berüchtigt ist, fällt es zudem schwer, eine passende Kraft zu finden. Abhilfe taucht eines Tages in der Person der etwas naiven, aber lieben Schwester Louise (Trish Van Devere) auf, in die sich Gordon stande pede verguckt. Aber da ist dann noch die Mama…

Carl Reiners omniversaler Attacke auf den guten Geschmack gelingt das seltene Mirakel, eine denkbar böse Komödie zu sein, ohne in plumpe Vulgarismen oder Infantilismen zu verfallen. Nachdem die Synopse bereits erahnen lässt, dass Reiner vor allem die Unsitte auf die Schippe nimmt, mental abdriftende Familienmitglieder möglichst lange zu Hause zu beherbergen und damit die eigene Existenzqualität grotesk zu schmälern, darf man erfreut zur Kenntnis nehmen, dass noch etliche andere New Yorker Heiligtümer liebevoll von ihm mit Füßen getreten werden, sei es die sterotyp-obligatorische Gang sadistischer Schwarzer, die nächtens im Central Park abhängt und mit Gordons Bruder Sidney genau das masochistische Opfer für ihre Gemeinheiten erhält, nach denen sie verlangt; seien es also urbane Kriminalität, Ethno-Klischees, die Familie als Hochburg psychischer Stabilität, Homosexualität, Paraphilie oder der Strafvollzug: Reiner liefert ein unglaubliches Kaleidoskop bizarrster Typen, Szenen und Situationen und denunziert sie alle mit solch luftig-leichter Gelassenheit, dass es eine einzige, erquickliche Freude ist. Nicht nur, dass ich angesichts manch derber Wahr- und Weisheit des Films gegrinst und gelacht habe, wie schon lange nicht mehr, gehört der brillante „Where’s Poppa“ von nun an zu meiner persönlichen, unerlässlichen Liste des klassischen New-York-Kinos und symbolisiert gleichsam eines der wenigen Fanale einer anscheinend längst vergessenen Kunst: der der politisch betont unkorrekten, dabei intelligenten und vor allem zeitlosen Komödie. Ein Wunderwerk.

9/10

THE WALKING HILLS

„I’d rather like to listen to some chords.“

The Walking Hills (Treibsand) ~ USA 1949
Directed By: John Sturges

In einer kleiner Cantina hinter der mexikanischen Grenze kommt es zu einem zufälligen, seltsamen Zusammentreffen von acht Männern. Einer von ihnen (Jerome Courtland) berichtet von einem aus dem Sand heraus ragenden Wagenrad, das er in der Wüste jenseits des Grenzgebiets gesehen haben will. Für den alten Willy (Edgar Buchanan) ist klar: Dies kann nur einer der Wagen eines vor vielen Jahren verschollen Trecks sein, der einen gewaltigen Goldschatz transportierte. Sofort sind alle Anwesenden Feuer und Flamme und gemeinsam begibt man sich, gefolgt von der schönen Chris (Ella Raines), die gleich mit zweien der Mitreitenden eine spezielle Beziehung verbindet, zu jenen „wandernden Hügeln“, um das Gold ausfindig zu machen. Dabei kommt es bald zu Spanungen innerhalb der Gruppe.

Das Frühwerk von John Sturges bis etwa zur Mitte der fünfziger Jahre hin, als er begann, seine großen Western zu drehen und sich in die vordere Riege der großen Hollywood-Regisseure vorzuarbeiten, ist mit rund zwanzig Filmen gar nicht mal gering besetzt und lohnt die Aufbereitung. Mittendrin auf diesem eher unbesungenen Kerbholzteil des sturges’schen Œuvre findet sich etwa ein matt schimmernder Rohdiamant wie „The Walking Hills“; ein reduzierter, extrem verdichteter Ensemblefilm, der sich als Kammerspiel unter freiem Himmel irgendwo zwischen Hustons „The Treasure Of The Sierra Madre“ und der langsam abebbenden Welle der films noirs einordnen lässt. Keiner der an der Schatzsuche Beteiligten gibt unmittelbar ein klares Bild seiner Person ab und die Beziehungen der neun ProtagonistInnen zu- und untereinander kristallisieren sich erst nach und nach heraus, respektive ergeben neue Geflechte. Mit Randolph Scott verfügte Sturges immerhin über einen Darsteller, der ein gewissermaßen verlässliches Image mitbrachte, doch auch der von ihm gespielte Charakter des Glücksjägers und Pferdenarren Jim Carey bleibt über weite Strecken undurchschaubar. Dann gibt es noch die Geschichte einer privaten Vendetta; ein verdeckter Ermittler (John Ireland) ist unter den Männern, dann gleich drei, die Dreck am Stecken haben und natürlich Ella Raines als ebenso schöne wie selbstbestimmte Dame, die ihrer eigenen Wege geht. Edgar Buchanan mimt in weiter Bedienung eines klassischen Archetypen den knötternden, alten Schürfer, der irgendwo zwischen komischer Senilität und erhabener Weisheit allen überlegen ist und mit Josh White ist sogar ein Afroamerikaner vertreten, der, für die Entstehungsperiode löblich extravagant, kein unterwürfiges comic relief repräsentiert, sondern ein paar erstklassige Blues-Stücke zum Besten gibt. Kein Film wie viele andere also, sondern ein wie beiläufig aus dem Hemdsärmel geschütteltes Minimeisterwerk, das sich nicht nur in punkto Sturges unbedingt zur Revision empfiehlt.

9/10

SLIPSTREAM

„Seems like your balloons are about to fly soon.“

Slipstream ~ UK 1989
Directed By: Steven Lisberger

Die Zukunft. Infolge globaler Klimakatastrophen ziehen gigantische Stürme über die Erde, die „Slipstreams“, die keinen Stein auf dem anderen lassen. Die noch verbliebenen Menschen ziehen sich in unwegsame, gebirgige Regionen zurück, wo sie in kleinen Felsstädten und -dörfern leben. Inmitten der Ödnis sind zwei Polizisten, Trasker (Mark Hamill) und Belitski (Kitty Aldridge) auf der Suche nach dem Androiden Byron (Bob Peck), der einen Menschen getötet hat. Das auf Byron ausgesetzte Kopfgeld will sich jedoch auch der Glücksritter Matt (Bill Paxton) unter den Nagel reißen, der den Cops den mittlerweile bereits Gefangenen vor der Nase wegschnappt. Während ihrer folgenden Reise entwickeln Mensch und Android Verständnis füreinander und werden schließlich Freunde. Als sie nach einigen Abenteuern eine verborgene Zuflucht wohlhabender Bildungsbürger voller gehorteter Bibliotheken, Kulturartefakte und Luxusgüter erreichen, entschließen sie sich dort zu bleiben, doch Trasker und Belitski hängen ihnen noch immer an den Fersen…

„Slipstream“ als einen „merkwürdigen Film“ zu bezeichnen, wäre noch untertrieben. Er wirkt häufig zerfahren, unfertig und vor allem unter offensichtlichen monetären Einschränkungen leidend. Immer wieder scheint die Ambition eines wesentlich größer Angestrebten durch die nebulösen Bilder, von etwas, das sich eben erahnen lässt, „Slipstream“ aber nicht einzulösen vermag. Zumindest etwas einleuchtender wird die Angelegenheit, wenn man ihn zunächst kontextuell als Werk von Steven Lisberger und ferner als die bis dato letzte seiner vier Langfilmarbeiten betrachtet. Im Grunde lassen sich nämlich alle von Lisbergers Filmen auf die eine oder andere Weise als kleine bis große Exoten klassifizieren und die Verschrobenheit ihres Regisseurs jeder auf seine spezifische Weise durchschimmern. Ein Blick auf die Produktionsgeschichte des Werks verschafft dann endgültige Klarheit: Gary Kurtz, einst enger Verbündeter von George Lucas, hatte die ersten beiden „Star Wars“-Filme produziert und sich damit einen ordentlichen Stiefel zusammenverdient. Nach dem Bruch mit Lucas ging es für ihn nicht nur wirtschaftlich bergab („Return To Oz“), sondern auch privat. Mitten in der Scheidung von seiner zweiten Frau steckend, wurden die Budgetlimitierungen für „Slipstream“ zunehmend akuter und einschneidender, führten zu Kürzungen und kreativen Fehlerwägungen, die dafür sorgen, dass man die ursprüngliche Version dessen, was man da nunmehr ansichtig wird, bestenfalls noch rudimentär erahnen kann. Im Kino erlebte der Film nur in wenigen Ländern seine Aufführung und scheiterte dort jeweils katastrophal, so dass er binnen kürzester Zeit public domain wurde. Dabei hätte „Slipstream“ als erwachsenenes Sci-Fi-Märchen um die Freundschaft zwischen einem verträumten Halunken und einem sympathischen Androiden richtig schön werden können. Immerhin lässt sich heuer noch konstatieren, dass das Ding nach zwei sehr schwachen ersten Dritteln gegen Ende hin deutlich zulegt und sich damit doch noch ein – wenn auch mikroskopisch kleines – Gütesiegel erwirtschaften kann. Bradbury, Assimov und Dick schimmern da matt durch, nachdem zuvor, im Zuge der Szenen um die von Avatar (Ben Kingsley) angeführte Windsekte und den nachfolgenden Sturm sich bereits gewaltige Konfusion breitmachte. Die Begegnung mit den dekadenten Senioren in ihrerm prunkpräservierten, champagnergetränkten Refugium unter der Führung von Cornelius (F. Murray Abraham) nebst der „Personwerdung“ Byrons erinnert an ebenjene großen Literaten. Auch die sich den Bildern grandios überordnende, bombastische Musik von Elmer Bernstein lässt noch erahnen, was da eigentlich avisiert wurde. Am Ende bleibt eben dieser seltsame, fragmentarische Film, dem, unvollendet wie er nunmal ist, als nie veröffentlichter Leinwandmythos vielleicht eine dankbarere „Existenz“ zuteil geworden wäre.

5/10