THE INCIDENT

„Where were you, buddy?“

The Incident ~ USA 1967
Directed By: Larry Peerce

Späte Sonntagnacht in New York. Während die meisten Einwohner der Stadt sich schlafend auf die kommende Arbeitswoche einstellen, fährt eine kleine, bunt zusammengewürfelte Gruppe von Bürgern mit der Bahn Richtung Grand Central Station. Normalerweise würde keiner der größenteils missgelaunten Passagiere den anderen auch nur von oben herab ansehen, heute Nacht jedoch verbindet sie alle etwas: Als letzte Fahrgäste steigen nämlich die zwei Schwerdelinquenten Artie (Martin Sheen) und Joe (Tony Musante) zu, die nichts anderes im Sinn haben, als ihre Mitmenschen „fertigzumachen“…

Larry Peerces „The Incident“ ist leider noch immer ein nur recht rar verfügbarer Film, dabei verdankt ihm das in den siebziger Jahren vielfach ausstaffierte Terrorszenario einer von wenigen Kriminellen drangsalierten, an Ort und Stelle festgehaltenen Personen so ziemlich alles. Ich selbst habe ihn einmal in den frühen Neunzigern im Nachtprogramm des ZDF gesehen, erlebte ihn damals zwar bereits als involvierend, aber auch recht karg und befremdlich und habe ihn dann, trotz eigentlich steter Präsenz im cineastischen Hinterkopf, bis dato ad acta gelegt. Umso begeisternder fiel die aktuelle Betrachtung aus.
Berühmte, spätere Titel wie „The Last House On The Left“, „Fight For Your Life“ oder „La Casa Sperduta Nel Parco“ bahnen sich während der Rezeption und danach unweigerlich den notorischen Weg zurück ins Gedächtnis des Zuschauers; Filme, deren dräuende Unbequemlichkeit sich vor allem durch herbe psychologische Attacken auf Protagonisten wie Zuschauer niedersetzt; wirkmächtige Werke, bei denen der Zuschauer wie seine „Leidensgenossen“ auf Leinwand oder Mattscheibe zur Passivität gezwungen ist, die Zähne knirschend aufeinandergepresst, die Fäuste bis zum Zerbersten in der Tasche geballt. Mehr noch als seine Nachfolger zeichnet „The Incident“ allerdings ein vielschichtiges Personenbild, indem er ein nicht weniger als sechzehn Personen umfassendes Charakter-Kaleidoskop feilbietet, von denen alle ohnehin gewaltige existenzielle Probleme mit sich herumschleppen: Das ewige Thema von Familie Wilks (Ed McMahon, Diana Van der Vlis, Kathleen Smith) ist das beklagenswerte, zu wenig Geld in der Hauskasse zu haben, um so freigiebig leben zu können wie andere; die befreundeten Privates Teflinger (Beau Bridges) und Carmatti (Robert Bannard) besuchen die Staaten – mutmaßlich im Zuge eines Fronturlaubs von Vietnam; Arnold Robinson (Brock Peters) ist ein afroamerikanischer Rassist, der am liebsten jeden Weißen  standrechtlich erschießen würde, was seine liberal positionierte Frau Joan (Ruby Dee) zunehmend abstößt; Senior Sam Beckerman (Jack Gilford) jammert seiner geduldigen Gattin Bertha (Thelma Ritter) unentwegt vor, wie verkommen und egozentrisch die junge Generation doch sei; Harry Purvis (Mike Kellin) leidet unter den hasserfüllten Beleidigungen seiner luxussüchtigen Frau (Jan Sterling), die ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit unterbreitet, einen Loser geheiratet zu haben; Douglas McCann (Gary Merrill) steht als arbeitsloser Alkoholiker kurz vor der Obdachlosigkeit; Kenneth Otis (Robert Fields) kommt mit seiner Homosexualität nicht zurecht; Der halbstarke Tony (Victor Arnold) ist stolz darauf, just die hübsche, etwas zugeknöpfte Alice (Donna Mills) erobert zu haben. Und ein volltrunkener Penner (Henry Proach) schläft seinen Rausch aus. Soweit der figurale Aufzug. Einmal in dem ausfluchtslosen Waggon zusammengepfercht sind sie alle den Repressalien und Attacken ihrer beiden, mit einem Stilett bewaffneten, zunehmend entfesselten Peiniger ausgeliefert. Niemand von ihnen bringt die Zivilcourage oder den Mut auf, die Gemeinschaft zur Gegenwehr aufzubringen, allzu groß die Misanthropien, Despektierlichkeiten und wechselseitig grassierenden Ressentiments. Dabei wird jeder zielgerichtet bei seiner jeweiligen, spezifischen Schwäche gepackt. Artie und Joe quetschen sämtliche der Kurzreisenden öffentlich und durch entwertende Beleidigungen gnadenlos aus, um sie entkräftet ihrer Pein zu überlassen. Erst als bei einem der beiden Soldaten sein Kriegstrauma ausbricht, ist es mit der asozialen Herrlichkeit vorbei – eine unnötige Wendung, die lediglich  durch ein wenig Demonstration gemeinschaftlicher Stärke hätte verhindert werden können, deren Mobilisierung jedoch, wie sich am Ende zeigt, ebenso undenkbar gewesen wäre wie eine vernünftige Diskussion mit den beiden ausgewiesenen Unruhestiftern.
„The Incident“ hat nach annähernd vierzig Jahren kein Gran seiner zerreißenden, anklagenden und betroffen machenden Wirkung eingebüßt, er ist und bleibt trotz einem Mindestmaß physischer Gewaltaufwendung ein resignatives, schwarzes Meisterwerk des transgressiven Films. Stilistisch stark beeinflusst vom Cinéma vérité und vom frühen Cassavetes verweist er außerdem genealogisch betrachtet klar Richtung des aufziehenden New Hollywood.

10/10

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